Schwarz mit rotem Muster, rot-weiß gepunktet, pink mit Blümchen – bunte Röcke in allen möglichen Farbkombinationen rauschen an diesem Mittwochabend zu den Klängen von Michael Jacksons „Billie Jean“ durch den Rudi-Häussler-Saal in Vaihingen. Die bauschigen Röcke mit vielen Stofflagen, die Petticoats, gehören zur Standardkleidung für Frauen beim Squaredance.
69 Figuren, die immer unterschiedlich kombiniert werden
Sie sorgen dafür, dass durch die schnelle Figurenabfolge beim Tanzen ein wehendes Farbenmeer entsteht. „Ich frage mich manchmal, warum ich im Sommer in einem warmen Petticoat tanze, aber es macht einfach so viel Spaß“, sagt Sigrid Noll, die seit etwa einem Jahr bei den Broken Wheels in Vaihingen tanzt. Der Verein zieht Menschen weit über Vaihingen hinaus an. Da es auf den Fildern beispielsweise keinen eigenen Squaredanceclub gibt, haben die Broken Wheels einige Mitglieder aus Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen. Willkommen ist jeder.
Doch worum handelt es sich beim Squaredance überhaupt genau? Der in den USA entstandene Volkstanz besteht aus mehr als hundert Figuren, die die Tänzer in Kursen, so genannten classes, lernen. Diese Ausbildung ist wichtig, denn sie bildet die Basis für das gemeinsame Tanzen, das aus einer immer wieder variierenden Abfolge der Figuren besteht. Im Grundkurs für Anfänger lernt man die ersten 69 Figuren.
Der Caller als Ansagenmacher
Der Name Squaredance leitet sich von der Anordnung der Tänzer zu Beginn eines Tanzes ab. Je vier Paare bilden gemeinsam ein Quadrat, auf englisch „square“. Während sie durch die Ausführung der verschiedenen Figuren viel herumwirbeln und auch mit den anderen Tänzern in ihrem Square tanzen, stehen sie am Ende wieder ihrem ursprünglichen Partner gegenüber.
Was kompliziert klingt, wird von einem „Caller“ koordiniert. Dieser sagt den Tänzern an, welche Figur als nächstes an der Reihe ist. Manche dieser Figuren sind relativ selbsterklärend, wie etwa „circle left“, oder „scoot back“. Was mit „cloverleaf“ oder „dixie style to an ocean wave“ gemeint sein soll, dürfte den meisten Laien jedoch ein Rätsel sein. Umso beeindruckender ist es angesichts dessen zu sehen, wie die Tänzer die Anweisungen des Callers scheinbar mühelos in Tanzschritte umsetzen.
Tanzen auf der ganzen Welt
„Meine Aufgabe ist es, Spaß zu verbreiten“, sagt Robert Kutz, der Caller der Broken Wheels Squaredancer in Vaihingen über seine Rolle. Er ist Gründungsmitglied des Vereins und damit seit mehr als 40 Jahren dabei. Auf einem Fest sah er damals einer Gruppe beim Squaredance zu, ging zu einem ihrer Schnupperabende und war sofort begeistert. Inzwischen hat er in vielen Ländern getanzt, etwa in Südafrika.
Denn das ist eine der Besonderheiten des Squaredance. Durch die Figuren und deren universelle Namen können sich Tänzer international verständigen und miteinander tanzen. Selbst wenn sie keine gemeinsame Sprache sprechen, was mit „promenade“ oder „sweep a quarter“ gemeint ist, wissen alle. Englisch sprechen müsse man nicht, um Squaredance tanzen zu können, versichert Sigrid Noll. Man wisse nach einiger Zeit einfach, welcher Ausdruck zu welcher Figur gehöre.
Dieses Gefühl der Gemeinschaft, das durch die Vernetztheit einzelner Clubs entsteht, scheint zu den größten Anziehungsfaktoren der Sportart zu gehören. In Vaihingen tragen viele Mitglieder stolz ihre sogenannten „travel badges“. Das sind Abzeichen, die man beim Besuch fremder Clubs bekommt. Abzeichen von Squaredanceclubs aus Neuseeland, der Schweiz oder Schweden prangen da an der Brust so manchen Tänzers. Teilweise planen die Mitglieder sogar ihre Urlaube danach, wo sie gerne mal ihrer Lieblingssportart nachgehen würden.
Das Sammeln dieser Abzeichen ist das, was im Squaredance einem Wettbewerb am nächsten kommt. Denn anders als in den meisten anderen Sportarten, gibt es keine Wettkämpfe. Das bedeutet aber nicht, dass die Tänzer keine Ambitionen haben. Die C-Lions, ein Squaredanceclub in Fasanenhof, gehört zu den eher anspruchsvolleren Clubs in der Gegend. Wer „nur“ die 69 Grundfiguren beherrscht, wird hier nicht lange mithalten können. „Wir sind mindestens vier Stufen über dem Grundlevel“, erläutert Reinhold Scherr, Mitglied des Vereinsvorstands des Clubs. Um auf ein so hohes Niveau zu kommen, bräuchten die meisten Tänzer mehrere Jahre, sagt das Vorstandsmitglied. Er selbst tanze seit etwa 25 Jahren.
Doch unabhängig vom Schwierigkeitsgrad stehen beim Squaredance der Spaß und die Freude am gemeinsamen Tanzen im Vordergrund. Beim Blick in die lachenden Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer, die in Petticoat oder Westernhemd durch die Halle rauschen, gibt es daran keinen Zweifel.
Squaredance in der Region
Schnupperabend
Die Broken Wheels Stuttgart veranstalten am Mittwoch, 25. September, und am Mittwoch, 2. Oktober, jeweils von 19.30 Uhr an einen Schnupperabend. Im Häussler Bürgerforum in Stuttgart-Vaihingen können erste Figuren gelernt werden. Im Oktober soll dann der nächste Grundkurs starten. Die Teilnahme am Schnupperabend ist kostenlos.
Clubs im Raum Stuttgart
Squaredance erfreut sich immer größerer Beliebtheit, was sich auch an der Zahl an Clubs in der Region zeigt. Etwa zehn von ihnen gibt es im Raum Stuttgart bereits. Da Mitglieder verschiedener Clubs einander häufig besuchen, ist es also möglich, an fast jedem Abend in der Woche gemeinsam zu tanzen.