Johannes Reichert (links) und Christian Ortag stellen sich vor die Mannschaft. Foto: IMAGO/Lucca Fundel
In einer Nachricht an den Aufsichtsrat stellen sich Johannes Reichert und Christian Ortag vor ihre Mannschaft. Sie fordern „Greift ein“ – und einen kompletten Neuanfang.
Nadine Vogt
10.11.2025 - 13:09 Uhr
Die Zeilen haben es in sich. Mit einer Nachricht an den Aufsichtsrat melden sich Johannes Reichert und Christian Ortag beim kriselnden SSV Ulm 1846 Fußball zu Wort. Sie richtet sich an die Aufsichtsrats-Mitglieder des Vereins. Die beiden langjährigen Kapitäne senden einen Hilferuf, so die SÜDWEST PRESSE.
Sie fühlen sich zutiefst verpflichtet, für „unsere Mannschaftskollegen einzustehen, besonders jetzt, wo sie in einer so schwierigen Lage sind“, heißt es darin. „Wir müssen euch mit schwerem Herzen mitteilen, dass die Situation innerhalb des Teams mittlerweile unerträglich geworden ist.“
„Verhältnis ist zerrüttet“
Der Kapitän und sein Vize-Kapitän nennen die Atmosphäre „vergiftet, das Vertrauen zerstört“. „Das Verhältnis zwischen Mannschaft, Trainer und vor allem dem Sportdirektor ist komplett zerrüttet.“ Damit meinen sie Geschäftsführer und Vorstand Markus Thiele, der seit 2021 die sportliche Verantwortung beim Drittligisten trägt.
Inmitten der Krise, in der sich der SSV befindet, stünden die Spieler „völlig schutzlos da“. Statt Rückendeckung zu erhalten, würden sie „intern und öffentlich zu Sündenböcken gemacht“. In den vergangenen Wochen stand die Mannschaft, die am Samstag gegen Hansa Rostock ihre fünfte Pleite in Serie kassierte, im Fadenkreuz der Kritik.
0:5-Niederlage gegen Hansa Rostock
Mehrfach stellten Trainer Moritz Glasbrenner und Geschäftsführer Thiele die Mentalitäts-Frage. Zu lieb, zu brav, zu harmlos stellten sich die Spieler an. „Und das ist das Problem, warum wir momentan nicht die Mentalität auf den Platz bringen, die es im Abstiegskampf braucht“, sagte Thiele nach dem 0:5 gegen Hansa Rostock gegenüber der Fanszene, die ihn an den Zaun gefordert hatte.
„Viele von uns sind am Ende ihrer Kräfte – seelisch, emotional und menschlich. Auch für uns persönlich ist die Situation kaum noch auszuhalten“, teilen Reichert und Ortag mit und formulieren eine klare Forderung: „Darum bitten wir euch aus tiefstem Herzen: Handelt jetzt, bevor es zu spät ist. Wir brauchen im sportlichen Bereich einen kompletten Neuanfang, um überhaupt noch die kleine Chance auf den Klassenerhalt zu wahren.“
Gegen Rostock setzte es eine 0:5-Klatsche. Foto: IMAGO/Lucca Fundel
Dass sich die beiden mit einer solchen Forderung zu Wort melden, zeigt offenbar, wie groß ihr Leidensdruck und der ihrer Mitspieler ist. Die beiden dienstältesten Spieler des SSV Ulm 1846 Fußball stellen ihre sportliche Führung infrage und schreiben weiter: „Wir flehen euch an: Greift ein, steht uns bei und helft uns, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, bevor alles zu spät ist.“
Die SÜDWEST PRESSE hat die Echtheit des Schreibens überprüft. Als interne und vertrauliche Nachricht an den Aufsichtsrat gedacht, erreichte das Schreiben am Sonntagabend über Dritte die Redaktion.
Als langjährige Kapitäne fühlen wir uns zutiefst verpflichtet, für unsere Mannschaftskollegen einzustehen, besonders jetzt, wo sie in einer so schwierigen Lage sind. Wir müssen euch mit schwerem Herzen mitteilen, dass die Situation innerhalb des Teams mittlerweile unerträglich geworden ist. Die Atmosphäre ist vergiftet, das Vertrauen zerstört. Das Verhältnis zwischen Mannschaft, Trainer und vor allem dem Sportdirektor ist komplett zerrüttet.
Die Spieler stehen völlig schutzlos da. Sie bekommen keinerlei Rückendeckung, keine Unterstützung, kein Vertrauen. Stattdessen werden sie intern und öffentlich zu Sündenböcken gemacht. Viele von uns sind am Ende ihrer Kräfte – seelisch, emotional und menschlich. Auch für uns persönlich ist die Situation kaum noch auszuhalten.
Darum bitten wir euch aus tiefstem Herzen: Handelt jetzt, bevor es zu spät ist. Wir brauchen im sportlichen Bereich einen kompletten Neuanfang, um überhaupt noch die kleine Chance auf den Klassenerhalt zu wahren.
Diese Mannschaft braucht dringend Hilfe, sie braucht Menschen, die an sie glauben, die hinter ihr stehen, die ihr das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Wir dürfen die Spieler nicht im Stich lassen – nicht als Sportler und nicht als Menschen.
Wir flehen euch an: Greift ein, steht uns bei und helft uns, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, bevor alles zu spät ist. Danke von Herzen für euer offenes Ohr und eure Unterstützung.