Staatsgalerie Stuttgart NS-Raubkunst: Wie eine Forscherin verschollene Spuren aufdeckt
Zuletzt gab die Staatsgalerie 2024 NS-Raubkunst an die Erben zurück. Drei Fälle zeigen, wie schwierig es ist, die Verbrechen aufzuarbeiten. Eine Spurensuche.
Zuletzt gab die Staatsgalerie 2024 NS-Raubkunst an die Erben zurück. Drei Fälle zeigen, wie schwierig es ist, die Verbrechen aufzuarbeiten. Eine Spurensuche.
Johanna Poltermann spricht gerne über ihre Arbeit. Präzise erklärt sie, wie sie vorgeht: „Zuerst schaue ich mir die Bilder genau an und suche nach Hinweisen.“ Dann studiert sie alte Aufzeichnungen, Berichte und private Briefe. Sie ist Provenienzforscherin der Staatsgalerie Stuttgart und klärt, wie die Kunstwerke in den Bestand des Museums gelangt sind. Bei den meisten Werken sei die Herkunft unbedenklich, sagt sie. Bei einigen aber bleiben Lücken. Und bei manchen ist sie sich sicher: Sie sind NS-Raubkunst.
Lange Zeit wurde dieses Kapitel verdrängt. In der Nachkriegsgesellschaft fehlte das Interesse, die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten. Erst 1998 verpflichteten sich 43 Staaten und 13 Nichtregierungsorganisationen in den „Washingtoner Prinzipien“, zu prüfen, ob Kunstgegenstände unrechtmäßig in ihren Besitz gelangt sind – und gerechte Lösungen für die Rückgabe an Erben zu finden.
Das Ausmaß des Kunstraubs der Nazis ist enorm: Laut des US-Historikers und Holocaust-Forschers Jonathan Petropulos haben die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 etwa 600 000 Kunstwerke geraubt, davon rund 200 000 in Deutschland und Österreich. Viele jüdische Familien verloren ihre Sammlungen durch Diebstahl, durch Beschlagnahmung oder durch Zwangsverkäufe zu sehr niedrigen Preisen. Ein Teil der Werke wurde inzwischen an die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben restituiert. Wie viele Kunstobjekte mit NS-Raubgut-Hintergrund jedoch bis heute in öffentlichen oder privaten Sammlungen liegen, lasse sich seriös nicht beziffern, sagt Poltermann.
Seitdem das Land Baden-Württemberg 2008 begonnen hat, Gelder für die Provenienzforschung bereitzustellen, untersucht die Staatsgalerie die Herkunft ihrer Kunstwerke. Poltermann und ihre Vorgängerin haben seither etwa ein Sechstel des Bestandes geprüft – darunter auch das Triptychon „Der verlorene Sohn“ von Max Slevogt.
Das dreiteilige Ölgemälde des deutschen Impressionisten zeigt ein biblisches Gleichnis, mit dem Slevogt 1899 seinen künstlerischen Durchbruch erzielte. Seine psychologische Darstellung sorgte damals jedoch auch für einen Skandal. 125 Jahre später bietet das Bild erneut Gesprächsstoff: Nachdem es sieben Jahrzehnte im Bestand der Staatsgalerie war und in zahlreichen Ausstellungen gezeigt wurde, restituierte die Staatsgalerie das Gemälde. „Das Werk hat einen eindeutigen NS-Raubkunsthintergrund“, sagt Johanna Poltermann.
Sie fand heraus, dass das Gemälde ab 1911 dem Kunstsammler Eduard Fuchs gehörte. Ein Briefwechsel zwischen dem Künstler Max Slevogt und Fuchs sowie ein 1912 erschienener Aufsatz, in dem das Gemälde in Fuchs’ Sammlung erwähnt wird, belegen dies.
„Beim Namen Fuchs bin ich sofort aufmerksam geworden, denn es handelt sich um einen sogenannten Red-Flag-Name“, sagt Poltermann. Eine in der Forschung übliche Bezeichnung für Personen, die mehrere Kunstwerke unfreiwillig verloren haben. Der Kunstsammler war bekennender Kommunist, 1933 floh er vor den Nationalsozialisten nach Frankreich. Teile seiner Sammlung wurden von der Gestapo beschlagnahmt, andere Werke musste er verkaufen.
Aus privaten Briefen geht hervor, dass Fuchs sich nie von seiner Sammlung trennen wollte. Doch im Exil verarmte er zunehmend, sodass er seine Tochter aus erster Ehe beauftragte, mehrere zurückgebliebene Werke zu verkaufen. „Mir ist bewusst, dass ich dabei tief in eine tragische Familiengeschichte eintauche“, sagt Poltermann.
Handschriftliche Notizen im Auktionskatalog belegten, dass Slevogts Triptychon mehrfach unverkauft blieb und schließlich 1938 für nur 1700 Reichsmark versteigert wurde – deutlich unter Marktwert. „Diese Notizen sind Gold wert“, sagt Poltermann. Vergleichbare Werke sollen damals mindestens das Doppelte erzielt haben. Für Poltermann ist dies der eindeutige Beleg dafür, dass es sich um NS-Raubgut handelt und das Gemälde an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden muss.
Nicht immer ist die Beweislage so eindeutig. Ein Beispiel sind vier Grafiken des französischen Künstlers Honoré Daumier, die den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 thematisieren. Auch sie gehörten zur Sammlung Fuchs, wie Stempel auf der Rückseite der Grafiken belegen.
„Ich habe Beweise dafür, dass sie 1938 beim Auktionshaus Boerner angeboten wurden“, sagt Poltermann. Die Grafiken seien aber sehr wahrscheinlich nicht verkauft worden. 1950 erwarb die Staatsgalerie die Werke schließlich vom Auktionshaus Ketterer, das sie von einem Antiquitätenhändler aus Bonn erhalten haben soll. „Dann reißt die Spur ab“, sagt Poltermann.
Es könnte auch sein, dass die Familie Fuchs die Grafiken nach 1945 selbst verkaufte. „Ich warte noch auf eine Quelle, die mir beweist, wie die Familie Fuchs die Werke verloren hat“, sagt Poltermann. „Bis dahin werden die Grafiken als Verdachtsfälle eingestuft.“ Dazu gehört zum Beispiel ein Gemälde von Heinrich Friedrich Füger, das heute in der Dauerausstellung der Staatsgalerie hängt. Ein Schild weist auf den Raubkunst-Hintergrund hin.
Die Staatsgalerie hat Fügers Bild „Der Fabrikant Ludwig Meltzer in Penzing“ 1939 von der Kunsthandlung Julius Böhler in München erworben, nachdem es vom Maler Rudolf Leitner verkauft wurde. Poltermann fand heraus, dass Leitner von den Nazis verfolgt wurde und sich mit dem Verkauf von Gemälden die Flucht in die Schweiz finanzierte. Die Faktenlage sei eindeutig.
Das Kulturministerium hat deshalb entschieden, dass das Gemälde an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden soll. Doch die Suche nach den Erben gestaltet sich schwierig. Nach Angaben von Poltermann besitzt die Staatsgalerie derzeit fünf Werke, die als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut gelten, bislang aber noch nicht restituiert wurden.
Dabei können Gemälde wie „Der Fabrikant Ludwig Meltzer in Penzing“ viel wert sein. Andere Werke des Künstlers erzielten bei Auktionen hohe Preise wie ein Ölgemälde des römischen Gottes Jupiters, das 2020 für 182 000 Euro verkauft wurde.
Wie viel das Bild in der Staatsgalerie wert ist, kann Poltermann nicht sagen. Welchen Preis ein Werk bei einer Auktion am Ende erziele, sei häufig unvorhersehbar, erklärt die Provenienzforscherin.
Natürlich spielt der Name und Bekanntheitsgrad eines Künstlers eine Rolle. Auch der Seltenheitswert beeinflusst den Preis, zudem können Trends und Moden das Interesse bei Sammlern wecken.
Der verlorene Sohn aus der Sammlung Fuchs, der im Dezember an die Erbengemeinschaft zurückgegeben wurde, war zunächst auf einen Preis von 150 000 bis 200 000 Euro geschätzt worden. Verkauft wurde er schließlich für 500 000 Euro. Johanna Poltermann sagt: „Eine bewegte Geschichte kann eben auch den Preis von Kunstwerken steigern.“
Staatsgalerie prüft NS-Raubkunst
Die Staatsgalerie Stuttgart besteht seit 1843. Für die NS-Provenienzforschung relevant sind jedoch nur jene Kunstwerke, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ab 1933 in die Sammlung gelangten und vor 1945 entstanden sind. Das betrifft rund 8.000 Objekte.
Provenienzforschung in der Staatsgalerie Stuttgart
Die Erforschung der Herkunft und Besitzgeschichte eines Kunstwerks wird Provenienzforschung genannt. In der Staatsgalerie sind von rund 8.000 relevanten Objekten bisher 1.350 überprüft worden. Bei 15 Werken konnte zweifelsfrei ein NS-Raubkunst-Hintergrund nachgewiesen werden – sie wurden bereits restituiert oder sollen an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden.