Feiern am Abend zuvor ist nicht drin. In seinem Job sind Konzentration, Ausgeruhtsein und die ungeteilte Aufmerksamkeit auf das Tun überlebenswichtig. Denn Jens Kranhold ist Industriekletterer, und er wird zusammen mit drei Kollegen für die Renovierung des Gangs zwischen den beiden Türmen der Stadtkirche St. Dionys am Marktplatz in Esslingen in schwindelnder Höhe verantwortlich sein.
Sicherheit ist Trumpf. Angst vor ihrem hohen Tun haben Jens Kranhold und seine Kollegen nicht. Aber Respekt – und das sei auch gut so. Denn sie wollen hoch hinaus. Nach den zweitägigen Vorarbeiten, so erklärt er, wird der Zwischengang der Stadtkirche wohl ab diesem Mittwoch 21. August, in Angriff genommen. Die Konstruktion ist in die Jahre gekommen und wird im Zuge der Renovierungsarbeiten an St. Dionys gleich mit auf Vordermann gebracht. Das Aufstellen eines Gerüstes, weiß Architektin Ellen Kindl, wäre sehr teuer gewesen.
Mit Netz und Seil
Darum greift die evangelische Kirche auf echte Manpower zurück. Gesichert durch ein unter dem Gang aufgespanntes Schutznetz und ein ausgeklügeltes System an Seilen werden sich die Wagemutigen ans Werk machen. „Wir werden manche Bretter neu anstreichen, andere werden wir austauschen und ersetzen“, sagt Jens Kranhold, der für die Firma GSAR in Besigheim im Landkreis Ludwigsburg arbeitet.
Schwindelfreiheit ist ein Muss. Etwa 50 Meter hoch liegt der künftige Arbeitsplatz von Jens Kranhold und seinen Kollegen. Ungefähr vier Wochen werden für die Renovierung des Durchgangs der beiden Kirchtürme veranschlagt, sagt er. Die Dauer der Arbeiten hänge aber auch von der Witterung ab. Bei sehr hohen Temperaturen müsse eben viel getrunken und jede Menge Pausen eingelegt werden, erklären die Industriekletterer. Einschränkungen könne es auch durch Regen geben. Bei Gewitter ginge gar nichts – da müsse die Tätigkeit aus Sicherheitsgründen auf jeden Fall unterbrochen werden. Die Gesundheit der Mitarbeiter ist auch der Grund dafür, dass mindestens immer zwei von ihnen gleichzeitig an der Stadtkirche zu Gange sein werden.
Zwischengang wird grün
Nach getaner Arbeit wird der Zwischengang der beiden Türme laut Architektin Ellen Kindl in einem frischen Grünton erstrahlen. Das sei die ursprüngliche Farbgebung gewesen, die es nun wieder herzustellen gelte. Im Jahr 1643 wurden ihren Worten zu Folge zwei Durchgänge aus Holz hoch über den Dächern der Stadtkirche errichtet. Die Konstruktion habe nicht der Statik gedient, sondern sei von dem Turmwächter genutzt worden. In einem der Türme hatte der jeweilige Amtsinhaber zwei Stuben, im anderen ist eine Plumps-Toilette für sehr menschliche Bedürfnisse untergebracht. 1859 wurde laut Ellen Kindl der untere der beiden Gänge entfernt, und um 1900 wurde der verbliebene obere Durchlauf durch eine Stahlkonstruktion ersetzt. Nun nagt der Zahn der Zeit an ihr und sie muss wieder hergestellt werden. Etwa 85 000 Euro werden laut Ellen Kindl für die Instandsetzung des Durchlaufs zwischen den beiden Türmen zu Buche schlagen.
Jens Kranhold freut sich auf diesen Einsatz in Esslingen. Er ist von Haus aus Diplom-Ingenieur für Gartenbau und hat sich durch Schulungen zum Industriekletterer weitergebildet. Das kann viele Jahre dauern, sagt er. Die Auflagen seien sehr streng. Ein regulärer Ausbildungsberuf sei sein Job leider noch nicht. Aber regelmäßige Gesundheitschecks seien ein absolutes Muss.
Beruf mit guten Aussichten
Sein Kollege Louis Orihuela kann für die außergewöhnliche Berufswahl einige Gründe anführen: Der Reiz der Höhe, die Freude an Aussichten, die andere nicht haben, der freie Blick auf das gesamte Umland und dazu noch der Spaß am handwerklichen Arbeiten haben ihn gerade diesen Job wählen lassen. Viele Industriekletterer, ergänzt Jens Kranhold, hätten eine ausgeprägte Liebe zum Klettern und Bergsteigen und wollten so Hobby und Beruf miteinander verbinden.