Wir stellen berühmte Kirchtürme in Baden-Württemberg vor und wagen den Aufstieg. Der romanische Turm von St. Michael in Schwäbisch Hall bietet eine grandiose Aussicht.

Schwäbisch Hall - Majestätisch thront St. Michael über den Stufen und dem Marktplatz. Dank der Spornlage erhebt sich das mächtige Gotteshaus über alles weltliche Geschehen – auch das im gegenüber liegenden barocken Rathaus, in dem heutzutage mitunter Kirchturmpolitik betrieben wird. Aber das ist eine andere Geschichte. 46,50 Meter Höhe hat allein der Turm vorzuweisen. Zählen wir die Treppenhöhe von 8,20 Meter dazu, überragt er uns, auf dem Marktplatz stehend, um stattliche 54,70 Meter – ohne dass die oberhalb der Welschen Haube angebrachte Fahne mitgezählt wird. Was als harmonische Einheit erscheint, stammt freilich aus unterschiedlichen Epochen.

 

Jüngstes Teil – zwischen 1507 und 1510/11 erbaut – ist die berühmte Freitreppe mit ihren 53 Stufen, die als Bühne der sommerlichen Freilichtspiele dienen. Ältester Teil des Ensembles ist der mächtige Turm, der einzig erhaltene Teil einer romanischen Basilika, die am 10. Februar 1156 geweiht und im 15. Jahrhundert durch eine gotische Hallenkirche ersetzt wurde. Mutmaßlich wurde der Turm allerdings erst um 1180 errichtet – genau weiß man das selbst in der an seiner Historie so interessierten Stadt nicht. Zieht man die Haube ab, teilt sich der Michaelsturm in sechs Segmente. Zunächst ist da die mächtige, sechs Meter hohe Vorhalle mit dem ältesten Kreuzgewölbe der Stadt. Von hier aus überblickt der namensgebende Erzengel Michael, eine Steinskulptur aus dem späten 13. Jahrhundert, als Hüter der Gerechtigkeit das Geschehen der Stadt. Wahrscheinlich diente die Vorhalle einst als Gerichtsstätte, hatte doch Hall 1276 eine eigene Gerichtsbarkeit erhalten.

Die große Uhr am Turm zeigt nur die Stunden an

Wir treten in die Kirche und wenden uns nach links. Pfarrer Christoph Baisch führt über eine schmale Wendeltreppe in den zweiten Teil des Turms, die Magdalenenkapelle – ein schönes Kreuzgewölbe ohne Mittelstück. Beim ersten Verschnaufen erklärt uns der Experte die schönen Fresken aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Eine Malerei zeigt den Auferstandenen mit Spaten – „ein Hinweis darauf, dass Maria Magdalena Jesus am Grab für einen Gärtner gehalten hat“, erklärt Baisch. Auf dieser Höhe sind außen die Uhren von St. Michael angebracht – die wohl aus dem späten 15. Jahrhundert stammende große Uhr, die nur einen Stundenzeiger hat, darunter die Mondphasenuhr.

Mittlerweile sind wir Treppenhaus in den eigentlichen Turm gelangt und arbeiten uns hoch zur zweistöckigen Hauptglockenstube. „Es gibt wenig Kirchtürme, in denen man den Glocken so nahe kommt“, sagt Pfarrer Baisch. Da beginnen sie auch schon zu schlagen, die hellste zuerst, dann nach und nach die dunkleren, sodass der Ton im Körper nachklingt. Das Geläut der Michaelskirche besteht heute aus zehn Glocken, dazu die kleine Stundenglocke in der Turmlaterne an der obersten Spitze. Die älteste, Namenlose Glocke genannt, wurde um 1260 gegossen. Zu den fünf historischen kamen 2006 bei der 850-Jahr-Feier der Weihe der Michaelskirche fünf neue hinzu – wie auch die Sanierung des Glockenturms finanziert vom Förderverein zur Erhaltung der mittelalterlichen Kirchen.