Staatshilfe für Lufthansa Lufthansa will Fesseln schnell loswerden

Noch in Wartestellung – wann die Lufthansa durchstarten kann, ist offen. Foto: dpa/Matthias Balk

Die Lufthansa will sich mit einer Kapitalerhöhung vom Einfluss des Bundes so schnell wie möglich wieder befreien. Derweil hängt die Zukunft der Branche von einem ganz anderen Faktor ab.

Frankfurt - Die Lufthansa will sich trotz der anhaltenden Reisebeschränkungen auf allen Ebenen auf einen Neustart vorbereiten. Erst vor wenigen Tagen hat der Umbau des Langstreckenfliegers A350-900 mit dem Namen „Erfurt“ begonnen, der als „Klimaforschungsflieger“ auf seinen Flügen von Ende des Jahres an wertvolle Daten sammeln soll. Damit könnten das Wetter genauer vorhergesagt und Klimaveränderungen früher erkannt werden. Die Zusammenarbeit zwischen der Lufthansa und mehreren Forschungsinstituten sei so eng wie nie zuvor, betont der Konzern.

 

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So eng wie nie zuvor möchte Konzernchef Carsten Spohr am liebsten auch die Aktionäre an das Unternehmen binden. Am 4. Mai, wenn die nächste virtuelle Hauptversammlung ansteht, steht ein Tagesordnungspunkt auf der Liste, der für die Zukunft der Kranich-Gesellschaft entscheidend sein könnte. Einen Kapitalrahmen von bis zu 5,5 Milliarden Euro sollen Anteilseigner dem Management genehmigen. Bis zu dieser Höhe dürfte der Vorstand dann das Kapital nominal erhöhen.

Die staatlichen Hilfen kommen die Lufthansa teuer

Geht man vom derzeitigen Aktienkurs aus, könnten so nach Expertenschätzung bis zu 20 Milliarden Euro in die Kasse kommen – Geld, das die Lufthansa nutzen könnte, um die staatlichen Hilfen abzulösen, die Mitte vergangenen Jahres von der Bundesregierung sowie den Regierungen in der Schweiz, Österreich und Belgien zugesagt worden waren. Diese Zusagen waren nämlich keine Geschenke, sondern Darlehen oder stille Einlagen, die sich die Geldgeber auch ordentlich verzinsen lassen wollen – bis zu 9,5 Prozent etwa müsste die Lufthansa auf den größten Teil der stillen Einlage des Bundes zahlen, wenn sie das Geld 2027 noch in Anspruch nehmen würde.

Das erinnere ihn an Wucher, hatte vor einem Jahr der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, bemängelt. Die Lufthansa sei unverschuldet in die Krise geraten und brauche den Staat nur, um eine Insolvenz zu verhindern, nicht aber als politischen Ratgeber.

Anders als die Konkurrenz aus Frankreich will die deutsche Lufthansa daher möglichst bald die staatlichen Fesseln loswerden – auch wenn der Bund wohl noch länger an dem 20-prozentigen Anteil festhalten dürfte, den man zum „Schnäppchenpreis“ von 300 Millionen Euro bekommen hat und der inzwischen mehr als eine Milliarde wert sein dürfte.

Auf den Zuspruch aus Berlin angewiesen

Für Air France/KLM hat die EU-Wettbewerbsbehörde dagegen erst in der vergangenen Woche für neue Milliardenspritzen aus Paris grünes Licht gegeben. Bis zu vier Milliarden Euro könne die französische Regierung dem Konzern noch einmal als Eigenkapital zusteuern, nachdem sie schon im vergangenen Jahr sieben Milliarden Euro zugesichert hatte.

Vorerst wird wohl auch die Lufthansa noch auf den Zuspruch aus Berlin angewiesen sein. Der Vorschlag zur Kapitalmaßnahme sieht unter anderem auch vor, dass der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) Teile der stillen Einlage auch in Aktien umtauschen könnte. Zwei stille Beteiligungen von insgesamt 5,5 Milliarden Euro machen einen Großteil des deutschen Rettungspakets aus.

4,5 Milliarden dieses Geldes hat die Lufthansa aber noch gar nicht in Anspruch genommen, und es ist auch nicht klar, ob sie es überhaupt braucht. Denn das Unternehmen hat trotz eines Rekordverlustes von 6,7 Milliarden Euro im Jahr 2020 schon relativ bald wieder Zugang zum Kapitalmarkt gefunden und sich insgesamt Anleihen und Flugzeugfinanzierungen in Höhe von 4,3 Milliarden Euro gesichert. Eine Milliarde Staatskredit wurde bereits an die bundeseigene KfW zurückgezahlt.

Zukunft der Branche noch ungewiss

Analysten rechnen daher nicht damit, dass das Unternehmen eine größere Kapitalerhöhung schon bald auf den Weg bringen wird – vermutlich frühestens im erste Quartal 2022. Den „großen Wurf“ halten Experten erst für sinnvoll, wenn die Zukunft der gesamten Branche klarer abzuschätzen sein wird.

Noch aber sind die Unsicherheiten groß. Konzernchef Spohr musste mehrfach den Zeitpunkt nach hinten verschieben, zu dem er mit der Rückkehr zum Vor-Krisenniveau rechnet. Dennoch möchte der Konzern an wesentlichen Pfeilern seines Geschäftsmodells festhalten. Man werde sogar eine neue Generation der „First Class“ entwickeln, wie Vorstandsmitglied Christina Foerster in einem Interview bestätigte. Auch der sogenannte HON-Circle für besonders zahlungsfreudige Vielflieger soll erhalten bleiben – gleichgültig, ob das Geschäftsreiseaufkommen nach Corona wieder zu alten Höhen zurückfinden wird.

Kleiner, aber stärker aus der Krise?

Erst 2024 rechnet der Luftfahrtverband IATA damit, dass der weltweite Luftverkehr an das Vor-Krisenniveau anknüpfen kann – vorausgesetzt, von der zweiten Jahreshälfte 2021 an geht es mit den Impfungen so gut voran, dass die Reisebeschränkungen in vielen Regionen gelockert werden können. Diese Zeit muss die Lufthansa mit ihren Mitteln überstehen, was nach Einschätzung der Analysten auch gelingen kann.

Wie gut sich der Kranich aber tatsächlich behaupten und ob die Lufthansa zwar kleiner, aber auch stärker aus dieser Krise hervorgehen wird, steht noch in den Sternen. Die Analysten der Schweizer Großbank UBS bringen die vielen Fragezeichen auf den Punkt: In dem Aktienkurs von aktuell knapp elf Euro sei viel Hoffnung enthalten, schreibt der UBS-Analyst. Er hält einen Kurs von 5,45 Euro für realistischer. Möglich sei aber auch ein Einbruch auf nur noch 53 Cent – oder der Aufstieg auf über 22 Euro.

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