Staatsorchester Stuttgart im Beethovensaal Wenn Quantenphysik hörbar wird
Das Staatsorchester Stuttgart hat seine Konzertsaison mit einer spektakulären Uraufführung und der mitreißenden Dirigentin Tianyi Lu eröffnet.
Das Staatsorchester Stuttgart hat seine Konzertsaison mit einer spektakulären Uraufführung und der mitreißenden Dirigentin Tianyi Lu eröffnet.
Kann man Quantenphysik hörbar machen? Der Komponist Mischa Tangian, Jahrgang 1988, hat das jetzt in seinem neuen Orchesterwerk versucht – inspiriert vom Physiker Carlo Rovelli und von Christopher Nolans Film „Oppenheimer“. „The Order of Time“ (Die Ordnung der Zeit) heißt sein Stück, das im Saisonauftakt-Konzert des Stuttgarter Staatsorchesters im Beethovensaal zur Uraufführung kam, und zwar in der lebendigen, schwungvollen, energischen Leitung der jungen neuseeländischen Dirigentin Tianyi Lu.
Man konnte sie hören: die ungeheure Energie physikalischer Prozesse bis zur Kernspaltung, die sich nun in musikalischen Strukturen wie komplexen rhythmisch-metrischen Überlagerungen entluden. Im fein ziselierenden Spiel zweier Perkussionsinstrumente konnte man Elementarteilchen tanzen hören, und der Orchesterklang mutierte zum mächtig auftrumpfenden Gravitationsfeld, so wie die bedrohlichen Steigerungswellen problemlos als Kettenreaktionen in Richtung der Detonation einer Atombombe gedeutet werden konnten.
Für die fünf Teile seines halbstündigen Werks hat Tangian sprechende Titel gefunden wie „The Death of Newton“ oder „Chain Reaction“. Neben seinem inhaltlichen Wollen hörte man aber auch eine höchst abwechslungsreiche und spektakulär farbige Musik. Denn sein Stück hat Tangian nicht nur für ein sehr groß besetztes Sinfonieorchester geschrieben, sondern diesem außereuropäische Instrumente gegenübergestellt.
Fünf Musikerinnen und Musiker aus dem von ihm selbst gegründeten, in Berlin ansässigen Babylon Orchestra, das sich selbst als „interkulturelle Big Band“ bezeichnet, übernahmen die Aufgaben der Soloinstrumentengruppe: darunter die persischen Perkussionsinstrumente Tombak und Daf (Rashanak Rafani), die Kamantsche, eine iranische, rundbauchige Stachelgeige (Sara Hasti), oder die türkische Kegeloboe Zurna (Arsen Petrosyan).
Besonders schön: das Finale, in dem sich über einem behäbigen Grundrhythmus schillernde, ja, fluoreszierende Klänge aufbauten, durchglitzert von zirzensisch auftrumpfender Klavier- und Flötengirlandik.
Die Dirigentin Tianyi Lu konnte an diesem Morgen auch mit der vielseitigen Ausrichtung ihres Repertoires auftrumpfen. Ihre mitreißende Energie übertrug sich dementsprechend auch auf das eingangs gespielte „Largo und Allegro“ für Streichorchester, Klavier und Pauken des georgischen Komponisten Giya Kancheli – in denen auf eine stetig sich verdichtende Trauermusik energisch-bruitistisches Aufbegehren folgt.
Vor allem auch im Finale mit „Slawischen Tänzen“ von Antonín Dvořák sorgte Tianyi Lu für Feuer und Euphorie. Beseelt und spielfreudig brachte das Staatsorchester Dvořáks mal prächtige, saftige, mal fluffige Melodik stets schön phrasiert zur Geltung genauso wie den brillanten, delikaten bis eleganten Drive der einzelnen Tänze und die vielen draufgängerischen Eskalationen.
Zur Krönung dieses inspirierenden Konzerts gab es dann noch als Zugabe „Field Trip to Ghootader“ der syrischen Komponistin Dima Orsho – rhythmisch und vom Jazz befeuert. Mehr Abwechslung geht nicht.