Sant Anna di Stazzema - Sant Anna di Stazzema - Es sind zwei Wörter, die sich vor 75 Jahren in das Gedächtnis von Enio Mancini einbrennen. Es sind diese zwei Wörter, die einem noch heute die Luft abschnüren, wenn der 81-jährige Italiener sie ausspricht, in lautem Staccato: „Raus! Schnell! Raus, schnell!“ Es sind die Worte deutscher Soldaten, die Mancini und seine Familie aus ihrem Haus trieben.
Enio Mancini war sechs Jahre alt, als die Männer der 16. SS-Panzergrenadierdivision am 12. August 1944 seine Heimat überfielen. An diesem Tag wurde das toskanische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema zum Inbegriff der Unmenschlichkeit des Krieges. Etwa 560 Menschen wurden brutal getötet, misshandelt, verbrannt – darunter Alte, Frauen, Kinder. „Sie haben sogar Anna getötet“, sagt Mancini und fügt mit leiser Stimme hinzu: „Sie war doch die Kleinste in unserem Ort.“ Anna Pardini war 20 Tage alt, als sie starb.
Unter einer Treppe den Mördern entkommen
Mancini sitzt in einer Bar in Pietrasanta, wo er heute lebt. Neben ihm Enrico Pieri, ein weiterer Überlebender, der als Zehnjähriger mit ansehen musste, wie seine Familie von der SS ermordet wurde. Mit zwei anderen Kindern konnte er sich unter einer Treppe verstecken. „Alle wurden getötet. Mir blieben nur noch ein Onkel und eine Tante“, sagt Pieri. Mancini und seine Familie überlebten: Ein Soldat befahl ihnen zu fliehen, als er mit ihnen allein war, und schoss in die Luft.
Nach der Absetzung und Festnahme Benito Mussolinis durch König Viktor Emmanuel III. hatte Italien im Zweiten Weltkrieg die Seiten gewechselt. Die deutsche Wehrmacht besetzte Italien von September 1943 bis zur Kapitulation in Norditalien am 2. Mai 1945. Auf dem Rückzug wurden vor allem von der SS grausame Kriegsverbrechen verübt. Mancini wird den 12. August nie vergessen: „Mein Vater kam in unser Haus und sagte: Habt keine Angst, sie suchen uns Männer“, erinnert sich Mancini. Es war früh, etwa 5.30 Uhr. Die Männer des Dorfs hatten sich versteckt, sie wollten nicht verschleppt und als Zwangsarbeiter ausgebeutet werden, als Strafe für die Unterbringung von Partisanen. Aber sie waren sich sicher, dass die SS Frauen und Kinder verschonen würde.
„Um zwei Familien auszulöschen, brauchten sie fünf Minuten“
Nur wenig später standen Häuser in Flammen. Die Bewohner verbrannten bei lebendigem Leib. Das Knattern der Maschinengewehre hallte durch die Berglandschaft. „Um zwei Familien auszulöschen, brauchten sie fünf Minuten“, sagt Pieri. Um 9.30 Uhr war alles vorbei, die Soldaten zogen weiter
Mancini und Pieri wollen die Erinnerungen unbedingt an nachfolgende Generationen weitergeben. „Die Europäische Union wurde hier geboren, in Sant’Anna, in Marzabotto oder auch in den Konzentrationslagern. In genau diesen Orten. Sie wurde geboren aus der Tragödie des Zweiten Weltkriegs“, sagt Pieri. Für ihren Einsatz erhielten er und Mancini 2010 den Bundesverdienstorden, ein Jahr später den Europäischen Bürgerpreis.
Sant Anna: Ein Ort des Friedens
Seitdem er mit 53 in Rente gegangen ist, widmet sich Mancini komplett der Erinnerungsarbeit. 1991 wurde unter seiner Leitung das Museum des Widerstands in der alten Schule eröffnet. Enrico Pieri hat kürzlich der Gemeinde sein Haus geschenkt. Hier soll, mit deutscher Unterstützung, eine Jugendherberge entstehen. Den Männern ist es zu verdanken, dass Sant’Anna heute ein Ort des Friedens ist.
So bezeichnet auch Bürgermeister Maurizio Verona das Dorf. Bis dahin war es ein langer Weg. „Wann immer ich in Sant’Anna oben war und dort jemanden Deutsch sprechen hörte, hatte ich sofort eine Gänsehaut“, sagt der 52-Jährige, in dessen Leben die Ereignisse so präsent sind, als sei er selbst dabei gewesen. Seine Großeltern haben ihm alles erzählt.
Nur außerhalb der Gemeinde interessierte sich jahrzehntelang kaum jemand für das NS-Massaker. „Auch wir haben die Erinnerung einfach in uns begraben“, sagt Mancini. „Nicht darüber zu sprechen schien die richtige Möglichkeit, das Grauen zu überwinden.“ Aber diese Stille sei auch unerträglich gewesen. „Die, die mir am meisten fehlten, waren die Kinder. Das Spielen hatte aufgehört.“ Der Platz vor der Kirche, wo sie sich immer getroffen hatten, war ihnen genommen worden. Dort hatten die Soldaten einen Großteil der Bewohner erschossen – und den Leichenberg angezündet. Holzbänke und die Orgel, die sie aus der Kirche herausgerissen hatten, dienten als Brennstoff.
Erst 50 Jahre später tauchen die Akten wieder auf
Erst 1994 wurden beim Prozess gegen Erich Priebke, der wegen Erschießungen in den Fosse Adreatine vom Militärgericht in Rom verurteilt wurde, 695 Akten zu nazifaschistischen Kriegsverbrechen entdeckt. Im „Schrank der Schande“ befanden sich auch zwei Akten zum Massaker in Sant’Anna. Nach 50 Jahren des Schweigens wurden die Unterlagen an die Militärstaatsanwaltschaft weitergeleitet. 2005 verurteilte ein Gericht zehn deutsche Soldaten zu lebenslanger Haft. In Abwesenheit. „Davon ist mir bis heute ein Kloß im Hals geblieben“, sagt Pieri. „In Deutschland wurden die Urteile nicht vollstreckt. Die Täter blieben unbestraft.“
In der Bundesrepublik ist es nie zu einer Verurteilung gekommen. 2012 hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen gegen 14 Täter, die im Südwesten lebten, eingestellt. Niemandem könne eine individuelle Schuld nachgewiesen werden, so der damalige Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler. Behörden in Hamburg und Karlsruhe entschieden anders – ein Prozess fand dennoch nicht statt: Der letzte lebende Täter war nicht mehr verhandlungsfähig. Vor wenigen Monaten ist auch er gestorben. „Es hat uns sehr getroffen, dass niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Es ging uns nicht um eine Haftstrafe, aber um die Feststellung der Schuld“, so Pieri. Er sagt aber auch: „Ich habe dem deutschen Volk verziehen. Nicht den Verbrechern von damals. Aber den Deutschen.“ Mancini unterscheidet bewusst. Er hat auch Deutsche kennengelernt, die dort eingesprungen sind, wo Justiz und Politik versagt haben. Nach dem Justizskandal in Stuttgart hat die Initiative Anstifter Kontakt zur Gemeinde Sant’Anna aufgebaut. Die Landesregierung in Stuttgart ist ebenfalls tätig geworden: 2016 beteiligte sie sich finanziell an der Renovierung des Kirchplatzes. Auch ein jährliches Friedenscamp, an dem junge Deutsche und Italiener teilnehmen, wird vom Land unterstützt.
2018 richtete Bürgermeister Verona die Anagrafe Antifascista ein, eine Art virtuelle antifaschistische Gemeinde. Mehr als 44 000 Mitglieder gibt es bereits, etwa 1500 davon kommen aus Deutschland. Verona will die Erinnerungsarbeit mit der Zukunft verbinden. „Das ist heute in Italien, aber auch im Rest Europas sehr nötig. Es werden wieder Dinge gesagt, die in die faschistische, in die nazistische Richtung gehen – und das von Repräsentanten von Kommunen oder sogar des Staates.“
Stuttgarter Initiative leistet Friedensarbeit
Gehe es heute um das Thema Flüchtlinge, werde oft von einer Invasion gesprochen, sagt Mancini – dabei lebten vor 75 Jahren viel mehr Fremde im Ort als heute – 600, neben den 400 Einheimischen. „Wir hatten Flüchtlinge aufgenommen, Italiener, die vor den Nazis geflohen waren. Unsere Familie bestand aus fünf Mitgliedern, weitere elf Menschen lebten damals in unserem Haus.“ Dieser Hass, dieser Groll, der heute wieder herrsche, davor habe er Angst.
Enrico Pieri drängt zum Aufbruch. Nervös rutscht er auf seinem Stuhl herum. Die Bar würde er sonst meiden, erzählt er. „Die politische Haltung der Besitzer“, raunt Mancini. „Der Vorbesitzer war links orientiert, aber der neue hat andere Ansichten.“ Doch es ist die einzige Bar in seinem Wohnort. Pieri schaut sich immer wieder um – und plötzlich begreift man die Dimension eines Satzes, der anfangs ganz nebenbei gefallen ist: „Das, was für immer in einem bleibt, ist der Instinkt, sich verstecken zu müssen.“