SSB-Bilanz in Stuttgart Mehr Fahrgäste in Busse und Bahnen

Von Frank Rothfuss 

Die Luft ist schlecht, der Stau allgegenwärtig. Busse und Bahnen gelten als Allheilmittel, doch Fahrgäste befördern kostet viel Geld. Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) haben 2016 knapp 21 Millionen Euro Verlust gemacht.

So viele Fahrgäste wie nie nutzten 2016 Busse und Bahnen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
So viele Fahrgäste wie nie nutzten 2016 Busse und Bahnen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Es gibt einen neuen Spitzenreiter. Früher war die Strecke zwischen Charlottenplatz und Olgaeck die meistbefahrene Strecke der SSB. Nun ist es der Abschnitt zwischen dem Hauptbahnhof und Bibliothek. Mehr als 100 000 Fahrgäste sind dort täglich unterwegs. Welche Erkenntnisse und Zahlen brachte die SSB-Bilanz sonst?

Fahrgäste

Erneut ist die Zahl der Fahrten gestiegen. Im Gebiet des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) gab es 377 Millionen Fahrten mit Regionalbahnen, S-Bahnen, Stadtbahnen und Bussen. Das sind 9,3 Millionen Fahrten mehr als im Jahr 2015, ein Plus von 2,5 Prozent. Auf die SSB entfielen davon knapp 178 Millionen Fahrten. Das sind eine knappe Million mehr als 2015, ein Plus von 0,4 Prozent. Das bedeutet 490 000 Fahrten am Tag.

Verlust

Busse und Bahnen fahren lassen, ist ein Verlustgeschäft. Obwohl die Einnahmen aus den Fahrkartenverkäufen um 1,4 Prozent gestiegen sind, decken die dadurch erzielten 223 Millionen Euro nur zu knapp 70 Prozent die Kosten. Der Aufwand für die 3200 Beschäftigten beträgt schon 180 Millionen Euro. Dazu kommen Kosten für die Pflege und die Sanierung von Schienen und Wagen, den Kauf von Zügen und Bussen sowie den Streckenbau. Selbst mit Zuwendungen von der öffentlichen Hand und einer Tariferhöhung von 2,6 Prozent belief sich das Defizit auf 20,8 Millionen Euro. Dennoch quasi eine Punktlandung. Denn laut Vorgabe des Gemeinderats dürfen die SSB bis zu 25 Millionen Euro Verlust machen. Es wird ausgeglichen über die Gewinne des Hafens, der Stadtwerke und durch die Zinsen auf die Erlöse durch den Verkauf der EnBW-Anteile.

Fahrpreise

2018 sollen die Fahrpreise um 1,9 Prozent erhöht werden. Der SSB-Aufsichtsrat beschloss am Dienstag die Erhöhung bei drei Gegenstimmen auf städtischer Seite und einer Enthaltung auf der Arbeitnehmerseite. Für Vorstand Wolfgang Arnold gibt es dazu keine Alternative. Natürlich könne man die Preise so belassen, „doch wo kommt das Geld her, das uns fehlt?“ Eine rhetorische Frage. „Wenn uns die öffentliche Hand Geld dafür bereitstellt, dann könnten wir die Tarife anders gestalten“, sagt Arnold.

Fahrscheine

Die Moderne hält auch bei den SSB Einzug. 3,7 Millionen Fahrscheine haben sich die Kunden aufs Handy geladen, das sind eine Million mehr als 2015. Schüler und Studenten machen 39 Prozent der Fahrgäste aus, knapp darunter liegt der Berufsverkehr (38 Prozent). Der so genannte Gelegenheitsverkehr steuert 33 Prozent bei. Bei diesem machten sich die Feinstaubtickets bemerkbar. Von Oktober bis Dezember machte man 1,3 Millionen Euro Verlust, weil Erwachsene an Feinstaubtagen mit Kindertickets fahren durften, also nur die Hälfte zahlten.

Geld

„Die Erwartungen sind hoch“, sagt SSB-Vorstand Arnold. Pünktlich sollen die Busse und Bahnen fahren, sauber sein, klimatisiert, einen Sitzplatz sollte man finden und am besten sollten sie einen vor die Haustüre fahren. Nebenbei sollen sie die Umwelt retten, die Luft verbessern, die Staus beseitigen. „Doch die Schere zwischen diesen Erwartungen an die Leistungsfähigkeit des Nahverkehrs und die finanzielle Ausgestaltung seiner Förderinstrumente geht immer weiter auseinander“, sagt Arnold. Es gebe zwar Geld vom Land für den Ersatz und die Sanierung von Bahnen, drei Jahre lang je 20 Millionen Euro für ganz Baden-Württemberg. Aber wie man neue Stadtbahnen finanzieren solle, sei unklar. Alle 256 Busse sollen 2018 die Euro-6- Norm erfüllen, wobei Arnold betont: „Die Vorgaben für die Busse waren seit jeher schärfer als für Autos.“ Heißt, sie stoßen tatsächlich weniger Schadstoffe aus. Dafür kaufe man für je 400 000 Euro zehn neue Gelenkbusse.

Strecken

Der Termin für die Feier steht: Am 9. Dezember wird die U 12 auf ihrer gesamten Strecke fahren können. Die Abschnitte Wagrain-äcker – Hallschlag und Milchhof – Hauptbahnhof werden dann fertig sein. Dann werden die 80 Meter langen Züge auch an den neuen Haltestellen Bottroper Straße und Budapester Platz halten. Die neue Endhaltestelle der U 12 ist dann Remseck im Kreis Ludwigsburg). Die U 14 fährt dann von Mühlhausen. Einschnitte gibt es wegen des Tunnelbaus zwischen der Staatsgalerie und dem Hauptbahnhof. Die U 9 fährt nicht mehr zum Vogelsang, sondern von Heslach nach Hedelfingen, die U 14 endet von Mühlhausen kommend am Rotebühlplatz. Und die U 11 fährt nicht mehr alle Haltstellen an. Von Botnang aus fährt die Interimslinie U 29 über den Berliner Platz zum Hauptbahnhof. Die U 34 fährt zwischen Vogelsang und Südheimer Platz. Die Linien U 1 (Vaihingen–Fellbach), U 2 (Neugereut–Botnang) und U 4 (Untertürkheim–Hölderlinplatz) kehren auf ihre angestammten Trassen zurück.

Erweiterung

Die Linie U 19 wird von Oktober an wieder zwischen Neugereut und dem Neckarpark fahren. Und wird dann das ganze Jahr über verkehren. Sie soll später bis zum Mercedes-Museum fahren. Zehn Millionen Euro könnte das kosten und Ende 2021 fertig sein. Doch da steht man noch am Anfang. Weiter ist man bei der U 6 zum Flughafen. Da ist die Planfeststellung im Dezember erfolgt. Ende des Jahres könnte mit dem 94 Millionen Euro teuren Bau begonnen werden. In Weilimdorf könnte der vierte Betriebshof entstehen.

Kritik

Besonders die Vertreter des Handels lassen keine Gelegenheit aus, über den Nahverkehr zu schimpfen. Milaneo-Centermanagerin Andrea Poul sagt: „Was wir bisher haben, ist ein Witz.“ Die Geschäftsführerin des Handelsverbands, Sabine Hagmann, sagt, andere Städte hätten „kein S 21 und einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr.“ Ärgert Arnold solche Kritik? „Das halten wir aus“, sagt er, „wir sind eben sichtbar und daher gerne Projektionsfläche für alles Mögliche.“ Sprich: „Da wird mit unseren angeblichen Problemen argumentiert, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen“, so Arnold.