Staatsgalerie Stuttgart Ben Willikens begeistert das Publikum im „Über Kunst“-Dialog unserer Zeitung

Der Maler Ben Willikens beim „Über Kunst“-Dialog unserer Zeitung in der Staatsgalerie Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ist Leonardos „Abendmahl“ eine „Keksdose“? Der Maler Ben Willikens warb beim „Über Kunst“-Gespräch unserer Zeitung in der Staatsgalerie Stuttgart für eigene Sichtweisen.

Ben Willikens malt Räume, die für den Menschen gestaltet wurden, ohne den Menschen. Und doch erzählen seine Bilder vom Menschen. Am Freitagabend in der Staatsgalerie Stuttgart, als Gast der Reihe „Über Kunst“ dieser Zeitung im Gespräch mit unserem Autor Nikolai B. Forstbauer, ist Ben Willikens durchaus bereit, einen Raum zu füllen. Mit persönlichen Einsichten, biografischen Hintergründen, Gedanken. Der Vortragssaal im Stirlingbau ist an diesem Abend nahezu voll besetzt.

 

Willikens-Bilder aktuell in der Staatsgalerie zu sehen

Ben Willikens ist mit seinen Bildern aktuell doppelt präsent in Stuttgart: Die Staatsgalerie zeigt im Rahmen ihrer Sammlungsneupräsentation „This is Tomorrow“ seine Auseinandersetzung mit Kurt Schwitters Merzbau, die Galerie Schlichtenmaier (Kleiner Schlossplatz) eine Schau neuer Werke mit dem Titel „Ben Willikens. Fenster. Archäologie des Schweigens“. Susanne Kaufmann-Valet, Kuratorin der Staatsgalerie, und Günter Baumann, Geschäftsführer bei Schlichtenmaier, treten im Laufe des Abends ins Gespräch zwischen Forstbauer und Willikens ein.

„Über Kunst“-Quartett: Ben Willikens (2. von links) mit Susanne Kaufmann-Valet und Günter Baumann sowie Moderator Nikolai B. Forstbauer (ganz links) Foto: kk

1939 in Leipzig geboren, studierte Willikens Philosophie und Literaturwissenschaft in Hamburg, ging an die Kunstakademie Stuttgart, war später Professor in Pforzheim, Braunschweig und München – und nutzt ein ehemaliges Lazarett im Stuttgarter Kulturpark Berg und ein ehemaliges Bahnhofsareal in Wallhausen im Hohenlohe als Ateliers.

Ben Willikens verarbeitet Psychatrie-Erfahrung

Werke, die nach einem Klinikaufenthalt 1969 entstanden, machten Ben Willikens bekannt – Bilder, die höchst nüchtern graue Innenräume, Spinde, Betten, Waschbecken zeigen. Zwar wird Willikens später am Abend sagen: „Es gibt keine Kunst, die nicht biografisch wäre. Menschen funktionieren viel emotionaler als wir ahnen“ – das biografische Moment eben dieser Arbeiten möchte er aber nicht zu sehr betonen. Entscheidend, sagt er, sei vielmehr: „der Moment der Entdeckung, dass etwas Privates, Persönliches einen großen, kollektiven Klang besitzt“.

Mit jenen Bildern aus der Anstalt habe er jedoch auch etwas Besonderes für sich entdeckt: das Triviale. „Ich bin sehr stolz darauf, dass meine Bilder heute in der Staatsgalerie neben Marcel Duchamps Flaschentrockner hängen.“

„This Is Tomorrow“ in der Staatsgalerie Stuttgart mit Werken von Ben Willikens, Marcel Duchamp (links) und Yves Tinguely Foto: © Staatsgalerie Stuttgart

Eine Entdeckung gegenteiliger Art machte Ben Willikens, als er Mitte der 1970er Jahre in Mailand das Original des Gemäldes „Das letzte Abendmahl“ betrachtete. „Für mich war das eine Keksdose, ein Hollywoodfilm. Ich konnte mich dieser Abneigung nicht entziehen, bei aller Hochachtung für Leonardo.“ Und so trank Ben Willikens „einen oder mehrere Grappa“ in einem Mailänder Café und begann, mit einem Kugelschreiber („Ich hasse Kugelschreiber, aber ich hatte nichts anderes“) alle Figuren des Abendmahls auf einer Postkarte zu übermalen. Sein eigenes Gemälde „Abendmahl“ von 1977 wurde zu einem Schlüsselwerk: Willikens entleerte Leonardo da Vincis Szenario radikal. Es blieben klare Linien, Fluchten, Beton, Kulturgeschichte als nüchterne Raumkonstruktion.

Aber ein Raum ist für Ben Willikens weit mehr als nur ein Raum. Er sagt: „Ein Raum ist einem Wesen ähnlich, weil er ein Gleichnis für den Menschen ist. Für mich hat ein Raum etwas Ähnliches wie eine Seele.“ Oft spricht Willikens davon, dass die Kunst sich nicht reduzieren lasse auf die Lösung einer Rechenaufgabe, rational letztlich nicht zu fassen sei, nicht möglich sein könnte ohne ein tiefes Geheimnis. „Die nun hundertjährige Tradition des damals sehr notwendigen Begriffs ‚Form follows function‘ ist für mich längst verbraucht. Heute Abend möchte ich sie umkehren. Funktion ist ein rein technischer, positivistischer Begriff, der nicht umfasst, was im Wesen des Raumes ist.“

Ben Willikens warnt: Räume bergen auch Gefahr

Viele Räume hat Ben Willikens betreten, mit Feingefühl für solche Dimensionen. „In manchen“, sagt er, „bin ich schon total erschrocken. Vor Entsetzen oder vor glühender Zustimmung.“ Willikens Blick auf den Raum ist universell. Er richtet sich auf das Eigenheim, das Ferienhaus, das Krankenhaus, die Kathedrale, die Synagoge, die Kaserne, das Konzentrationslager.

In seiner Serie „Orte“ (1996–1999), von der Daimler Kunstsammlung als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Stuttgart positioniert, hat er sich mit nationalsozialistischer Architektur auseinandergesetzt. Für Günter Baumann konterkarieren diese Bilder die Inszenierungen des Nationalsozialismus. Und Willikens? Er spricht von der „Perfidie, die Idee des Klassizismus zu verwenden, um dem Volk vorzugaukeln, hier gibt es eine Heilung und ewige Sicherheit“. Und er warnt: „Wenn diese Architektur miserabel wäre, wäre sie in der Hand von Diktatoren nicht so gefährlich.“

Ben Willikens: „Mensch ist für Vernunft nicht geeignet“

Dem gegenüber steht seine Beschäftigung mit Kurt Schwitters. „Wir haben lange überlegt, wie wir Willikens’ Auseinandersetzung mit dem Merzbau präsentieren“, sagt Susanne Kaufmann-Valet. Zu sehen sind die Ansichten der zersplitterten, chaotischen Architektur im Dialog mit Werken von Duchamp und Tinguely. Der Merzbau, sagt Willikens, sei Schwitters brillante Antwort auf den Weltkrieg: „Er hat mit Kraft und Wut gesägt und dann den ganzen Haufen wieder aufgebaut.“ Und: „Kant hatte recht, aber Schwitters hatte noch mehr recht, weil der Mensch für die Vernunft einfach nicht geeignet ist.“ Umso mehr ist für Susanne Kaufmann-Valet wichtig: „Künstlerinnen und Künstler müssen groß denken.“

Ben Willikens: neue Bilder, neuer Antritt

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sieht Willikens keine vergleichbare Antwort auf den Krieg. Der abstrakte Expressionismus ist für ihn eher eine Flucht. Autoritäre Regimes fänden ihre künstlerische Entsprechung im Klassizismus. Vergleichbares sieht Willikens in der Demokratie nicht: „Sie ist bildlos und chaotisch. Es ist schwer für einen Künstler, etwas für die Demokratie zu tun.“

Die Lösung scheint Ben Willikens selbst zu geben. Die Arbeiten, die er nun in der Galerie Schlichtenmaier zeigt, fassen Alltägliches ins Bild, jedoch in neuer malerischer Radikalität. „Willikens fliegt über seinen eigenen Schatten und über die Kunstgeschichte hinweg“, sagt Günter Baumann.

Schon auf den Bildern der Ausstellung „Raumverloren“, 2021 zu sehen bei Schlichtenmaier in Dätzingen, durfte plötzlich auch Landschaft, ein Hauch von Farbe eintreten in Ben Willikens Innenräume. Das Zurückschrecken vor allem, das dekorativ anmuten könnte, scheint gemildert – und das Alter für Ben Willikens zumindest eine Erleichterung zu bringen: „Heute kann ich mir auch einen Matisse anschauen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Staatsgalerie Stuttgart