Stabswechsel beim Africom „Russland destabilisiert die Zivilgesellschaft“
General Michael E. Langley führte drei Jahre das US-Oberkommando für Afrika in Stuttgart. Zu seinem Abschied spricht er über China, Russland und Augenhöhe.
General Michael E. Langley führte drei Jahre das US-Oberkommando für Afrika in Stuttgart. Zu seinem Abschied spricht er über China, Russland und Augenhöhe.
Nach drei Jahren als Befehlshaber übergibt General Michael Elliot Langley das Kommando über eines der wichtigsten US-Streitkräftekommandos Africom an seinen Nachfolger: Das ressourcenreiche Afrika spielt strategisch eine immer wichtigere globale Rolle. Im exklusiven Interview mit unserer Zeitung zieht der Marineinfanterist Bilanz und schaut in die Zukunft Afrikas.
Herr General, China investiert stark auf dem afrikanischen Kontinent und baut seinen Einfluss systematisch aus. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
China tut dies mit seiner Seidenstraßeninitiave seit Jahrzehnten. Africom wirkt dem mit einer eigenen Einschätzung des chinesischen Engagements entgegen. Wir fragen uns: Hilft es unseren afrikanischen Partnern oder gibt es versteckte Absichten? Wir sehen das so: Wir wollen unsere afrikanischen Freunde auf ihrem Weg zu Stabilität, Frieden, Sicherheit und Wohlstand begleiten. Das ist unser gemeinsames Ziel.
Und was sind die Ziele Chinas?
Diese Frage stellen wir uns gemeinsam mit unseren afrikanischen Partnern. Wir betrachten die vielfältigen Bedrohungen in ihren verschiedenen Formen. In vielen Ländern gab es Fälle schlechter Regierungsführung, die Zivilgesellschaft ist bedroht. In vielen Ländern gibt es eine tiefe Kluft zwischen Militär und Zivilgesellschaft. Das alles hat Auswirkungen auf Konflikte, insbesondere auf die, die von außen auf den afrikanischen Kontinent gebracht werden. Das liegt vor allem an islamistischen Extremisten: In den beiden letzten Jahrzehnten ist der weltweite Anteil islamistischer Terrorgruppen auf afrikanischem Boden von zwei auf 43 Prozent gestiegen. Dies ist neben vielen anderen Konflikten, seien es Stammeskonflikte oder Zusammenstöße zwischen Hirten und Bauern, die größte Bedrohung. Das alles fördert Instabilität, die von einer Reihe anderer Länder außerhalb Afrikas angeheizt wird.
Russland tritt zunehmend als militärischer Akteur durch reguläre Streitkräfte wie durch Söldner in Afrika in Erscheinung. Wie reagieren Sie?
Wir haben die Wagner-Gruppe drei Jahren lang sehr genau beobachtet. Nach ihrem Niedergang hofften wir auf eine positive Entwicklung. Aber Russland baut seine Präsenz in Afrika aus und hat mit der Entsendung seines „Afrikakorps“ gezeigt, dass es andere Ziele verfolgt als wir, wenn es darum geht, die Werte unserer afrikanischen Partner in den Vordergrund zu stellen.
Was beobachten Sie?
Wir sind uns der unterschiedlichen Triebkräfte bewusst, dürfen aber nicht übersehen, welche Bedrohung die Aktivitäten des „Afrika-Korps“ in der Sahelzone für die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten in Europa darstellen. Diese destabilisierenden Aktivitäten Russlands schaffen und vergrößern unkontrollierte Räume, die terroristische Organisationen wie der IS und al-Shabaab ausnutzen und in denen sie gedeihen.
Was macht Russland genau?
Das russische „Afrikakorps“, eine Söldnertruppe, wendet weitgehend dieselben Methoden an, die wir in einer Reihe afrikanischer, aber auch europäischer Länder beobachten. Sie destabilisieren die Zivilgesellschaft, vor allem durch Desinformation, platzieren ihre eigenen Narrative, viele davon sind weit hergeholt. Ihre Präsenz füllt das entstandene Machtvakuum. Dies ist in der Sahelzone so, aber auch von der Zentralafrikanischen Republik im Süden bis nach Libyen im Norden. Ihre Desinformationskampagnen haben Africom und die US-Regierung in gewissem Maße beeinflusst.
Die Zeiten ändern sich, viele werfen der US-Regierung vor, kein verlässlicher Partner mehr zu sein. Wie stärken Sie das Vertrauen in die USA in der Region?
Wir machen so weiter wie bisher. Wir stärken das Vertrauen auf vielfältige Weise. Unsere Operationen, Aktivitäten und Investitionen haben einen inneren Wert. Was wir tun: wir üben, bauen institutionelle Kapazitäten in den Streitkräften auf, mit denen wir in Afrika zusammenarbeiten. Unsere Partner schätzen das. Auch diejenigen, die sich in einer Übergangsphase befinden, ihren Weg zu demokratischen Normen suchen. Diese Länder vergleichen das mit dem, was China oder Russland ihnen bieten. Das verblasst im Vergleich zu dem, was wir geben. Von denen erhalten sie materielle Güter, Geld, aber innere Werte und die Entwicklung professioneller Streitkräfte, die den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Partners angemessen ist, fehlen völlig.
Was bedeutet das konkret?
Unsere Freunde sehen mehr Erfolg in der Zusammenarbeit mit uns. Gemeinsame Übungen und Konferenzen sind unsere Art, unsere Investitionen und unser Wissen auf Augenhöhe zu teilen. Das wissen sie zu schätzen. Sie wissen, was funktioniert ...
...wie im Lobito-Korridor, einem von den USA und Europa finanzierten Infrastrukturprojekt in Angola, Kongo und Sambia. Welche Hoffnungen verbinden Sie damit?
Das ist eine gute Frage. Alle Korridore sind aus Sicht der USA wichtig – ich denke, auch aus europäischer. Hier steht noch viel mehr auf dem Spiel: Der Osten der Demokratischen Republik Kongo ist sehr instabil. Das bedroht auch seine Nachbarländer Angola und Sambia. Der Lobito-Korridor weckt Hoffnung bei den Menschen, weil sie unter afrikanischer Führung und mit Hilfe der USA ihr eigenes Drehbuch schreiben und die Kontrolle behalten. Sie entscheiden, mit wem sie ihre Ressourcen handeln, mit wem sie wie zusammenarbeiten, wie Wohlstand in die Region kommt und wie nachhaltig er ist. Die indigene Bevölkerung ist entscheidend in diesen Prozess eingebunden. Die Menschen hoffen auf Arbeit, gewinnen Ressourcen aus ihrem Land und transportieren sie über den Lobito-Korridor an die Küste. Das schafft nicht nur in dieser Region, sondern auf dem gesamten afrikanischen Kontinent Zusammenhalt. Und es zeigt, wie Africom funktioniert: Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme ...
... spricht da General Langley oder ist das amerikanische Außenpolitik?
Sehen Sie, zum Ende meiner aktiven Dienstzeit, habe ich in all den Jahren eines gelernt: Kein Mensch, kein Land will, dass jemand kommt und ihm sagt, wie er seine Probleme lösen soll. Ich bin durch eine Reihe von Lösungen bereichert worden, die von Menschen im indopazifischen Raum, in Afrika, Asien und Europa entwickelt wurden. Deshalb habe ich während meiner Amtszeit als Kommandeur nie darüber gesprochen, was in meinen mehr als 30 Jahren Militärdienst funktioniert hat.
Wiederholt hat Präsident Trump mit seinen Äußerungen zur NATO und seinen europäischen Verbündeten die Partner verunsichert. Wie wirkt sich der künftige Kurs der US-Außenpolitik auf das Vertrauen afrikanischer und europäischer Partner aus?
Strategische Verlässlichkeit ist das Herzstück amerikanischer Sicherheitspolitik. Der Präsident formuliert seine Politik, und wir setzen sie auf unseren jeweiligen Führungsebenen um. Das gilt auch für die Verwirklichung unserer nationalen Sicherheitsziele. Mehr kann ich zu diesem Thema nicht sagen. Aber bedenken Sie bitte, dass wir derzeit in Afrika hervorragende Arbeit leisten. Wir alle wissen, was auf dem Spiel steht: ein starker, dauerhafter Frieden. Bevor ich mein Kommando übergebe, möchte ich noch eines sagen: Ich möchte vor allem denen klar machen, die sich mit Afrika und seiner Zukunft beschäftigen, sagen: Afrika will keine Almosen, sondern Stabilität, Sicherheit und Wohlstand. Wenn wir darauf hinarbeiten, werden wir Wohlstand und Frieden auch für andere Menschen auf der Welt schaffen.
Michael Elliot Langley
ist Sohn eines Stabsfeldwebels der US-Luftwaffe. Dieser quittierte in den frühen 1970er Jahren nach dem Tod seiner Frau den aktiven Dienst, um sich um seine Kinder kümmern zu können.
Den Duft
des Stuttgarter Weihnachtsmarktes und das besinnlich-quirlige Treiben auf ihm wird Langley als besondere Erinnerung mit in die USA nehmen, nachdem er am heutigen Freitag den Oberbefehl über das US-Afrikakommando übergeben hat: „Stuttgart hat mich herzlich aufgenommen. Es fällt mir nicht leicht, Tschüss zu sagen.“ (fey)