Staatstheater Stuttgart Intendant Hendriks: „Aus einer Petition wird schnell ein Bürgerbegehren“
Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, befürchtet angesichts der Sparpläne der Stadt drastischen Personalabbau.
Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, befürchtet angesichts der Sparpläne der Stadt drastischen Personalabbau.
Die Nachricht, die Stadt Stuttgart werde ihre Zuschüsse an die Staatstheater Stuttgart 2026 um 4,4 Millionen Euro und 2027 um 4,6 Millionen Euro kürzen, erzeugt viel Aufregung. Vertragskonform müsste auch das Land um diese Summen kürzen. Der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks sieht die Struktur des Hauses in Gefahr.
Herr Hendriks, wie viel Zeit verbringen Sie aktuell mit Informations- und Beruhigungsrunden?
In den vergangenen Wochen haben wir in den Staatstheatern Stuttgart sehr viel Zeit in interne Kommunikation investiert. Die Belegschaft wurde über die sich verdichtende Entwicklung unterrichtet. Die Erschütterungen, insbesondere im Ballett und im Schauspiel, zeigen, wie existenziell die Lage wahrgenommen wird. Die Resonanz unseres Publikums zeigt, wie sehr sich die Menschen in Stuttgart um ihre Kultur sorgen. Die Bürgerinnen und Bürger sind entsetzt über die geplanten und absolut verheerenden kulturpolitischen Entscheidungen, das bestätigen uns auch alle anderen Kultureinrichtungen, mit denen wir uns permanent austauschen.
Wäre nicht gerade im Schauspiel und Ballett der Wirkungsgrad öffentlicher Aktionen am größten?
Öffentliche Aktionen sind doch längst nicht mehr nur auf unser Haus beschränkt. Nicht nur unsere Sparten reagieren naturgemäß besonders sensibel auf strukturelle Einschnitte, da ihre Arbeitsprozesse unmittelbar vom Personalbestand abhängen, allen anderen Kultureinrichtungen geht es genauso. Allerdings ist klar: Dort, wo Arbeitsrealität und künstlerische Praxis am stärksten berührt werden, ist die Resonanz auch in der Öffentlichkeit besonders hoch. Das wird in den kommenden Tagen sehr deutlich werden. Und aus einer Petition wird sehr schnell ein Bürgerbegehren und im Konfliktfall dann vielleicht sogar auch ein Bürgerentscheid.
Stimmt es, dass bei jährlich rund neun Millionen Euro Mindereinnahmen – Stadt und Land gemeinsam gerechnet – bis zu 100 Arbeitsplätze gefährdet sind?
Bei einer Fortschreibung der Kürzungslogik in das Jahr 2027 und einer vertragskonformen Reaktion des Landes könnten bis zu 120 Arbeitsplätze betroffen sein. Das entspricht rund zehn Prozent des gesamten Beschäftigungsvolumens. Diese Dimension ist erheblich und würde die Struktur des Hauses dauerhaft verändern.
Welcher Anteil Ihrer Ausgaben entfällt eigentlich auf Personalkosten?
Das Theater ist ein manufakturähnlicher Betrieb und damit stark personalgebunden. Die Personalkosten liegen – wie im gesamten deutschen Theaterwesen – deutlich über 80 Prozent. Tarifverträge und arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen setzen hier kurzfristigen Eingriffen enge Grenzen. Die Planung der laufenden Spielzeit reicht bis zum 31. August 2026 und basiert auf dem im Juli 2025 genehmigten Wirtschaftsplan. Dieser ist die verbindliche Grundlage unserer Dispositionen.
Sind Sie denn in die Debatten zwischen Stadt und Land eingebunden?
Es gibt gewisse zeitliche Verschiebungen in der Informationskette, sodass wir manche Vorabinformationen leider erst im Nachgang erhalten. Das ist bedauerlich, denn es geht um die Kultur in Stuttgart insgesamt, nicht um partikulare Interessen.
Ursprünglich war ja von einer Reduzierung um 1,8 Millionen Euro die Rede. Hätten Sie dieses für 2026 aus Rücklagen abfedern können? Und – müssen Sie nun vertragsbrüchig werden oder Produktionen streichen?
Die Staatstheater werden nicht vertragsbrüchig. Wir haben einen genehmigten Wirtschaftsplan für die Spielzeit 2025/26, der weiterhin gültig ist und rund acht Monate des kommenden Jahres abdeckt. Für diesen Zeitraum bestehen feste Vereinbarungen und vertragliche Bindungen, die wir selbstverständlich einhalten. Ob der bisherige Produktionsumfang in der mittleren Zukunft gehalten werden kann, hängt von den kommenden Entscheidungen der Politik ab. Insbesondere bei der Landeshauptstadt.
Stuttgart weist ein enormes Haushaltsdefizit auf.
Umso mehr braucht es klare Bekenntnisse: Wir leben nicht hinter dem Mond und sehen die Notwendigkeit von Einsparungen. In dieser Höhe sind sie allerdings inakzeptabel. Kultur wird in dieser Stadt gerne als Wirtschaftsstandort verstanden. Wird in der geplanten Form gekürzt, wird die Stadt kulturell uninteressant für dringend benötigte Fachkräfte. Die ziehen mit ihren Familien dann lieber nach Frankfurt oder München.