Sprengstoffattentate in Stuttgart Ein Telefonzellenbomber schockt die Stadt

Ein skrupelloses Attentat: Die zerstörte Telefonzelle 1996 an der Doggenburg. Foto: dpa/

Die Stuttgarter sind ahnungslos, während bei der Polizei höchste Alarmstufe herrscht: Ein Sprengstoffattentäter kündigt einen Anschlag an – es wäre bereits der dritte. Es ist einer der skurrilsten Kriminalfälle der Stadt.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart - Sie will nur mal schnell noch mit den Eltern in Augsburg telefonieren. Heute, in Zeiten von Smartphones und einer Überallerreichbarkeit, wäre das für die 20-jährige Sportstudentin kein Problem gewesen. Doch damals, im Oktober 1996, ist noch das Festnetztelefon der Standard. Und im Wohnheim hat sie gerade keinen Anschluss. Also sucht sie an der Doggenburg im Stuttgarter Norden eine Telefonzelle auf, eine von damals 2200 in der Stadt. In der Zelle, auf der Ablage: eine Eierschachtel, oben drauf ein Geldbeutel. „Da greift doch jeder hin, da denkt man doch nichts“, sagt die junge Frau.

 

Ein ohrenbetäubender Knall, splitterndes Glas. Plötzlich ist die Welt „leise, leer, hohl“. Die Studentin ist das Zufallsopfer eines perfiden Bombenlegers geworden. Es ist nicht der erste Anschlag dieser Art.

Der Kripomann und das ungelöste Aktenzeichen

Helmut Hagner hat den Fall des Telefonzellenbombers besonders beschäftigt. Damals war er der Sachbearbeiter, ein Kripomann im Branddezernat, 41 Jahre alt. Die Akten mit Spuren, Lichtbildern, Zeugenvernehmungen hat er über Jahre sichtbar in seinem Aktenschrank aufbewahren müssen. Aktenzeichen ungeklärt. Heute ist Hagner pensioniert, und er ist froh, diesen und andere brandheißen Fälle „gut überstanden“ zu haben.

„Alles schien damals zunächst noch überschaubar zu sein“, sagt Hagner. Vor der Explosion an der Doggenburg im April 1995 war ein Sprengsatz in einer Telefonzelle am Pragsattel hochgegangen. Versteckt in einer scheinbar vergessenen Plastiktüte, mit einer präparierten Zigarettenschachtel als Zünder. Ein 19-Jähriger war ebenfalls schwer verletzt worden. „Heute würde man sofort an einen radikalen islamistischen oder rechtsterroristischen Anschlag denken“, sagt Helmut Hagner. Damals dachte man vor allem in eine Richtung: Das war das Werk eines Psychopathen. Mit dieser Einschätzung sollte der Kripomann auch Recht behalten. Aber nicht damit, dass alles überschaubar bleiben würde.

Die Frage, die sich das Opfer lieber nicht stellt

Monate nach dem Attentat an der Doggenburg ist das Opfer zum ersten und einzigen Mal bereit, mit einem Reporter zu sprechen. Wir einigen uns darauf, sie Sybille M. zu nennen. Sie hat seither keine Telefonzelle mehr betreten, nur einmal, weil sie mal ihre Schlüssel vergessen hatte. Die 20-Jährige hat einen bleibenden Gehörschaden erlitten, Risse im Trommelfell, ein Pfeifen und Rauschen im Innenohr, irreparabel, erfährt sie. Ihr Nebenverdienst mit Kinderschwimmen, Kinderturnen und Fitnessgymnastik fällt flach, der Weiße Ring greift ihr finanziell unter die Arme. „Ich habe nichts mehr auf die Reihe gekriegt“, sagt Sybille M. über die Folgen. Warum es ausgerechnet sie getroffen hat? „Diese Frage stelle ich nicht, das führt zu nichts“, sagt sie.

Der dreiste Brief des Bombenlegers

Der Täter stellt sich solche Fragen auch nicht, ihn plagt ohnehin kein schlechtes Gewissen. Das merken Hagner und die Stuttgarter Kriminalpolizei im Dezember 1996, knapp zwei Monate nach dem Attentat auf Sybille M., dem Zufallsopfer. Bei der Polizei geht ein Brief ein, mit der Begrüßung: „Hallo Freunde!“

Der Verfasser beschreibt die Bauweise der beiden Bomben am Pragsattel und an der Doggenburg. „Zündenergie durch mehrere 9-Volt-Blockbatterien in Reihe geschaltet, parallel dazu ein Kondensator 10.000 Mikro-Farad als kurzfristiger Energiespeicher.“ Die Experten sind sicher: Das muss der Attentäter sein.

Die Polizei soll zahlen, sonst geht die nächste Bombe hoch

Er hat noch eine schlimmere Botschaft, und es ist endgültig vorbei mit der Überschaubarkeit: „Die dritte Bombe ist fertig!!! Gefäß aus Propangasflasche 12 Kilo, Zünder wie oben, Propangasflasche in Geschenkpapier eingewickelt und in Sporttasche versteckt“, steht da unter anderem. Und: „Wir steigen mit Sporttasche in U-Bahn, zwei Stationen vor Hauptbahnhof ein, vergessen die Tasche unter dem Sitz, Bombe explodiert kurz nach Hauptbahnhof.“

Die Polizei allein könne das noch abwenden: mit der Zahlung von 300 000 D-Mark, umgerechnet 154 000 Euro. Das Ultimatum läuft: Bis 21. Dezember 1996 soll gezahlt werden, sonst „knallt es ganz gewaltig“. Erpressung mit Bomben – auch später sollte es solche Fälle geben, wie 2019 bei der Erpressung von Daimler. Dieser Täter wollte indes schon 25 Millionen Euro haben.

Die Sache mit den Tierbildern im Fernsehen

Das ist längst kein Fall mehr allein für die Ermittler um Kriminalhauptkommissar Hagner. Bundeskriminalamt, Landeskriminalamt, Berater, Psychologen, vor allem Hunderte Beamte, die nun verdeckt in den Bahnen mitfahren, um mögliche Verdächtige aufzuspüren. Stuttgart ist bedroht. Doch wie soll man die Bevölkerung sensibilisieren, ohne Panik auszulösen?

„Die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Anschlags war sehr, sehr hoch“, sagt Michael Kühner, einst Kripochef, pensionierter Polizeivizepräsident und Kurator des Polizeimuseums. Man habe deshalb versucht, alle Bedingungen zu erfüllen. Auch die, dass die „Tagesschau“ zwei Wochen lang vor der Wettervorhersage „über irgendwelche Ereignisse mit Tieren“ berichtet. Um dem Täter zu signalisieren, dass die Botschaft angekommen ist. Das klappt aber nicht. Die Redaktion sende grundsätzlich keine solchen erzwungenen Beiträge, heißt es in Hamburg.

Botschaften per Zeitungsannonce

Wie aber soll man Kontakt mit dem Erpresser aufnehmen? Die Polizei zieht die Presse ins Vertrauen. Vor Ablauf des Ultimatums sitzen wir im Präsidium, Kühner und Hagner legen die Karten auf den Tisch. Ihr Ansinnen: Es soll nichts berichtet werden, was den Täter provozieren könnte. In den Zeitungen erscheint eine Kleinanzeige, die niemand versteht - aber hoffentlich der Täter: „Entlaufen: Seit 18.10.1996 zwischen Telefonzelle Pragbunker und Kräherwald vermisst: weiße Perserkatze, Name ‚Farad’ auf grünem Halsband. Meldung in der Tagesschau nicht möglich.“ Dazu eine Telefonnummer.

Das Ultimatum am 21. Dezember verstreicht. Und es passiert – nichts. „Wir haben uns dem Profil des Täters zu nähern versucht“, sagt Hagner. Dass der Unbekannte eine gewisse technische Ausbildung haben muss, ist unstrittig. Die Beamten fragen in einer technischen Berufsschule im Stuttgarter Norden nach. Dort meint man, das könnte durchaus ein Schüler gewesen sein. „Aber alles unkonkret“, sagt Hagner. Experten legen ein Psychogramm vor: „Hohes Selbstwertgefühl, starkes Machtbewusstsein, eitel, destruktiv, gute technische Fähigkeiten, intellektuell einfältig, spätpubertierend.“

Die Rohrbombe an der S-Bahn-Station

Die Atempause dauert zwei Jahre, sie endet am 14. Dezember 1998. Ein Mann gibt im unterirdischen S-Bahn-Halt Hauptbahnhof bei der DB-Aufsicht im Glaskasten eine Tüte ab. Die habe er unter einem Sitz gefunden, sagt der Unbekannte. Inhalt: Ein Karton mit einer Rohrbombe mit Wecker, Kabeln und Batterien. LKA-Experten entschärfen das Teil – es ist von derselben Bauart wie bei den Anschlägen zuvor. Der Finder, das wird den Beamten bald klar, war der Bombenleger selbst. Doch alle Fahndungen führen in eine Sackgasse.

Oft sind es ganz andere Ermittlungen, die letztlich zur Aufklärung von Straftaten beitragen. Auch wenn es auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zu geben scheint. Bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn landet der Fall eines Sexualstraftäters, der im Oktober 2001 eine Klinik in Erlangen wegen einer verweigerten Operation mit einer Mail bedroht. Er sei wegen der ausgefallenen OP nun als „Sextourist in arme Lande“ unterwegs, um Mädchen sexuell zu missbrauchen, schreibt er.

Eine E-Mail wird zum Eigentor

Die Spur der E-Mail führt im November 2001 zu einem 36-Jährigen ins Strohgäu nach Eberdingen (Kreis Ludwigsburg), einem ledigen Techniker. Wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs wird bei ihm eine DNA-Probe genommen. Das Ergebnis sorgt Monate später für einen unerwarteten Knaller.

Der genetische Fingerabdruck stimmt mit der DNA überein, die auf dem Erpresserbrief und der Rohrbombe 1998 sichergestellt wurde. Der Mann wird am 24. Mai 2002 festgenommen. Er legt ein Geständnis ab. Er habe das Geld für eine Operation seiner Trichterbrust gebraucht, sagt er.

Der Täter und seine Trichterbrust

Alles passt. Schon als Jugendlicher hat er Bomben gebastelt und im Wald getestet. Als 1995 die erste Telefonzelle explodierte, beging er seinen 30. Geburtstag. „Und er war auch Schüler in der von uns befragten Schule“, sagt Hagner. Elektroniker, staatlich geprüfter Techniker, zuletzt am Pfaffenwaldring in einem Institut der Universität Stuttgart beschäftigt.

Das mit der Trichterbrust, wird später bescheinigt, sei wohl eher mehr Einbildung gewesen, ein sogenanntes Entstellungssyndrom. Der psychiatrische Gutachter spricht von „Hass und Wut auf Gott und die Welt“. Das Landgericht verurteilt ihn Ende 2003 wegen mehrfachen versuchten Mordes in Tateinheit mit dem Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sowie versuchter räuberischer Erpressung zu zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Am Ende bleibt noch eine Trophäe

Eine Trophäe hat Michael Kühner behalten: Ein Mini-U-Boot, mit dem der Bombenleger und Erpresser wohl eine Geldübergabe abwickeln wollte. Das selbst gebaute Metallteil hatten die Beamten in der Wohnung des Täters gefunden. Der kleine Unterwasser-Geldtransporter hätte von Überlingen nach Konstanz-Wallhausen durch den Bodensee schippern sollen. „Aber irgendwie hat er’s dann doch nicht eingesetzt“, sagt Kühner. Jetzt ist das Ding so etwas wie eine Telefonzelle – museumsreif.

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