Staatstheater Stuttgart Zahn der Zeit nagt am Opernhaus

Viele bunte Tasten, zwei Mikrofone und drei Monitore – Inspizientin Eva Poettgen regelt im Hintergrund die Vorstellung. Foto: Heinz Heiss 4 Bilder
Viele bunte Tasten, zwei Mikrofone und drei Monitore – Inspizientin Eva Poettgen regelt im Hintergrund die Vorstellung. Foto: Heinz Heiss

Die Staatsoper in Stuttgart ist technisch in die Jahre gekommen. Das hat nicht zuletzt der Zwischenfall mit dem eisernen Vorhang gezeigt. Die Mitarbeiter lassen sich von den Unzulänglichkeiten des Hauses aber nicht demotivieren.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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Stuttgart - Zehn Minuten nach 21 Uhr fährt die Königin der Nacht unter die Erde – mit dem letzten Ton der vielleicht berühmtesten Arie der Operngeschichte aus Mozarts Zauberflöte. Inspizientin Eva Poettgen gibt aus dem Hintergrund das endgültige „Go“ für den spektakulären Abgang der verzweifelten Diva: „Achtung für Glühen und Bumm“ sagt sie mit ihrer tiefen Stimme zu den Rüstmeistern Achim Bitzer und Sofie Safranek, die für Spezialeffekte, Pyrotechnik und Theaterwaffen zuständig sind. Sie stehen neben ihrer Kommandozentrale hinter der Bühne im Halbdunkel. Der kleine Schaltkasten für das „Bumm“ liegt auf einem Einkaufswagen und punktgenau mit der Abfahrt des Bühnenbodenstückes zünden sie: rechts und links steigen Feuersäulen auf und erlöschen sofort wieder. Für die Abfahrt in der Versenkung bekommen die Mitarbeiter in der Untermaschinerie von ihr ein Lichtzeichen.

Lob für die Feuermacher

Eva Poettgen macht ihren nervenaufreibenden Job hinter der Bühne schon seit 30 Jahren und kann sich nichts Schöneres vorstellen. Bei der Zauberflöte in der vielschichtigen Inszenierung von Peter Konwitschny aus der Spielzeit 2003/04, die am 1. Februar zum letzten Mal in dieser Saison gegeben wurde, hielt sie von Anfang an hinter der Bühne alle Fäden für Ober-und Untermaschinerie, Beleuchtung, Requisite sowie die Auftritte der Sänger und des Chores in der Hand. Trotzdem freut sie sich wie ein Kind nach der geglückten Feuerszene. „Sehr schön gemacht“, sagt sie und schaut sofort wieder ins Notenbuch. Jeden Takt liest sie mit, jedes Kommando muss sie im Voraus für die Akteure mit deren Namen ankündigen und dann im richtigen Moment geben. Manchmal summt Eva Poettgen auch mit. Dem musikalischen Leiter Uwe Sander blickt sie via Monitor ins Gesicht und die Bühne hat sie über zwei weitere Monitore im Blick, denn ihr Inspizientenpult „Nord“ steht im rechten Winkel zur Bühne hinter dem Vorhang.

Auch Sopranistin Yuko Kakuta, die die Königin der Nacht singt, ist nach ihrem Abgang glücklich, denn die so genannte „Rachearie“, die zwei Oktaven umfasst, ist besonders anspruchsvoll. 40 Minuten vor der Vorstellung, während die Feuerwehrleute Bühne und Zuschauerraum durchchecken, sitzt sie fertig geschminkt im Bademantel in ihrer Garderobe. „Ich bin immer nervös. Vor jeder Vorstellung der Zauberflöte frage ich mich morgens, wenn ich aufwache, weshalb hast Du Ja gesagt. Aber hinterher bin ich glücklich.“ Die zweite Arie der Königin der Nacht sei deshalb besonders aufregend, weil sie jeder kennt. „Jeder hat besonders hohe Erwartungen“, sagt sie. Trotz Lampenfieber leert Yuko Kakuto vor dem Auftritt einen Becher Kaffee.

Nudelsalat für die Orchestermusiker

Nebenan hat gerade Ronan Collett alias Papageno den Stuhl vor dem Spiegel in der Maske verlassen. „Für mich ist die Rolle ein goldenes Ticket,“, sagt er auf Englisch. Collett spricht Deutsch auf der Bühne, aber nicht im realen Leben. Er liebt diese Inszenierung von Konwitschny, denn sie zeige, dass Papageno eine wirkliche und absolut unschuldige Figur sei: „Es ist mein liebstes Stück.“ Collett ist im Dauereinsatz und versorgt sich in der Pause in der Kantine mit Obst und einem Trinkjoghurt. Die Orchestermusiker unterhalten sich dicht gedrängt an einem Tisch bei Nudelsalat und kühlen Getränken, zwei der drei Damen sowie die drei Knaben von den Aurelius Sängerknaben Calw mit ihrer Betreuerin machen ebenfalls Pause und essen Eiscreme in der unterirdischen Kantine zwischen Oper und Schauspielhaus – bis die Stimme von Eva Poettgen ertönt.




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