Staatstheater-Premiere Handwerk mit Klassikern

Göre, Mädchen, Frau und Männeropfer:   Fritzi Haberlandt als   Marquise von O. in der Kleist-Novelle Foto: Bettina Stöß
Göre, Mädchen, Frau und Männeropfer: Fritzi Haberlandt als Marquise von O. in der Kleist-Novelle Foto: Bettina Stöß

Der Intendant Armin Petras inszeniert im Stuttgarter Kammertheater einen Doppelabend: In „Marquise von O./Drachenblut“ spannt er Novellen von Heinrich von Kleist und Christoph Hein zusammen. Warum er das tut, bleibt sein Geheimnis.

Kultur: Roland Müller (rm)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Kein Zweifel: auf den literarischen Geschmack von Armin Petras ist Verlass. Wenn der Stuttgarter Intendant selber inszeniert, was er gerne tut, knöpft er sich auffallend oft Stoffe von Autoren vor, die uns aus dem Kanon entgegenleuchten. Hauff, Brecht und Dürrenmatt hat er in dieser Saison ins Schauspielhaus gebracht, eine illustre Reihe von Großmeistern, denen er nun im Kammertheater zwei weitere hinzugesellt: Heinrich von Kleist und Christoph Hein. Petras spannt die beiden Herren an einem einzigen Abend zusammen und lässt also auf den seit zweihundert Jahren toten Klassiker einen Dichter folgen, der vor einem Monat siebzig wurde und gerade im Begriff ist, ein moderner Klassiker zu werden. Und so beglaubigt wie die Qualität der Autoren ist auch die Kraft der Novellen, die sich der regieführende Intendant für seinen Doppelschlag ausgesucht hat: Sowohl Kleists „Marquise von O.“ als auch Heins „Drachenblut“ handelt von einem auf je eigene Weise bemerkenswerten Frauenschicksal, das den Leser bei der Lektüre gefangen nimmt. Muss ein solcher Theaterabend nicht einfach überwältigend ausfallen? Nun, nicht unbedingt.

Er kann auch matt und glanzlos sein. Jede ästhetische Aufregung vermeidend, kann er sich in szenischer Betulichkeit verlieren und fast in Neo-Biedermeier auflösen, gerade weil das zur Anwendung kommende Regiehandwerk sich als perfekt altmeisterlich erweist. Und der coole Petras ist, auch wenn man’s kaum glauben mag, eben ein Altmeister: Aus jahrelanger Erfahrung weiß er, wie man Prosastoffe effektvoll auf die Theaterbühne bringt, epische Schilderungen in dramatische Handlungen übersetzt, Romankonflikte zuspitzt und diese Konfliktessenzen mit wenigen Gesten und noch weniger Requisiten symbolisch illustriert und überhöht. Just diese bewährten Verfahren nutzt er auch im Kammertheater, gleichermaßen bei Kleist und Hein, die er hauteng an den Textvorlagen sozusagen werktreu aufführt. Und fortan wehen Szenen und Figuren auf die Bühne, die aus einem Traum zu kommen scheinen und doch Geschöpfe jener harten, rauen und gnadenlosen Wirklichkeit sind, von der sie nun berichten. Bei Kleist dauert das neunzig Minuten, bei Hein fünfundsiebzig – aber abgesehen von der unterschiedlichen Dauer weisen die beiden Teile der braven Doppelinszenierung dann doch auch enorme Gemeinsamkeiten aus.

Es ist nicht nur die Regiehandschrift von Armin Petras, die sich den Abend über gleich bleibt, sondern auch die Einheitsbühne von Annette Riedel. Frei von jeglichem Mobiliar, hat sie eine abstrakte Spielfläche in den Raum gestellt, die hoch und nieder fährt und sich in eine wippende Schräge verwandeln kann. Und darauf spielt und balanciert nun – dritte Gemeinsamkeit – sowohl bei Kleist als auch bei Hein exakt dasselbe sechsköpfige Ensemble, nur die Spielerin der jeweiligen Hauptfigur wird prominent ausgetauscht. Fritzi Haberlandt ist die Marquise von O., die während des ersten Napoleonischen Kriegs per Zeitungsannonce den Vater ihres Kindes sucht – ein Skandal! Astrid Meyerfeldt ist die Claudia im „Drachenblut“, die im Ost-Berlin der DDR-Zeit ein Leben voller Härte und Unverwundbarkeit führen will – ein Experiment mit Gefühlsrisiko! Und natürlich will die Inszenierung nun jenseits aller Äußerlichkeiten auch inhaltliche Verwandtschaften zwischen den beiden außergewöhnlichen Frauen aufdecken, natürlich sollen sie über die Jahrhunderte hinweg in einen Dialog treten über „Selbstbehauptung und Selbstverleugnung“, wie es im Programmheft heißt.

Novelle von hinten aufgezäumt

Nun denn. Schauen wir auf Kleist, der entspannt beginnt. Petras zäumt die Novelle von hinten auf und eröffnet mit dem fragwürdigen Happy End: Die Marquise hat den Grafen F., der sie während einer Ohmmacht vergewaltigt hat, geheiratet und ist wieder in die Gesellschaft aufgenommen worden. Nun wird gefeiert, auf der Klippe der aufragenden Bühnenwippe, mit Rotwein und Südstaatenblues und Erinnerungen, die alle Grausamkeiten des Kriegs in ein mildes, sanft verklärendes Licht rücken – bis zu dem Punkt, an dem der Vater der Marquise, präzise gespielt von Maximilian Simonischek, mit seiner ihn demütigenden Kapitulation konfrontiert wird. Unvermittelt zerbricht er das Glas in der Hand, das Partygeplapper verstummt, und die Novelle kehrt zum Anfang zurück – und so sehr neben Simonischek vor allem noch Hans Löw als herrischer Graf F. überzeugen kann, so sehr gehört die Inszenierung dann doch Fritzi Haberlandt. Immer wieder springt sie als Titelheldin aus der historischen Zeit und ihren strengen Konventionen und verwandelt sich stracks in eine heutige Göre. Und was bei anderen zum ärgerlichen Stilbruch verkommen könnte, wird bei ihr zur Kunst der inneren Zerrissenheit der Marquise von O.

Nicht anders als Kleist beginnt auch der dann folgende Hein mit dem Ende, freilich ohne Zutun von Petras. Der Autor selbst startet seine Novelle mit der Beerdigung von Henry, des ebenfalls von Simonischek gespielten Liebhabers von Claudia – und schon wird die scheinemanzipierte Ärztin von Erinnerungen heimgesucht, die sie wie im Fiebertraum schütteln. Vorsichtig tastet sich Astrid Meyerfeldt in ihre Lebensgeschichte, barfuß und Schritt für Schritt – und verschließt dabei doch immer wieder die Augen vor dem Offensichtlichen. Sie, die aus Selbstschutz jegliche Nähe vermeidet, hat doch keine andere Sehnsucht als: Nähe. Wie Haberlandt gelingt es auch Meyerfeldt, das differenzierte Bild einer Frau zu entwerfen, die unter den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht minder leidet als unter sich selbst – und wenn der Doppelabend im Kammertheater dann doch noch halbwegs sehenswert ist, dann wegen der starken Leistung dieser beiden Spielerinnen.

Die Regie von Armin Petras indes ergeht sich in Routine – und schon gar nicht löst sie die kühne Behauptung ein, Kleist und Hein in einen subkutanen Dialog treten zu lassen. Hier spiegeln sich keine einander erhellenden Frauenschicksale, hier spiegeln sich lediglich handwerkliche Fertigkeiten – mit der Folge, dass man die „Marquise von O.“ und „Drachenblut“ unbeschadet wieder voneinander scheiden und an getrennten Abenden zeigen könnte. Insofern auch: eine kleine Enttäuschung.




Unsere Empfehlung für Sie