Staatsgalerie Stuttgart und „This is Tomorrow“ Was taugt die Neupräsentation der Sammlung?

Jeff Koons, Hulk (Jungle), 2005, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie Stuttgart e. V. Foto: © Jeff Koons/© VG Bild-Kunst, Bonn 2024

„This is Tomorrow“ nennt die Staatsgalerie Stuttgart ihren neuen Blick auf die Sammlung des 20. und 21. Jahrhunderts. Kann sie ihr Zukunftsversprechen einlösen?

Eine animierte weibliche Menschenfigur sucht in einer Kiste nach Körperteilen. Um die perfekte Form zu finden? Schnell wechselt sie Körperteile – und inszeniert ein Konzert der Widersprüche. Bis hin zu einer Frauenfigur mit großen Brüsten und Schmollmund, die sich verführerisch windet. Dann aber bricht sie buchstäblich in sich zusammen.

 

Nathalie Djurberg und Hans Berg fügen in ihrer Videoarbeit „Damaged Goods“ dem Themenkreis Normen und Geschlechterstereotype ein böse-ironisches Kapitel hinzu. Deutlich genug und schnell genug, um in der Sammlungsneupräsentation der Staatsgalerie Stuttgart ein erstes Ausrufezeichen zu setzen.

„This is Tomorrow“ ist ein Versprechen

„This is Tomorrow“ ist das Projekt überschrieben, das in einer Altbau-Raumfolge und in den Steib-Hallen für sich steht und damit innerhalb des Museumsflaggschiffs des Landes den schützenden Charakter eines Labors beanspruchen kann. So könnte sie aussehen, eine grundsätzliche Sammlungsneupräsentation – das ist die These, die doch vor allem Frage ist: Könnte eine Sammlungsneupräsentation so aussehen? Sie ist angelegt als Dialog – zwischen Werken, die dem Publikum bekannt sind, und jüngsten Erwerbungen oder gar Arbeiten, die entweder erst einmal nur einen Wunsch der Sammlungsverantwortlichen belegen, gerade dieses Werk in die Sammlung zu holen, oder die gar als Leihgaben aus anderen Zusammenhängen die Funktion von Beschleunigern übernehmen. Beschleuniger aktueller Debatten, Beschleuniger von neuen Blicken auf und damit neuen Einsichten in eine Sammlung.

„This is Tomorrow“ ist ein Versprechen – und ein buchstäblich künstlerischer Rückgriff. Denn „This is Tomorrow“ ist der Titel einer kleinformatigen Collage des britischen Künstlers Richard Hamilton von 1956. Jetzt ist dieses Werk in den als Ausstellungsräumen gerne unterschätzten Hallen des Steib-Baus zu sehen – im empfindlichen Original wie auch als Fototapete. Empfangen wird man dort durch das letzte noch von Gudrun Inboden in die Staatsgalerie geholte Werk: Jeff Koons’ „Hulk (Jungle)“. Der Held, der keiner sein möchte, der Mensch, der im Ärger zum Weltenzerstörer wird – dieser eigentliche Antiheld von 2005 brüllt uns das männliche Unverständnis, sich an geregeltes Miteinander halten zu müssen, in aller Verzweiflung über die eigene Ohnmacht entgegen.

Richard Hamilton: „This is Tomorrow“, 1956 Foto: Richard Hamilton / VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Ein Konter, der im Panorama „This is Tomorrow“ ausbleibt, hätte wiederum von Richard Hamilton kommen können: die ebenfalls 1956 entstandene Collage-Ikone „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“ („Was macht unsere heutigen Wohnungen eigentlich so anders?“) aus der Sammlung der Kunsthalle Tübingen.

Männliche und weibliche Modellathleten ungetrübter Anabolika-Welten posieren in einem ebenfalls Zukunft versprechenden, mit seinerzeit neuen Medien gespickten Wohnzimmer. Was aber da männlich in den Raum ragt, ist ein Lolli, beschrieben mit dem Schlüsselwort der frühen 1960er Jahre: „Pop“. Solches Erinnern könnte helfen, die selbst gesetzten Ansprüche der Staatsgalerie für das Projekt „This is Tomorrow“ zu begründen und zu vertiefen. Es darf, das ist ja die Botschaft der Präsentation in sechs – jeweils thematisch gefassten – Sammlungsräumen, dieses Mal keinen Halt bei der Absage an den männlich dominierten künstlerischen Blick auf die Welt geben – und keinen Halt bei Themen wie Gewalt oder Naturzerstörung. „’This is Tomorrow’, heißt es denn auch, „ist ein Versprechen der Staatsgalerie: Wir sammeln in der Gegenwart für die Zukunft“. Was das heißt? „Dass wir in unserer Sammlungsstrategie bewusst den Fokus auf weibliche Positionen legen, die bislang noch stark unterrepräsentiert sind.“ Und: „Zudem erwerben wir im Bereich der Gegenwartskunst kontinuierlich Werke, die globale gesellschaftliche Themen aufgreifen.“

Yoko Ono verkauft Luftkapseln

Lässt sich mit solchen Ansprüchen wirklich eine Sammlung aktualisieren, mehr noch: neu spannend machen? Im Themenraum „Zustände – Zukünfte“ wartet ein eigentümlich unauffällig-auffälliges durchsichtiges Gehäuse mit Geldeinwurfschlitz und Drehknopf – Yoko Onos „Air Dispenser“von 1971. Das Gerät gibt nach Einwurf von 25 Cent eine mit Luft gefüllte Kapsel frei. Wenn schon 1971 Luft zum künstlerischen Medium wurde – wie verhält es sich heute mit Wasser oder Freiheit?

Der Kniff des Teams um die Staatsgalerie-Kuratorin Susanne Kaufmann-Valet, für „This is Tomorrow“ auch Arbeiten aus anderen Sammlungen auszuwählen, um die eigenen Werke zu aktivieren, führt zu Clément Cogitores Projekt „Les Indes Galantes“ über die gleichnamige Barockoper von Jean-Philippe Rameau. Die Videoarbeit aus der Sammlung Mercedes-Benz Art Collection zeigt Cogitore als Regisseur eines bewussten Clashs: Oper trifft Streetdance, Hochkunst trifft Subkultur – um sich in einen Strudel des Unerwarteten zu wagen. Der international gefragte französische Medienkünstler taucht grundsätzlich nicht zufällig in der Staatsgalerie auf – die Stuttgarter Galerie Elisabeth und Reinhard Hauff war wiederholt Bühne für Cogitore-Premieren – mit einem ersten Höhepunkt schon 2016 und dem Film „Ni le Ciel ni la Terre“ (Weder Himmel noch Erde) von 2015.

Vielfache Aktivierung

„This is Tomorrow“ ist mehr als ein Versprechen. Auch, weil über Sichtachsen Querbezüge zu Werken der Gegenwartskunst-Stars Yael Bartana, Manaf Halbouni und Bjørn Melhus deutlich werden. Diese hat die Staatsgalerie im Rahmen des Villa-Massimo-Gastspiels „Sommer der Künste“ zu Gast – und wie die Neuerwerbungen für die Sammlung und die sorgsam ausgewählten Gäste beziehen sich auch Bartana, Halbouni und Melhus auf Werke der Sammlung der Staatsgalerie. Das Publikum erlebt eine vielfache Aktivierung – nicht „Tomorrow“, nicht morgen, sondern heute.

Einmal zahlen, dreimal schauen

Ausstellung
„This is Tomorrow“ ist zu sehen bis zum 31. Dezember 2025. Die Neupräsentation der Sammlung des 20./21. Jahrhunderts versammelt in sechs Sammlungsräumen im Obergeschoss des Altbaus Ankäufe aus den vergangenen Jahren, aber auch Werke aus weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen. Parallel gezeigt werden die Ausstellung „Sommer der Künste“ sowie die Schau „Vorsicht Kunst!“ mit Werken von Klaus Staeck im Grafik-Kabinett im Steib-Bau.

Info
Die Staatsgalerie Stuttgart ist Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr und Donnerstag 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 7 Euro (ermäßigt 5 Euro). Mittwochs ist der Eintritt zu „This is Tomorrow“, „Sommer der Künste“ und „Vorsicht Kunst!“ frei. Kinder und Jugendliche bis einschließlich 20 Jahre haben grundsätzlich freien Eintritt.

Führung
 Zu „This is Tomorrow“ gibt es am Mittwoch, 24. Juli, um 15 Uhr wieder eine Führung. Tickets kosten 5 Euro (ermäßigt 2,50 Euro).

Weitere Themen