Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ärzte Augenärzte in Baden-Württemberg fürchten Vertrauensverlust

Vertrauenssache: Untersuchung beim Augenarzt (Symbolbild) Foto: Adam Gregor - Fotolia

Gestörtes Vertrauen und besorgte Nachfragen von Patienten: Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Augenärzte machen dem ganzen Berufsstand zu schaffen. Ein Verband hatte den Fall schon länger im Blick.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Augenärzte haben in der Ärzteschaft bundesweit Unruhe und Sorge ausgelöst. Die beiden Spitzenverbände des Berufsstandes, aber auch viele Augenärzte vor Ort bangen nun um das Vertrauen der Patienten. Zugleich begrüßen die Verbände die Aufklärung der Vorwürfe gegen vier Kollegen aus Süddeutschland, mit denen sie in der Vergangenheit teilweise schon selbst befasst waren. Ärzte und Praxen im Südwesten sehen sich derweil mit Anfragen besorgter Patienten konfrontiert, ob sich die Ermittlungen auch gegen sie richteten.

 

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts, die Ärzte hätten medizinisch nicht angezeigte Untersuchungen oder Operationen empfohlen oder durchgeführt, offenbar aus wirtschaftlichen Gründen. Dabei geht es besonders um Fälle von Grauem Star, bei denen die getrübte Linse durch ein Implantat ersetzt werden kann. Strafrechtlich könnte dies laut einem Sprecher (versuchten) Betrug und Körperverletzung darstellen. Das Verfahren war durch einen Bericht unserer Zeitung bekannt geworden. Anfang Dezember hatte es Durchsuchungen an fünf Standorten eines in Süddeutschland tätigen Verbundes von Augenärzten gegeben. Nähere Angaben zu den Ärzten macht die Justiz nicht. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe als unbegründet zurück.

„Vertrauen nicht nur regional gestört“

Der Berufsverband der Augenärzte (BVA) reagierte „erschrocken und mit großem Bedauern“ auf die Vorgänge. Das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Ärzten sei dadurch „wahrscheinlich nicht nur regional … erheblich und nachhaltig gestört“ worden, teilte ein Sprecher mit. Offenbar hätten sich Patienten zu einer nicht notwendigen Operation gedrängt gefühlt. Eingriffe wegen Grauen Stars seien „in der Regel in Ruhe planbar“ und müssten „nur äußerst selten“ akut erfolgen. Der Verband wende sich „mit aller Entschiedenheit gegen solche unqualifizierten und inakzeptablen Beratungen“, betonte der Sprecher. Man habe aber keine Aufsichtsbefugnis oder Disziplinarrechte gegenüber Mitgliedern.

Der fragliche Fall sei „wohl schon seit Jahren in der Diskussion“, so der BVA. Inwieweit der Verband selbst damit befasst war, blieb offen. Man setze nun auf eine umfassende Aufklärung durch die zuständigen Stellen. Vorwürfe wegen falscher Behandlung bestätigten sich oft nicht, aber es gebe leider „einige ,schwarze Schafe‘“, die man keinesfalls unterstütze.

Großes Interesse an Aufklärung

Auch der Bundesverband Deutscher Ophtalmo-Chirurgen (BDOC) – also der operierenden Augenärzte – bekundete „großes Interesse“ an Aufklärung und Strafverfolgung unethischer Verhaltensweisen. Nach einem SWR-Film über zwei Fälle habe man bereits 2017 eine Prüfung eingeleitet, ob mutmaßlich betroffene Mitglieder auszuschließen seien, sagte eine Sprecherin. Dabei habe man mehrfach mit den Ärzten und deren Rechtsanwalt korrespondiert, was aber „keine weiteren Informationen“ erbracht habe. Zudem habe sich der Verband an die Kassenärztliche Vereinigung (KVBW) und die Landesärztekammer in Baden-Württemberg gewandt. Diese hätten unter Verweis auf den Datenschutz keine Auskünfte erteilt. Ferner habe man Augenärzte in der Region kontaktiert und betroffene Patienten aufgerufen, sich zu melden. Gleichwohl habe sich das „berichtete Fehlverhalten“ nicht bestätigen lassen. Die beschränkten rechtlichen Möglichkeiten des BDOC seien damit ausgeschöpft gewesen, so die Sprecherin. Anfang 2018 habe der Vorstand daher beschlossen, die Prüfung eines Ausschlusses „zu diesem Zeitpunkt nicht weiter zu verfolgen“. Man sei aber unverändert an Aufklärung interessiert. Die Patienten müssten darauf vertrauen dürfen, dass Ärzte frei von „wirtschaftlichen und persönlichen Interessen“ agierten, heißt es im Verbandskodex. Jedem begründeten Verdacht eines Verstoßes gehe der Vorstand nach.

Augenärzte planen offensive Information

Neben Ärzten und Patienten hatte auch die Bezirksärztekammer Südwürttemberg Strafanzeige erstattet. Dies komme nur „in seltenen und besonderen Einzelfällen“ vor, hatte die Landesärztekammer allgemein mitgeteilt. Zum konkreten Fall äußerte sie sich wegen der laufenden Ermittlungen nicht. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung hieß es, man sei „mit dem Fall bisher nicht befasst“. Generell prüfe man vor allem, ob Ärzte korrekt abrechneten. Neben dem Berufsverband hatten sich nach Informationen unserer Zeitung in Folge des SWR-Films auch Augenärzte an die KVBW gewandt und Untätigkeit beklagt.

Augenärzte aus Baden-Württemberg und Bayern berichten derweil, dass Patienten durch die Ermittlungen verunsichert seien. Sie erkundigten sich, ob ihre Ärzte zu den Beschuldigten gehörten. Einige Ärzte planen nun, dem mit offensiver Information zu begegnen. Bei unserer Zeitung meldeten sich inzwischen mehrere Patienten, die sich ebenfalls zu unnötigen Star-Operationen gedrängt sahen.

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