Spuk in Waiblingen Was hinter dem Totenkopf im Karzer steckt

Von Harald Beck 

Mysteriöse Geschichten und wahre Begebenheiten – was die Uni Tübingen damit zu tun hat, dass im Turmgefängnis nahe der Waiblinger Nikolauskirche angeblich bisweilen ein Totenschädel erscheint.

Im Karzerturm soll sich manch grauslige Szene abgespielt haben. Foto: Gottfried Stoppel
Im Karzerturm soll sich manch grauslige Szene abgespielt haben. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Dieser Tage soll er eine Frischzellenkur verpasst bekommen, der alte Karzer im Wehrturm an der Waiblinger Stadtmauer unterhalb des Apothekergartens und der Nikolauskirche. Ein Ort, an dem einst der eine oder andere unbotmäßige Student hinter den gut einen Meter dicken Mauern geschmachtet hat. Das war zu Zeiten, als ein Teil der Universität Tübingen der Pest wegen vom Neckar an die Rems verlegt worden war. Schließlich war Georg Hartzesser, der Dekan der Tübinger Uni gegen Ende des 15. Jahrhunderts, ein gebürtiger Waiblinger.

Makabre Machenschaften im dusteren Karzer

Im Karzer aber, so lauten die Überlieferungen aus finsterer Waiblinger Vergangenenheit, habe es auch noch ganz andere Umtriebe gegeben. Fast okkulte Machenschaften, von denen der berühmte Totenkopf im Karzer zeugt, dessentwegen so mancher heute noch lebende Waiblinger in Jugendzeiten mit Gruseln einen heimlichen Blick durchs Fenster des Karzers wagte. Jener Totenschädel, der heutzutage dort drapiert ist, ist allerdings mit Sicherheit nicht echt.

Historisch nicht belegt ist auch die Geschichte jener Studenten, die dafür gesorgt haben sollen, dass bisweilen des nachts tatsächlich ein Totenkopf am Karzer erscheint. Kurz vor Mitternacht in einer hellen Vollmondnacht, so fabuliert dazu der Stadtführer Wolfgang Wiedenhöfer in seinem im Iris Förster Verlag erschienenen Büchle „Teufel, Trolle und Totenköpfe“ kam in jenen Waiblinger Universitätsjahren eine Gruppe quasi todesmutiger Studenten der medizinischen Fakultät mit einer grausligen Last durch das Capelltörle hinter der Nikolauskirche in die Stadt geschlichen. Die Burschen hatten einen am Vortag begrabenen Waiblinger Leichnam im Schlepptau, den sie zuvor auf dem Friedhof bei der Michaelskirche ausgegraben hatten. Jener studentische Brauch, an frisch Verstorbenen anatomische Studien zu betreiben und Präparate anzufertigen, war natürlich streng verboten.

Um einen versteckten Platz für ihre heimliche Obduktion zu haben, hatten die offenbar recht gut organisierten Herren Studenten tags zuvor zunächst einmal den Universitätswachmann bis zur Halskrause und länger anhaltenden Besinnungslosigkeit mit Remstalwein abgefüllt und ihm den Karzerschlüssel abgenommen. Im Schutz der Nacht und sicher vor den wachsamen Augen des Nachtwächters machten sich die angehenden Mediziner mit Laternen und anatomischem Besteck ans schaurige Werk am Tisch mitten im engen, feuchten Karzer.

Die Studenten nehmen Reißaus

Müde von der Hitze des extra mitgebrachten Öfeles und womöglich etwas beduselt von den Dämpfen der Präparationsmittel, aber wohl auch im Bewusstsein des von ihnen vollführten Frevels, plagte die Studenten bald ein äußerst mieses Gefühl. Als schließlich zum gespenstischen Rattenrascheln, bedrohlichen Käuzchenschrei und fernen Ruf des Nachtwächters auch noch ein Windstoß kam, der sämtliche Lichter am Leichenseziertisch auspustete, war es mit dem Mut der Studenten endgültig vorbei. Die Burschen, so heißt es in der Anekdote, nahmen Reißaus und wagten sich angeblich nie wieder an derlei verwerfliches Tun.

Das weitere Schicksal des exhumierten Altwaiblingers ist laut der Wiedenhöfer-Version der Totenkopfgeschichte nirgends überliefert. Ganz glücklich scheint er mit seiner Ruhestätte allerdings nicht zu sein. Denn in manchen Nächten soll seit jenem unvollendeten medizinischen Experiment – quasi wie von Geisterhand bewegt – im Karzer unter der Nikolauskirche ein Totenschädel erscheinen, der natürlich am nächsten Morgen prompt wieder verschwunden ist.