Staatstheater Stuttgart Das Opernhaus braucht den großen Wurf

Das Opernhaus muss saniert werden. Foto: dpa
Das Opernhaus muss saniert werden. Foto: dpa

Auf, hinter und neben der Bühne des Stuttgarter Opernhauses bröckelt es. Die Generalsanierung des historischen Gebäudes samt der Erweiterungsbauten würde rund 300 Millionen Euro kosten. Doch ob und wann das Geld freigegeben wird ist noch unklar.

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Die Zahlen, die da in den Nikolausstiefeln von Kulturpolitikern steckten, schmeckten nicht gerade schokoladig. Anfang Dezember wurde bekannt, dass sich in Berlin die Sanierung der Staatsoper um 93 Millionen Euro verteuern wird, auf am Ende mehr als 390 Millionen. Die auf Herbst 2017 verschobene Wiedereröffnung, statt ursprünglich 2013, war länger bekannt. Zur gleichen Zeit war auch von massiven Verzögerungen in Köln zu hören: Dort sollen am 7. November 2015 Opern- und Schauspielhaus wiedereröffnet werden – nach mehrjähriger Grundsanierung. Bisherige Kostensteigung dort: „nur“ zehn Prozent. Beinahe pittoresk die Nachricht kurz vorm zweiten Advent, dass die Hamburger Elbphilharmonie zu den weltweit teuersten zehn Hochhäusern gehört. Im Württembergischen Kunstministerium und im gleichberechtigt für die Staatstheater zuständigen Stuttgarter Rathaus wird man all das mit Schaudern vernommen haben.

Denn Stadt und Land müssen in diesem Jahr grundlegend über die Zukunft des Dreispartenbetriebes nachdenken. Zwei Blöcke sind zu bearbeiten. Klar ist, dass die Verträge der künstlerischen Intendanten Jossi Wieler (Oper), Armin Petras (Schauspiel) und Reid Anderson (Ballett) 2018 enden. Und nach allem, was man hört, wollen die Spartenchefs Wieler und Anderson nicht verlängern. Dass es den quirligen Petras noch mal woanders hinzieht, ist ziemlich wahrscheinlich, ob er aber Stuttgart 2018, erst 2020 oder 2021 verlässt, ist offen.

In ruhigen Zeiten wäre ein Führungswechsel in allen drei Sparten – zumal gleichzeitig – ganz praktisch. Wollte man nämlich das Stuttgarter Modell, die partnerschaftliche, gleichberechtigte, aber autonome Spartenleitung anstelle einer bis zum Ende der Ära Gönnenwein 1992 praktizierten Generalintendanz fortführen, wäre die Suche nach einer Troika, die sich versteht, eine anspruchsvolle, freilich überschaubare Tätigkeit.

Den Krieg hat das Opernhaus unbeschadet überlebt

Wo befindet sich der Haken, fragt der Musenfreund? So ziemlich in jedem Winkel des 1912 eröffneten Opernhauses. Zwar hat es im Gegensatz zum Schauspielhaus in dem vom Archi­tekten Max Littmann entworfenen Gesamtensemble den Zweiten Weltkrieg überlebt, auch eine „Verschönerung“ im Inneren in den fünfziger Jahren, die glücklicherweise vor dreißig Jahren zurückgebaut werden konnte. Doch der heutige dezente Grau-Silber-Honig-Glanz des Zuschauerraums mit seinem leuchtenden nachtblauen Plafond, das von schlanken Säulen und imposanten Lüstern geprägte Hauptfoyer täuschen den Blick: Auf, hinter und zu Seiten der Bühne sowie in dem 1962 hinzugefügten Kulissengebäude an der Konrad-Adenauer-Straße, der Verbindung zum Schauspielhaus, bröckelt es an vielen Ecken.

Arbeits- und Brandschutz entsprechen nicht vollständig den Bestimmungen, die Platznot aller Gewerke ist groß, und die Technik ist veraltet. Der Zuschauer bemerkt spätestens, wenn sich vor der Damentoilette indezent wirkende Schlangen in den Foyers bilden, dass man sich, was den Besucherkomfort betrifft, nicht auf dem Stand der Zeit befindet. In der vergangenen Spielzeit hakte der sogenannte Eiserne Vorhang, die Brandsicherung zwischen Bühne und Zuschauerraum, eine „Zauberflöten“-Aufführung musste dreißig Minuten unterbrochen werden, bis es weiterging. Im Haus mag keiner daran denken, was passiert, wenn eine Situation eintritt, die die Verantwortlichen wegen baulicher Mängel und aus feuerpolizeilichen Gründen zwingt, von heute auf morgen zu schließen. Genau das war im Oktober 2006 in Heidelberg passiert: Die Oberbürgermeisterin ordnete die Schließung wesentlicher Räume des städtischen Theaters an. Binnen Tagesfrist musste der Spielbetrieb eingestellt werden. So weit wird es in Stuttgart nicht kommen, immerhin werden für die Bestandssicherung drei bis vier Millionen jährlich investiert.

Seit Sommer 2014 liegt eine Gutachten zur Sanierung vor

Das ersetzt eine Generalsanierung nicht; das weiß jeder vom Verwaltungsrat der Staatstheater bis zum Stuttgarter Oberbürgermeister und zur Kunstministerin. Dass das keine beneidenswerte Aufgabe ist, liegt nahe, ohne dass Beispiele wie das vor der Tür liegende Bahnprojekt Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen bemüht werden müssen. Der Verwaltungsrat hat durch den Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks zunächst ein Gutachten in Auftrag gegeben, das seit dem Sommer 2014 sechshundert Seiten stark vorliegt. Es gibt mehrere Optionen. Der große Wurf, die komplette Ertüchtigung des historischen Opernhauses samt Erweiterungsbauten, um das Flächendefizit zu beheben, würde geschätzt rund 300 Millionen kosten – riecht ziemlich ähnlich wie die Summe, von der man anfangs bei der Sanierung der Berliner Staatsoper ausgegangen ist.

Darüber soll nun 2015 beraten werden in den Gremien. Ob und wann es zur Einstellung der Mittel für Sanierung und Neubauten in die Haushalte des Stuttgarter Gemeinderats und des Landesparlaments kommt, ist ungewiss. Das kann sich hinziehen. Fällt ein Beschluss, wird noch lange nicht gebaut. Architektenwettbewerb, Planfeststellungen, Ausschreibungen, die gesamte Hitparade öffentlichen Bauens folgt.




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