Spurensuche Mein Leben zwischen Karteikarten

  Foto: dapd
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Wer einst ohne Computer und Internet Examen machen wollte, der brauchte viel Papier und einen Kugelschreiber. Die großen Gedanken der Fachliteratur wurden in Zettelkästen zwischengespeichert.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Stuttgart - Als jüngst der Ärger über die Doktorarbeit von Annette Schavan so richtig losging, gab es von ihr in den Medien ein historisches Privatfoto zu sehen: die junge Studentin Ende der siebziger Jahre an ihrem Schreibtisch daheim zwischen lauter Büchern und Zetteln und mit gezücktem Kuli in der Hand – mitten beim Promovieren. Mir wurde beim Betrachten recht warm ums Herz. Denn ich habe zwar erst zehn Jahre später an meiner Abschlussarbeit gesessen, und es war auch nur zum Magister (der Geschichte). Aber auch 1989 gab es im Studierzimmer noch keinen Computer und kein Internet. Auch bei mir sah es so aus wie bei Schavan: ich mit gezücktem Schreiber zwischen lauter Büchern und Papieren. Und vor mir mein geistiges Zentrum: die Karteikästen.

Wer damals in den Einführungskursen „Arbeitstechniken“ aufgepasst hatte, der arbeitete als Geisteswissenschaftler mit Karteikarten. Und das ging so: hatte man in der Unibibliothek nach Wochen bangen Wartens endlich das Grundlagenwerk zu seinem Thema bekommen oder im Staatsarchiv die nötigen Akten, dann musste man all das exzerpieren. Dazu las man es. Und immer, wenn man das Gefühl hatte, einem wichtigen Gedanken oder einer relevanten Tatsache zu begegnen, notierte man diese auf eine Karte, im Idealfall immer genau einen Gedanken oder eine Tatsache pro Karte, weil das zum Schluss das nötige Sortieren der Karten erleichterte. Man kann sich vorstellen, wie viele Karteikarten so zum Einsatz kamen. Und man versteht sehr gut, warum die Schreibwarenläden in Uninähe viele Regalmeter lang ausschließlich Karteikarten in verschiedenen Größen und Farben feilboten.

Ja, das war der Luxus unserer Studententage!

Irgendwann also hatte ich im Sommer 1989 die ganze Literatur und mutmaßlich alle Quellen durchgeackert. Es ging dabei übrigens um die Gründung der Hamburger Universität – ausgerechnet im Revolutionsjahr 1919 und ausgerechnet von Sozialdemokraten. Zu Hause lagerten nun in schwarzgrauen Kästen die Karten, blau für Sekundärliteratur, rot für Quellen. Und daraus bezog ich dann für meine Vorschrift (übrigens per Hand und auf hellbraunem Umweltschutzpapier) das Futter für das eigentliche Werk. Ganz ehrlich: wie nah dran oder wie weit entfernt von der Vorlage der jeweilige zusammenfassende Text auf der Karte war, konnte ich beim Wiederlesen Wochen nach der Lektüre im Einzelfall kaum entscheiden. Ganz ohne Absicht.

Womit ich sagen will: das Karteikartensystem soll ganz bestimmt keine Schlurigkeit oder gar offenen Betrug entschuldigen. Aber wenn es darum geht, eigene und fremde Worte strikt voneinander zu trennen, ist dieser Methode eine gewisse Unschärfe notorisch zu eigen. Als modern und effektiv galt sie einst trotzdem. Etwa so wie die elektrische Schreibmaschine, die ich mir zum Abtippen der Vorschrift von Freunden auslieh. Mit Korrekturband! Ja, das war der Luxus unserer Studententage.

Tempora mutantur. Im Sommer habe ich den Keller aufgeräumt. Dabei sind auch fast alle Karteikarten in den Müll gewandert. Schimmel. Ich hoffe, die Überreste reichen für den Ernstfall. Als Quelle.

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