Spritpreise und Fachkräftemangel So fahren die Speditionen im Land durch die Krise

Die Auftragsbücher der meisten Speditionen sind gut gefüllt. Auch deshalb können die Transportunternehmen die gestiegenen Preise an ihre Kunden weiterreichen. Foto: Imago/Jochen Tac/k

Weil mehr Unternehmen ihre Lieferketten absichern wollen, sind die Lager der Speditionen voll. Was die hohen Dieselpreise betrifft, haben die Spediteure einen Kniff.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Tankrabatt weg? Während die Autofahrer wegen der steigenden Spritpreise bangen, fahren die meisten Lkw-Fahrer derzeit entspannter. 200 Lastwagen und ihre Fahrer schickt etwa das Geislinger Logistikunternehmen Wiedmann & Winz täglich auf die Straßen, sie transportieren unter anderem Waren für Daimler und WMF. Gut ein Viertel der Frachtkosten macht der Dieselpreis derzeit aus – und doch ist Geschäftsführer Micha Lege auch zu Septemberbeginn zuversichtlich. „Derzeit läuft es noch gut“, meint er. „Wir können wie die anderen Spediteure die Mehrkosten an unsere Kunden weitergeben.“

 

Unternehmer auf Speditionen angewiesen

Die Branche profitiert von einem Mechanismus, den sich mit dem Wegfall des Tankrabatts zum ersten September wohl auch andere wünschten. Die meisten Spediteure im Land haben Dieselpreisklauseln vereinbart, mit denen sie Preissprünge an die Kunden weitergeben. Die sogenannten Dieselfloater orientieren sich automatisch an der Entwicklung des Kraftstoffpreises und verteuern oder verbilligen die Frachtkosten. Weil die Unternehmen auf die Speditionen angewiesen sind, sind die Kostensteigerungen auch nicht in der Diskussion.

Im Gegenteil. „Wir können und müssen aufgrund geringer Margen auch andere Kosten an unsere Kunden weitergeben – etwa wegen höherer Löhne oder dem Preisanstieg für Lkw und Auflieger“, sagt Lege. „Hilfreich ist sicher, dass auf dem Markt Lkw knapp sind und Auftraggeber Transportunternehmen mit eigenem Fuhrpark wertschätzen. Manche Firmen suchen vergeblich Laderaum für ihre Transporte.“

Das hat auch mit dem Fachkräftemangel zu tun. Derzeit fehlen allein in Baden-Württemberg zwischen 3000 und 5000 Lkw-Fahrer. Hinzu kommen lange Wartezeiten beim Lastwagenkauf und volle Lager. „Wer hier den Firmen Platz anbietet, erhält gute Preise“, sagt Andrea Marongiu, Hauptgeschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik (VSL) in Baden-Württemberg.

„Ich könnte im Moment das Doppelte vermieten“, sagt Rüdinger

„Die Firmen lagern wieder mehr ein“, bestätigt Roland Rüdinger, Geschäftsführer der gleichnamigen Krautheimer Spedition. „Unsere Lager sind brechend voll – ich könnte im Moment das Doppelte vermieten.“ Hätten die Unternehmen früher praktisch keine Lagerflächen genutzt und sich Waren stundengenau für die Weiterverarbeitung liefern lassen, hätten gestörte Lieferketten und Materialmangel dieses System außer Kraft gesetzt, sagt Rüdinger. „Aus Schaden wird man klug. Die Unternehmen bauen mit größeren Lagerkapazitäten wieder mehr Sicherheit ein.“ Allerdings würden die Lagerkapazitäten in der Branche nicht für alle Kunden reichen. „Deshalb werden Lieferketten wieder reißen. Die Bürgermeister müssen verstehen, dass wir mehr Flächen für Lagerhallen brauchen. Sonst werden auch die Verbraucher länger und häufiger auf Waren warten.“

Zu den größeren Sorgen des Verbands zählt aber derzeit der Bedarf an Ad Blue. Der Stoff für die Abgasreinigung droht knapp zu werden. 1,5 Liter benötige man als Zusatz auf 100 Kilometer, rechnet Hauptgeschäftsführer Marongiu vor. Doch mehrere Großproduzenten drohten bereits, die Ad-Blue-Produktion einzustellen, weil sie wegen der sprunghaft gestiegenen Gaspreise nicht mehr rentabel sei. Im Gegenzug hat sich der Preis für den Liter für die Speditionen vervielfacht. Sollte es einen Mangel geben, müsse der Staat eingreifen, fordert Marongiu. „Oder sie muss den Firmen erlauben, die Ad-Blue-Filter in den Lastwagen ausschalten. Das würde aber wiederum die Umwelt stark belasten.“

„Coronakrise gut gemeistert“

Davon abgesehen ist Marongiu mit dem Zustand der Branche zufrieden. Von Insolvenzen seien die Unternehmen im Land verschont geblieben, betont er. Schreckensszenarien wie Versorgungsengpässe oder leere Supermarktregale hätten sich nicht bewahrheitet. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Branche die Coronakrise so gut meistert.“ Auch im Vergleich zu anderen Branchen schneide die Logistik gut ab. Das mache Mut für die kommenden Monate. „Ich sehe die Firmen gut für den Winter gerüstet.“

40 bis 50 Fachkräfte sucht allein Micha Lege derzeit

Das ist auch die Perspektive von Lege, dem Geschäftsführer von Wiedmann & Winz. Die Nachfrage von den Transporten wie auch bei den Dienstleistungen rund um die firmeneigenen Logistikzentren sei nach wie vor hoch. „Hätten wir noch mehr Fachkräfte, könnten wir noch schneller wachsen“, betont er. 40 bis 50 Stellen könnte er derzeit besetzen.

Der Hohenloher Spediteur Rüdinger ist mit der Nachfrage zufrieden. Noch sei sie sehr hoch, doch er rechne damit, dass sie sich in den kommenden Monaten normalisiere. Und würden die Aufträge infolge einer möglichen Rezession sinken, machten sich die langjährigen Beziehungen bezahlt, betont er, dann spreche man eben gemeinsam über neue Konditionen. „Hier auf dem Land pflegt man die Kundenbeziehungen“, sagt Rüdinger. „Wer schon länger im Geschäft ist, weiß, dass der Wind sich auch wieder drehen kann.“

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