Staatliche Ballettschule Berlin „Klima der Angst“ – Experten fordern Demokratisierung

Von dpa/red 

Vorwürfe gegenüber der Staatlichen Ballettschule und der Schule für Artistik in Berlin sind seit Monaten im Umlauf. Experten nennen jetzt die Verantwortlichen und schlagen Lösungen vor.

Probenfoto aus der Staatlichen Ballettschule Berlin Foto: picture alliance /dpa/Stephanie Pilick
Probenfoto aus der Staatlichen Ballettschule Berlin Foto: picture alliance /dpa/Stephanie Pilick

Berlin - Nach internen Vorwürfen über Demütigungen und Drohungen gegen Kinder und Jugendliche an der Staatlichen Ballettschule und der Schule für Artistik fordern Experten eine grundlegende Reform der Berliner Elite-Institution. Die Schule müsse demokratisiert werden. Schüler, Eltern und das Kollegium sollten ein Mitspracherecht haben, heißt es in dem Experten-Bericht vom Montag. Über Jahre seien seelische und körperliche Verletzungen ohne Konsequenzen geblieben.

An der 1951 in Ost-Berlin gegründeten Ballettschule werden von Kindesalter an Balletttänzer und -tänzerinnen ausgebildet. 1991 wurde sie mit der Schule für Artistik fusioniert.

Die Experten empfehlen unter anderem, das Landesjugendballett von der Schulorganisation zu trennen und etwa dem Staatsballett Berlin anzugliedern. Eine eigene Ballettcompagnie sei für die Bühnenerfahrung zwar wichtig, für die Reputation der Schule aber nicht notwendig, heißt es in dem Bericht des von Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einberufenen Expertengremiums.

Schüler sprechen von stundenlangen Proben, kaum Pausen und häufigen Verletzungen

Die Auftritte und Tourneen mit dem Landesjugendballett waren immer wieder Gegenstand von interner Kritik. Schüler sprachen von stundenlangen Proben, kaum Pausen und häufigen Verletzungen. Die Experten sprechen sich für eine bessere Ausbildung der Lehrer aus, die aus der Tanzpraxis ohne pädagogische Ausbildung kämen. Auch ein Kinderschutzkonzept und ansprechbare Vertrauenspersonen seien notwendig. Der Schule fehle insgesamt ein Ausbildungskonzept, die Zahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verließen, wäre für eine andere Institution eine Katastrophe, sagte der Kommissionsvorsitzende Klaus Brunswicker. Der Bericht schlägt vor, die Schule in „Staatliche Schule für Ballett und Artistik“ umzubenennen.

An eine zur Aufklärung der Vorwürfe geschaffene Clearingstelle hatten sich 267 Betroffene gerichtet, mit 153 von ihnen sei direkt gesprochen worden. Die Dokumentation nennt zwar keine Einzelheiten, viele Aussagen von Betroffenen gingen aber „unter die Haut“, sagte die Psychologin Elke Nowotny. Schüler und Ehemalige berichteten von „viel Drill und körperlichem Stress“ mit Schlägen, verbalen Angriffen und Erniedrigungen durch Tanzlehrer. „Das ist für Kinder mit 12, 13 Jahren nicht aushaltbar“, sagte Nowotny.

Hat die Schulleitung versagt?

Jahrelang hätten Schüler und Schülerinnen eine innere Wut über die Zustände an der Schule mit sich getragen. Der Bericht spricht angesichts von „manipulativen Doppelbotschaften“, Beschimpfungen und Gleichgültigkeit von einem Versagen von Schulleitung und Schulaufsicht. Andere nahmen dagegen die Schule in Schutz und berichteten über Bedingungen, die sich professionelle Tänzer „nur träumen“ könnten. Hohe Anforderungen seien Teil einer Tanzausbildung.

Bildungssenatorin Scheeres äußerte sich „sehr schockiert“. Die Reform der Schule sein „ein langer Prozess“, die Verwaltung habe bereits das Konzept zum Kinderschutz an der Schule verschärft. Dem Schulleiter und dem Leiter des Jugendballetts ist gekündigt worden. Die Verfahren sind vor Gericht anhängig.




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