Stuttgart - Das Stück ist unmöglich. Eine Geschichte vom Erwachsenwerden, die Chronik eines Krieges zwischen zwei Systemen. Ein Märchen. Eine lustige, kindertaugliche Familienoper. Eine ernste Oper über die Emanzipation zweier Liebender, die mit vielen Fragezeichen endet. Eine Erzählung voller Brüche und Ungereimtheiten. Und ein Bühnenwerk, dessen bunte Bilder jeder im Kopf hat: die gefährliche Schlange, den kauzigen Vogelfänger, den schönen Prinzen, der sich in das Bild der schönen Prinzessin verliebt, die gute Königin der Nacht, die ihre Tochter zurück haben will, den bösen Priester Sarastro. Oder umgekehrt: die böse Königin und den auf fast unerträgliche Weise guten Sarastro. Dazu eine Musik von Mozart, die zwischen Singspiel, Volkstümlichkeit, „hohem“ Opern-Ton und hochartifiziellen Koloraturen hin- und her kobolzt. Das kann man nicht inszenieren. Überall lauern Klischeefallen, die Handlung lässt sich nicht logisch aufbereiten oder gar psychologisch schlüssig begründen.
Barrie Kosky hat’s trotzdem getan. In seiner ersten Spielzeit als Intendant der Komischen Oper Berlin hat er 2012 gemeinsam mit den beiden Animationsspezialisten der britischen Gruppe 1927 „Die Zauberflöte“ als Revue inszeniert, die von Elementen des Stummfilms ebenso lebt wie von Assoziationen an Comic und Trickfilm. Weil dabei nicht nur eine neuartige Form der Opernbebilderung heraus kam, sondern ein wirkliches Miteinander von Film und Bühnenaktion, und weil der Abend auf wundervolle Weise alles zugleich ist – Opernmärchentheater, Zelluloid-Spektakel, Kintopp-Bilderkiste, Klamauk und tiefer Ernst –, wurde die Produktion zu einem Verkaufshit. In 23 Ländern, auf vier Kontinenten, vor gut 600 000 Menschen ist diese „Zauberflöte“ schon gezeigt worden.
Für Stuttgart wurde die Inszenierung Corona-tauglich bearbeitet
Am Samstagabend hat die Staatsoper Stuttgart mit ihr die Saison eröffnet – in einer Fassung, die (Corona-bedingt) dem Neben- und Miteinander von Film und Live-Aktion noch eine weitere Ebene hinzufügt: Auf der Bühne stehen nicht mehr die Sänger, sondern Statisten- und Tänzer-Doubles mit Mund-Nasen-Masken, die auch körperliche Nähe möglich macht. Gesungen wird aus den Proszeniumslogen. Und die Partitur, die Hossein Pishkar am Pult des Staatsorchesters dirigiert, ist ein Arrangement, das Andreas N. Tarkmann für ein Ensemble mit einfacher Streicherbesetzung, solistischen Bläsern und Schlagzeug gefertigt hat.
Diese Fassung ist heikel, kein Fehler geht in der Masse unter, man hört jeden Wackler. Am Premierenabend gibt es aber nur wenige, die Musiker sind hoch konzentriert, und nicht nur das Vorspiel zum Duo der beiden Geharnischten lebt von feinen, aparten (Streicher-)Klangfarben. Die Brüche und Narben in Mozarts Musik, auch das zwischenzeitlich Derbe und Seichte, nimmt man in dieser Fassung allerdings besonders stark wahr. Und wenn Hossein Pishkar, beginnend schon in der Ouvertüre, seiner gelegentlichen Neigung zu starken Tempo-Bremsmanövern nachgibt, dann spürt man Löcher, ein Vakuum. Insgesamt sorgt Pishkar aber für Klarheit und Präzision – und koordiniert die Musik auch über weite Entfernungen.
Der Gesang des Staatsopernchors wird aus dem Probensaal ins Opernhaus übertragen. Und die Solisten agieren rechts und links über der Bühne. Minjie Lei, ein Tenor mit einer Stimme von Samt und Seide, verleiht dem Tamino eine Zartheit und einen individuellen Ausdruck, der alle Prinzen-Pappschablonen aushebelt. Wenn Lei in seiner Aussprache noch ein paar Unschärfen beseitigt, ist das perfekt. Johannes Kammler ist ihm als sehr spielfreudiger, ungemein agiler Papageno ebenbürtig. David Steffens gibt einen wirkungsvollen Sarastro mit ungefährdeter Tiefe, und Heinz Göhrig formt seinen quicken Monostatos zu einer kleinen Charakterstudie. Nach leichten Intonationsproblemen bei ihrer ersten Arie läuft Beate Ritter zur Höchstform auf: Gerade weil sie keine der ganz leichten Königinnen der Nacht ist, verleiht sie der Figur Profil. Und ihre Koloraturen haben die Wucht von Kanonenkugeln – klasse! Auch Josefin Feiler braucht ein bisschen, um sich in ihre Partie hineinzufinden, aber nach einem etwas zu direkt geratenen Einstieg singt sie die g-Moll-Arie der Pamina mit sehr genau und mit herzzerreißendem Ausdruck. Auch die kleineren Partien sind gut besetzt. Und dass die drei Damen (Catriona Smith, Maria Theresa Ullrich und Stine Marie Fischer), die hier auch die drei Knaben singen, nicht immer optimal koordiniert wirken, passt zur Inszenierung.
Zu sehen ist ein lustiger Mix aus Comic und Stummfilm
Bei Barrie Kosky heißen die drei nämlich Klatsch, Tratsch und Schwatz. Ihre Doppelgängerinnen auf der Bühne sind im Stil der 1920er gekleidet und werden – so wie die anderen Protagonisten auch – mit Vorliebe von einem weißen Spot beleuchtet. Papageno ähnelt Buster Keaton, Monostatos erinnert an Murnaus Nosferatu – mitsamt den widrigen Schattenwürfen der Finger. Sarastro ist starr: ein Mann mit Zylinder. Das sitzt. Und die Königin ist eine Mischung aus Spinne, Biene und Skelett.
Das Beste aber sind die Bilder dazwischen: ein lustiger Comic-Mix, der sich – und das ist das Größte – vollkommen organisch nicht nur mit der Bühnenaktion, sondern auch mit Rhythmus, Tempo und Klang der Musik verbindet – zwischenzeitlich auch mit Passagen aus Klavierfantasien Mozarts, gespielt auf dem Hammerflügel. Das macht sogar vergessen, dass die Aufspaltung in Sänger und Darsteller dem Bühnengeschehen einige überflüssige Verdopplungen beschert. Da schweben Noten, Herzen, rote Lippen, Feen und rosa Elefanten durch den Raum. Da schleudert die Königin einen Blitz auf den schockverliebten Tamino. Da wässert Pamina mit einem tränennassen Taschentuch Papagenos eine Pflanze, die dann die ganze Bühne überwuchert. Durch Sarastros Reich rollen (endlich wirken die Priesterchöre mal nicht so schrecklich salbungsvoll!) merkwürdige mechanische Figuren. Und zum „Das klinget so herrlich“ verlängert der Film die Körper der Sklaven um Damenbeine mit Strapsen, die zum Beat der Musik zucken. Der Film entgrenzt die Bühne. Die Inszenierung entgrenzt unsere Vorstellungen davon, wie „Die Zauberflöte“ auszusehen habe. Das tänzelt so herrlich! Von der guten Revue-Laune anstecken lässt sich nur jenes Wesen nicht, das Papageno auf Schritt folgt. Armer schwarzer Kater!
Mozart, Sciarrino, Mascagni und Mahler an der Staatsoper
Die Zauberflöte
Weitere Aufführungen von Mozarts Oper in der Inszenierung von Barrie Kosky und der Gruppe 1927 sind am 28. Oktober sowie am 8., 21. und 28. November. Weitere Termine 2021 sind geplant. Am 8. und 28. November gibt es jeweils zwei Vorstellungen; die jeweils erste um 15 Uhr ist speziell für Familien gedacht.
Cavalleria rusticana/Luci mie traditrici Der Doppelabend, den Barbara Frey inszeniert und Cornelius Meister dirigiert, hat am 11. Oktober Premiere. Am 27. Oktober folgt „Das Lied von der Erde“ (Regie: David Hermann, Dirigent: Cornelius Meister).
Infos/Karten: 07 11/20 20 90 (ben)