Wer in Badenweiler das weitläufige Kurhaus unterhalb der Burgruine betrat, kam an Dirk Thom kaum vorbei. Gleich im Foyer hing ein Bildschirm, auf dem in einer Dauerschleife Kurzvideos mit dem Kurdirektor liefen. Nach Art eines Reporters warb er darin für größere und kleinere Attraktionen des Ortes: Mal ließ er sich mit genießerischer Miene beim Verkosten in einem Restaurant filmen, mal bei einer Tour mit Verleih-Rollern durch die Weinberge, mal beim Eintauchen ins Thermalbad oder beim Spaziergang mit dem Initiator der örtlichen Literaturtage, dem Philosophen Rüdiger Safranski. Stets lobte der leger gekleidete, sportliche und hörbar nicht aus Südbaden stammende Mann die Angebote in den höchsten Tönen. Man konnte die Filmchen als etwas provinziell belächeln, aber es waren originelle Liebeserklärungen an das 4500 Einwohner zählende Staatsbad am Rand des Schwarzwalds und seine Akteure.
Neuerdings bleibt der Bildschirm schwarz, aus Gründen der Pietät. Denn mit gerade mal 60 Jahren ist der Tourismuschef Anfang August völlig überraschend verstorben – wenige Tage, nachdem er und die Gemeinde sich vorzeitig getrennt hatten. Offiziell gab es nur einen Nachruf im Amtsblatt, mit Worten des Beileids an Familie und Freunde. Der aus Leipzig stammende promovierte Betriebswirt habe Badenweiler „seine ganze Leidenschaft“ gewidmet, hieß es darin: „Er war immer darauf bedacht, das Beste für den Ort und die Menschen zu erreichen.“ Auch die Lokalzeitung meldete sein Ableben nur in wenigen Zeilen.
Ein Strahlemann, stets zu Scherzen aufgelegt
Doch der Todesfall und dessen Umstände beschäftigt die Bürgerinnen und Bürger bis heute, ebenso wie die Heilbäderbranche in Bund und Land. In deren Verband war Thom, offiziell Geschäftsführer der Badenweiler Tourismus-Gesellschaft, seit vielen Jahren engagiert – und als pfiffiger, stets zu Scherzen aufgelegter Fachmann hoch geschätzt. Noch zwei Wochen zuvor hatte er mit einem Kollegen aus dem nahen Bad Krozingen die Kasse geprüft, „gebräunt und gut gelaunt“, wie es in einer Rundmail fassungslos hieß. Ein „Strahlemann“ sei er gewesen, schildern ihn Kollegen, der das Leben und seine schönen Seiten auszukosten wusste, manchmal vielleicht ein wenig im Übermaß.
Entsprechend erschüttert waren viele Wegbegleiter über die Todesnachricht. Nachdem Thom einige Tage nicht erreichbar war, öffnet die Polizei seine Wohnung – und fand ihn leblos vor, offensichtlich eines nicht natürlichen Todes gestorben. Es habe „keine Hinweise auf Fremdeinwirkung“ gegeben, „eine Obduktion fand nicht statt“ – mehr kann die Polizei in Freiburg nicht dazu sagen, unter Verweis auf Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre. Kondolenzadressen von Angehörigen durfte die Gemeinde, wie es hieß, nicht herausgeben, inzwischen wurde die Urne in einem Bestattungswald beim nahen Schloss Bürgeln beigesetzt.
Zweiter Schlag nach dem Platzen der Musical-Pläne
Der Tod des Tourismuschefs ist für Badenweiler der zweite schwere Schlag in diesem Jahr. Erst im Februar war ein Vorhaben geplatzt, in das Thom und der ganze Ort größte Erwartungen gesetzt hatten: Zwanzig Jahre lang wollte das private Gloria-Theater aus Bad Säckingen das Kurhaus bespielen, zunächst mit dem Musical „Bikini-Skandal“. Für den tendenziell überalterten Kurort, der sich seit langem gegen den Niedergang stemmt, sollte das ein Jungbrunnen werden. Doch schon nach einem halben Jahr zogen die Macher die Notbremse: Der Standort funktioniere leider nicht, man sehe keine Chance, rentabel zu werden. Vorausgegangen waren hohe Nachforderungen an die Kommune – und Verwerfungen mit dem Kurdirektor. Die Theatermacher kommunizierten zuletzt an ihm vorbei nur noch mit dem Bürgermeister Vincenz Wissler.
Über das Musical-Debakel kam es zum Bruch zwischen Thom und dem von Wissler geführten Aufsichtsrat der Tourismus-Gesellschaft. Bis dahin hatten der junge, mit 26 Jahren gewählte Rathauschef und der altgediente Touristiker als gut eingespieltes Tandem gegolten. Im Mai informierte die BTG dann, der Geschäftsführer werde Ende Juli ausscheiden; bis dahin werde die Marketing-Chefin als Nachfolgerin eingearbeitet. Zu den näheren Umständen wurde nichts verlautbart. Vertrauten berichtete Thom, er habe von sich aus gekündigt – und bereits interessante neue Aufgaben in Aussicht. Im Mai war er Co-Chef eines großen europäischen Gesundheitskongresses, auch in den arabischen Raum hätten sich Kontakte ergeben.
Vor einem Vierteljahrhundert, von 1999 bis 2002, war Thom schon einmal Tourismuschef in Badenweiler. Auch damals trennten sich die Wege vorzeitig; über die Gründe, die ins Private hineinreichten, wurde nie offen gesprochen. Fachlich hinterließ er einen so guten Eindruck, dass er 2021 eine zweite Chance erhielt. Eine gewisse Unstetheit zieht sich indes durch sein gesamtes Berufsleben. Von Badenweiler wechselte er einst in die Lüneburger Heide, zur Tourismus Agentur Vogelpark Region. Nach wenigen Jahren ging man auseinander, offiziell in beiderseitigem Einvernehmen. Hinter den Kulissen hatte es offenbar Ärger gegeben, Thoms Anhänger – die es an allen Stationen gab – sprachen von „kleinkarierten“ Vorwürfen seiner Kritiker, die es auch überall gab.
Nach 20 Jahren eine zweite Chance
Für einige Jahre entschwand er nach Kanada, wo er im Bereich erneuerbare Energien gearbeitet haben soll. 2018 kam er dann als Kurchef ins hessische Bad Orb, als zweite Wahl – die Favoritin hatte abgesagt. Sein Start war schon deshalb nicht leicht, mit manchen Kommunalpolitikern tat er sich schwer – und die sich mit ihm. Meist trat er zugewandt und charmant auf, doch er konnte auch ruppig werden. Neben der sonnigen Seite schien Thom auch eine dunkle, verschattete zu haben. Ende 2021 zog es ihn weiter. „Politische Attacken in Bad Orb machten ihn müde“, schrieb ein anfangs skeptischer, bald aber überzeugter Kommunalpolitiker von dort in einem sehr persönlichen Nachruf. Seine Konzepte für den Kurort seien der Zeit wohl voraus gewesen. Stets habe Thom „aufmunternde Worte“ parat gehabt und seiner Umgebung „ein gutes Gefühl vermittelt“. Das Ende von dessen Lebensreise, so der Freund, könne auch er „nicht verstehen“. Die offizielle Würdigung der Kur-Gesellschaft klang geschäftsmäßiger. Thom habe das Unternehmen „durch eine Phase erheblicher Herausforderungen“ geführt. „Sein Tod berührt uns menschlich sehr.“
Höchstes Lob für Wiederbelebung der Musiktage
Auch in Badenweiler gingen die Meinungen über ihn auseinander. Während es mit den Musical-Machern zuletzt gewaltig hakte und manche meinten, er habe „die Arbeit nicht erfunden“, lobten ihn die Initiatoren der wiederbelebten Musiktage in den höchsten Tönen. „Ohne ihn und seine begeisterte Unterstützung wäre es kaum zu einer Neuauflage … gekommen“, schrieb der Intendant Moritz Ernst in einem Nachruf. „Sein Rat und seine umsichtige Unterstützung“ hätten die Traditionsveranstaltung nach längerer Pause nicht nur an Pfingsten 2024 ermöglicht, sondern auch für die Zukunft. Die Arbeit mit Thom war „stets eine große Freude“, so der Pianist, in ihm verliere man einen „immerzu offenen und gewitzten Gesprächspartner“. Auch unsere Zeitung hatte Thom eigens auf den Neustart der Musiktage hingewiesen. Tenor: Endlich gebe es einmal „gute Nachrichten“ aus Badenweiler.
Für seine einfühlsamen Worte bekam Moritz Ernst viel Zuspruch. Es sei schön, hieß es, dass jemand das laute Schweigen in Badenweiler durchbreche. Dem Intendanten und den Musiktagen hatte Thom auch einen seiner letzten Filme gewidmet. Über den Flügel gebeugt, plauderte er mit ihm über das Programm. Auch wenn der Monitor im Kurhaus schwarz bleibt – auf dem Youtube-Kanal der Badenweiler-Touristik kann man dieses und viele andere Videos noch anschauen. Er ist eine Art digitales Denkmal für einen Mann, den der Ort so schnell nicht vergessen dürfte.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https:// www.suizidprophylaxe.de/