Der Rechnungshof wirft der Regierung vor, dass die Führungsriege des Stuttgarter Drei-Sparten-Hauses durchweg überbezahlt wird.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Die Verwaltungsräte der Stuttgarter Staatstheater waren mächtig stolz auf den Neuzugang. Wortreich lobten sie den künftigen Schauspielintendanten Armin Petras, der 2013 die Nachfolge von Hasko Weber antreten soll. In dem Nochintendanten des Berliner Gorki-Theaters gewinne man "eine große Künstlerpersönlichkeit, die für innovatives Theater mit internationalem Anspruch steht", jubilierte der Kunststaatssekretär Jürgen Walter (Grüne). Das Stuttgarter Publikum werde ihn "mit offenen Armen empfangen", prophezeite Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU). Petras sei "ein Glücksfall" für das Theater, sekundierte der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks.

Nur auf eine Frage reagierten die Herren bei der Pressekonferenz im November einsilbig: Welche Rolle habe das Geld gespielt, um den 47-Jährigen aus der Hauptstadt in das ihm gänzlich fremde Stuttgart zu locken? Petras verdiene "nicht wesentlich mehr als in Berlin", verriet Walter immerhin; dabei wechsele er an ein deutlich größeres Haus. Er werde "nicht schlechter als in Berlin" bezahlt, bestätigte der künftige Intendant leicht indigniert. Schuster rettete sich in einen ironischen Vergleich: die Bezüge der Theatermacher entsprächen nun wirklich nicht denen der Fußballprofis vom VfB.

Selbst der Landtag tappt im Dunkeln

Die Größenordnung der Kickergagen ist weithin bekannt. Beim Spitzenpersonal im Kulturbetrieb hingegen wird fast ein Staatsgeheimnis daraus gemacht. Nur die Verwaltungsräte von Stadt und Land wissen, was die Intendanten an den hochsubventionierten Bühnen verdienen - und sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Selbst der Landtag erfährt nichts Genaues: Jeweils mit dem Haushaltsplan liefert das Finanzministerium eine Übersicht der "aufgrund außertariflicher Sonderverträge Beschäftigten". Für die Theater wird darin lediglich ausgewiesen, wie viele Gehälter eine Schwelle von rund 82.000 Euro übersteigen - nämlich landesweit gut drei Dutzend. Wie weit sie darüber liegen, ob knapp oder gewaltig, erfahren die Abgeordneten nicht.

Nun wird bekannt: die Spanne reicht bis zum Dreifachen des Betrages, nämlich 240.000 Euro pro Jahr. So viel erhielt 2008 der Spitzenverdiener an den Württembergischen Staatstheatern, der damalige Generalmusikdirektor Manfred Honeck. Damit bekam er gut 100.000 Euro mehr als der Wissenschaftsminister oder der Oberbürgermeister, ja sogar mehr als der Ministerpräsident - und das bei einem Vertrag, der ihm viel Spielraum für andere Engagements ließ. "Deutlich überhöht" sei diese Rekordvergütung im Landesdienst, zumal "für eine bloße Teilzeitbeschäftigung", rügt der Landesrechnungshof in einem nichtöffentlichen Prüfbericht. 

Regierung versucht Veröffentlichung abzuwenden

Deutlich überhöht - das ist fast das durchgehende Urteil der Karlsruher Sparkommissare über die Gehälter der Intendanten, Schauspiel-, Musik- und Ballettdirektoren in Baden-Württemberg. Bereits 2009 haben sie begonnen, Licht in das Dunkel der Vergütung zu bringen, seit Ende 2010 liegt ihr umfassender Bericht intern vor. Ob und wann die Öffentlichkeit je davon erfahren sollte, war bis zuletzt offen. Denn die Kulturpolitik reagierte geradezu elektrisiert auf die Prüfung, zum Teil sogar empört. Man könne den Kunstbetrieb doch nicht mit den Maßstäben für die normale Landesverwaltung messen, hieß es erbost. Das Herangehen des Rechnungshofes zeuge von einem tiefen Unverständnis für das Metier. Wenn dessen Vorschläge umgesetzt würden, drohe dem Kulturstandort Baden-Württemberg schwerer Schaden. Ob früher Schwarz-Gelb oder jetzt Grün-Rot - unabhängig von der Parteifarbe versuchten die Regierenden, die Befunde der Prüfer zu relativieren und eine Veröffentlichung abzuwenden. Schon im dritten Jahr wird nun darum gerungen. 

Bei den Intendantengehältern, sagt das zuständige Wissenschaftsministerium offiziell, bewege sich Stuttgart "in der bundesweit üblichen Größenordnung, eher darunter". Das dürfte stimmen - doch über die Bezahlung ist bundesweit wenig bekannt. Das Thema gilt weitgehend als Tabu. Wer will schon über den schnöden Mammon reden, wo es um hehre Kunst geht? Wenn doch mal ein Betrag durchsickert, wie voriges Jahr die 320.000 Euro für den langjährigen Bonner Generalintendanten Klaus Weise, staunt das Publikum regelmäßig. Noch weniger weiß man über die Usancen beim Umgang mit dem begehrten Spitzenpersonal - von der Auswahl über die Verhandlungen bis zu den Nebenabreden.

Posten werden selten ausgeschrieben

Der vielleicht teils unkundige, auf jeden Fall aber unbefangene Blick des Rechnungshofs offenbart da Bemerkenswertes. Kaum ein Posten werde ausgeschrieben, monieren die Prüfer, die Vorauswahl träfen jeweils kleine oder kleinste Gremien. Im künstlerischen Bereich lasse sich das noch irgendwie begründen, bei Verwaltungsjobs aber schwerlich. Auch der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks, ein Jurist, wurde auf dem Weg der "gezielten Ansprache" gewonnen. Eine Ausschreibung mache zu viel Mühe und spüle eine "Flut unqualifizierter Bewerber" heran, hieß es damals im Ministerium. Hendriks, zuvor Theatermanager in München, präsentierte sich als einziger von drei Kandidaten der Findungskommission. Im September 2008 gab der Verwaltungsrat sein Plazet, erst ein halbes Jahr später wurde der Vertrag geschlossen.

Diese Abfolge schwäche auch in anderen Fällen die Verhandlungsposition der Theaterträger, kritisiert der Rechnungshof. Die Politik scheue den Gesichtsverlust, wenn ein Erkorener abspringe. Hendriks verhandelte offenbar gut: Er sicherte sich rund 150.000 Euro pro Jahr - angeblich das Anderthalbfache seines vorigen Jobs - und fast die gewünschte "Augenhöhe" mit den künstlerischen Intendanten. 

Land habe sich "weder wirtschaftlich noch sparsam" verhalten

Die kamen zu dem für die Prüfung maßgeblichen Zeitpunkt 2008 auf noch höhere Jahresbeträge, jeweils samt Sonderzuwendungen: bei Opernchef Albrecht Puhlmann waren es 196.000 Euro, beim Schauspielintendanten Hasko Weber 173.000 Euro, beim Ballettdirektor Reid Anderson 204.000 Euro - "70.000 Euro über dem Gehalt des Wissenschaftsministers", wie die Prüfer vorrechnen. Mit Andersons Verpflichtung 1996 sei das "Gagenkarussell" am Staatstheater in Gang gekommen, hatte das Ministerium einst intern eingeräumt. Auch bei Hendriks' Vorgänger Hans Tränkle (198.000 Euro) sind nach dem Prüfbericht fragwürdige Sitten eingerissen - etwa, was die überaus großzügige Dienstwagenregelung angehe. Bei Tränkle habe sich das Land "weder wirtschaftlich noch sparsam" verhalten, lautet das Fazit. Allgemeine oder nachvollziehbare Kriterien für die Vergütung gebe es nicht, rügt der Rechnungshof, entscheidend sei offenbar "das individuelle Verhandlungsgeschick". 

Nicht nur absolut gehören die Intendanten und Direktoren laut dem Prüfbericht zu den "höchstbezahlten Beschäftigten in der unmittelbaren Landesverwaltung". Dabei lebten die Theater zu vier Fünfteln von öffentlichen Mitteln, also Steuergeldern. Auch der Gehaltsabstand zu ihren akademisch gebildeten Mitarbeitern sei erheblich größer als anderswo - vom übrigen Personal bis hin zu den Garderobenfrauen ganz zu schweigen. "Der Weg an die Spitze führt durch sehr niedrige Gefilde", werben Theaterkenner um Verständnis. Zudem hätten die Erwählten nur Zeitverträge und müssten sich selbst absichern. "Nach ein paar Jahren kann alles vorbei sein", dann drohe sogar die Arbeitslosigkeit.

Nebenbei noch weitere Tätigkeiten

Der Rechnungshof hat indes eher den Eindruck, das Spitzenpersonal werde allzu sehr verhätschelt. Er wundert sich über die sogenannten Vorbereitungsverträge, nach denen es den Neuen schon lange vor Amtsantritt honoriert wird, dass sie sich für ihre künftige Aufgabe wappnen. In einem Fall wurde das über mehrere Jahre mit beachtlichen 70.000 Euro vergütet - für sich genommen schon ein ordentliches Jahresgehalt. Spesen kamen hinzu.

Noch mehr staunten die Prüfer über die großzügige Vertragsgestaltung samt üppigem Spielraum für Nebentätigkeiten. Auch hier fiel ihnen besonders der Generalmusikdirektor Honeck auf. Eine verbindliche Arbeitszeit oder Anwesenheit habe man nicht vereinbart, die 33 "Pflichtdirigate" seien unangemessen wenig gewesen; jede Aufführung ließ sich der Publikumsliebling so umgerechnet mit 7000 Euro honorieren. Daneben blieb ihm reichlich Zeit für andere, nicht minder lukrative Engagements - etwa als Musikdirektor beim Pittsburgh Symphony Orchestra oder als Erster Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag. Erst durch den Rechnungshof erfuhr das Kunstministerium von einem "Sideletter", in dem sich der Star Privilegien ausbedungen hatte: in Flugzeug oder Bahn dürfe er die erste Klasse nutzen, bei Tourneen sei ihm "ein geräumiges Doppelzimmer bzw. eine Suite in einem Hotel der gehobenen Kategorie" zu bezahlen. Begehrten Leuten wie Honeck müsse man eben etwas bieten, heißt es dazu inoffiziell.

Stuttgart würde seine Spitzenposition verlieren

Offiziell verteidigt das Ministerium die Bezahlung der Theatergrößen als angemessen. "Wer sich für niedrigere Gehälter einsetzt, muss gleichzeitig in Kauf nehmen, dass Stuttgart dann nicht mehr zur Spitzengruppe zählt", erläutert ein Sprecher. "Das wollen wir nicht." Schwerer tut sich das Grünen-geführte Ressort mit der Forderung des Rechnungshofs, die Bezüge ähnlich wie bei den Vorständen und Geschäftsführern landesbeteiligter Unternehmen offenzulegen. Dies komme nur in Betracht, wenn die Betroffenen einverstanden seien und eine solche Transparenz "generell auch über Baden-Württemberg hinaus" praktiziert werde; sonst drohten dem Südwesten "Wettbewerbsnachteile".

Bei der Pressekonferenz mit Petras klang das noch ein wenig anders. Der Geschäftsführende Intendant Hendriks gab damals eine politische Antwort auf die Frage nach der Offenlegung: Das Interesse der Öffentlichkeit an Transparenz müsse mit dem Schutzinteresse des Einzelnen sorgsam abgewogen werden. Der Politiker Walter hingegen stellte sich stur: Es sei nur "eine kleine Gruppe", die nach der Veröffentlichung rufe. Das Ministerium habe kein Interesse, "diesen Wunsch zu befolgen". Es dürfte in der Angelegenheit nicht das letzte Wort gewesen sein.