Kultur soll begeistern, das Beste zeigen und für alle da sein. Warum dann nicht schon vor dem Opernhaus damit beginnen? Mit einem attraktiven Gastro-Angebot? Die Staatstheater drängen, die Stadt bremst.
Der Satz von Johannes Milla ist mehr als zehn Jahre alt, richtig ist er aber noch immer: „Stuttgart braucht mehr Oper.“ Was der Werbefachmann meinte: Stuttgart braucht mehr Auftritt, mehr Bewusstsein für die Stadt als Marke – und mehr Bereitschaft, dafür auch mal etwas zu riskieren. So wie 2005, als zum Festival „Theater der Welt“ der Eckensee zur (Gastro-)Bühne wurde. Feiern mit Blick auf das Neue Schloss, auf Landtag, Opern- und Schauspielhaus – mehr geht wirklich nicht.
„Große Sympathien“ der Stadt
Ließe sich aber das Vergnügen im Sommer nicht verstetigen? Gar mit Freude an der regelmäßig wiederkehrenden Eckensee-Fontäne? Die Staatstheater arbeiten derzeit an einem Konzept, das eine feste Außengastronomie zwischen dem Opernhaus und dem Schauspielhaus vorsieht. Entsprechende „Theaterterrassen“-Pläne hat man in der jüngsten Verwaltungsratssitzung vorgestellt. Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater, bestätigt: „Die Staatstheater Stuttgart haben den Bauantrag für die temporären Theaterterrassen beim Baurechtsamt eingereicht. Der Antrag wird nun von den Ämtern geprüft.“ Angedacht sind laut den Staatstheatern sogenannte fliegende Bauten, die jenseits der bisherigen Theatergastronomie auf einem fest definierten Raum ein autarkes Angebot an Getränken und Speisen ermöglichen. Dieses Angebot soll für den Zeitraum von sechs Monaten im Jahr allen Besuchern des Schlossgartens offenstehen, also „niederschwellig“ sein. Gedacht ist an rund 140 Sitzplätze. Betreiber dieser „luftigen Sommergastro“ soll der bisherige Theatergastronom Alexander Scholz sein.
Die Sprecherin der Stadt macht den Staatstheatern erst mal Mut: „Grundsätzlich hat dieses Konzept große Sympathien bei der Stadt. Abgesehen davon, dass ein Theaterbesuch attraktiver wird durch zusätzliche gastronomische Angebote: Das Konzept würde dazu beitragen, die Staatstheater weiter in die Stadt hinein zu öffnen und den Schlossgarten insbesondere abends vom Publikum her stärker zu durchmischen, was sich auch positiv auswirken würde auf das Sicherheitsgefühl vor Ort.“ Oberbürgermeister Frank Nopper hat sich zunächst Bedenkzeit erbeten. Er wollte die Pläne der Staatstheater zunächst einmal in der wöchentlichen Runde mit den Bürgermeistern besprechen.
Und so verwundert – unabhängig von „grundsätzlichen Sympathien“ – der Nachsatz der OB-Sprecherin auch nicht: „Aktuell verläuft die Hauptradroute 1, die Bad Cannstatt mit Vaihingen verbindet, durch den Schlossgarten – im Oberen Schlossgarten zwischen Staatstheater und Eckensee. Es ist in Planung, dass die Hauptradroute 1 perspektivisch ein Radschnellweg wird, der dann an der B 14 entlang verlaufen soll.“ Die Hauptradroute 1 werde aber erst nach Abschluss der Opernhaus-Sanierung vom Schlossgarten an die B 14 verlegt werden können. Solange die Arbeiten nicht abgeschlossen seien, werde „die Fläche zwischen Staatstheater und B 14 für einen Geh- und potenziellen Radweg wegen des Baustellenverkehrs nicht nutzbar sein“. Heißt das für das Areal zwischen dem Opernhaus und dem Eckensee und folglich für die Theaterterrassen-Pläne, dass hier nichts geht?
Ein Vorbild für die geplanten Theaterterrassen: Ereignisse wie das „Theaterfest“ im und vor dem Opernhaus Stuttgart Foto: Verein der Freunde und Förderer
Die Theaterverantwortlichen argumentieren mit einer Öffnungsklausel besonderer Art: Sie wollen nicht länger nur hinter verschlossenen Türen wirken, nicht nur sporadisch wie bei Ballett im Park und Oper im Park draußen bei den Menschen sein. Und fordert nicht auch die Landesregierung von der Kultur mehr Offenheit? „Es wäre ein deutliches Zeichen und ein Gewinn für das Stadtleben“, sagt Marc-Oliver Hendriks. Er hofft, „dass noch in diesem Jahr zumindest ein erster Teil der Theaterterrassen realisiert werden kann“. Klar ist jedoch: Eine feste Freiluftgastronomie hat nicht den festlichen Rausch einer Spielzeiteröffnung – und auch nicht, wie zuletzt im Sommer 2018, den Charme einer Probebühne, vor der sich, einmalig geduldet, Groß und Klein drängen. Da ist viel zu bedenken und im Interesse aller viel zu regeln. Der Ball liegt bei der Stadt.
OB: Gastro-Idee hat Charme
Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) reagiert zustimmend, sieht in Zusammenhang mit der Radroute jedoch ein Problem. „Der Vorschlag der Württembergischen Staatstheater hat Charme und Esprit“, sagt Nopper unserer Zeitung. „Eine Außengastronomie wertet das Flair am Eckensee weiter auf und steht für eine Öffnung der Staatstheater für alle.“ Da die bisherige Planung mit der Hauptradroute kollidiere, sei sie nicht genehmigungsfähig. „Die Stadt und die Württembergischen Staatstheater sind aber in Gesprächen und suchen eine praktikable Lösung“, heißt es.
Kulisse für eine feste Außengastronomie? Das Staatstheater-Areal in Stuttgart mit Opernhaus (rechts) und Schauspielhaus. Foto: StS
Das Land hat sich derweil bereits entschieden: „Das Kunstministerium begrüßt nachdrücklich die Initiative der Staatstheater“, sagt Staatssekretär Arne Braun (Grüne): „Mit den temporären Theaterterrassen erschließen wir öffentlichen Raum für die Kultur und für die Menschen – Oper, Schauspiel und Ballett gewinnen Sichtbarkeit und bereichern so das Stadtleben.“ Außerdem bekomme man so eine Vorstellung davon, „wie der sanierte Littmann-Bau noch stärker ins Stadtleben ausstrahlen wird“. Der Staatssekretär in dem von Petra Olschowski geführten Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst hebt noch auf einen anderen Punkt ab: „Besonders freue ich mich auf spannende, generationsübergreifende Begegnungen am Eckensee.“ Die Staatstheater mit Marc-Oliver Hendriks an der Spitze zeigen sich gesprächsbereit: „Wir werden in diesem Zusammenhang gerne daran mitwirken, einen Beitrag zur Verkehrssicherheit im Oberen Schlossgarten zu leisten.“