Eine Schale mit Nüssen, Bananen, eine frische Honigmelone, Zopf, Kuchen, auch mal Butterbrezeln. Das Rentner-Ehepaar Rosa und Emilio Tancredi verpflegt im langen Gang unter der Haupttribüne seit vielen Jahren liebevoll Ehrenamtliche und Ordner, aber auch die Spieler und das Trainerteam des SSV Ulm 1846 Fußball vor jedem Spiel. Die beiden stehen für die familiäre Note, die sich der Traditionsverein bei aller Professionalisierung beibehalten hat. „Das macht die Stärke dieses Vereins aus“, sagt Lutz Siebrecht, von 2015 bis 2018 Sportlicher Leiter der Spatzen und ab 2019 zweieinhalb Jahre in gleicher Funktion für die Stuttgarter Kickers aktiv, bei denen die Ulmer am 16. April (19 Uhr/Gazi-Stadion) zum WFV-Pokal-Viertelfinalspiel aufkreuzen.
Bis dahin will der SSV seine hervorragende Ausgangsposition in der dritten Liga weiter festigen. Vor dem Heimspiel an diesem Sonntag (19.30 Uhr/Donaustadion) gegen den SV Sandhausen steht der Aufsteiger auf dem zweiten Tabellenplatz, der zum direkten Aufstieg berechtigt. „Es läuft sehr gut, die Entwicklung ist äußerst positiv“, sagt Geschäftsführer Markus Thiele, seit April 2021 im Amt. Woran es liegt, dass sein Team als Neuling die Liga aufmischt und nun sogar ein Tipp für die zweite Liga ist? Seine erste Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Wir haben das Selbstvertrauen, mutig zu sein.“
Wörle leistet top Arbeit
Diese Sicherheit hat Thomas Wörle mit seiner Mannschaft erarbeitet. Dem Trainer wird von allen Seiten herausragende Arbeit bescheinigt. Für Siebrecht ist er schlicht und ergreifend „der beste Trainer der Liga“. Auch Thiele bescheinigt dem 42-Jährigen einen „ganz entscheidenden Anteil“ am Höhenflug der Ulmer. Thiele hat den Coach 2021 an die Donau geholt – durchaus gegen einige Widerstände. Denn Wörle kam als Neuling im Männerbereich. Von 2010 bis 2019 betreute der ehemalige B-Jugendspieler des VfB Stuttgart das Frauenteam des FC Bayern München.
Inzwischen gilt er längst als der Vater des sportlichen Erfolgs. Er verfolgt einen klaren Plan, den er schlüssig vermittelt. Mit viel Sinn fürs Detail legt er großen Wert darauf, dass die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen eng gehalten werden. Für die gegnerischen Teams ist es gegen das kompakte Kollektiv ungemein schwer, Räume zu finden. Mit Ball wird blitzschnell nach vorne gespielt, Standardsituationen nicht selten in Tore umgemünzt. „Thomas Wörle gelingt es, aus jedem Spieler das bestmögliche herauszuholen“, hat Siebrecht als regelmäßiger Beobachter der Spiele festgestellt.
Reichert hält vieles zusammen
Zudem tummeln sich gute Charaktere im Team. Allen voran Kapitän Johannes Reichert. Das Ulmer Urgestein – bis auf zwei Jahre beim 1. FC Kaiserslautern II seit 1996 im Verein – hält nicht nur auf dem Rasen die Abwehr zusammen, sondern auch in der Kabine die Mannschaft im zwischenmenschlichen Bereich. Nach den Spielen feiert der 32-Jährige nicht selten mit dem Megafon in der Hand auf dem Zaun mit den Treuesten der Treuen.
Reichert hat die drei Insolvenzen des Clubs miterlebt. Dass das durch die Misswirtschaft verloren gegangene Vertrauen inzwischen wieder zurückgewonnen werden konnte, liegt vor allem an einem Mann: Anton Gugelfuß. Dem Fenster-Unternehmer gelang es nach der dritten Insolvenz 2014 als Sportvorstand mit harter und intensiver Arbeit, wieder Sponsoren zu gewinnen, das Ansehen bei der Stadt zu steigern – und sportlich erfolgreich zu sein, schon 2016 gelang der Sprung in die Regionalliga. Inzwischen hat sich der 64-Jährige aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und gehört dem Aufsichtsrat an.
Stadion nicht zweitligatauglich
Dort arbeitet er weiter mit an den Strukturen. Und dabei gibt es sehr viel zu tun. Denn im Falle eines Durchmarsch wäre das in die Jahre gekommene, 17 000 Zuschauer fassende Donaustadion (mit Leichtathletikbahn, aber ohne Logen) in vielerlei Hinsicht nicht zweitligatauglich. Zumindest nicht nach jetzigem Stand. Größte Herausforderung wäre die Komplett-Überdachung der Tribünen. Zudem hat das Flutlicht zu wenig Power. Immerhin, der Einbau der 1,5 Millionen Euro teuren Rasenheizung diesen Juni ist beschlossene Sache. Da diese bisher fehlte, musste der Club die vergangenen fünf Heimspiele in Aalen austragen. „Perspektivisch gesehen ist eine neue Arena unabdingbar“, sagt Thiele. So lange die nicht steht, werden Rosa und Emilio im langen Gang unter der Haupttribüne des Donaustadions für die Verpflegung sorgen.