Stuttgart - Der ehemalige VfB-Profi Thomas Berthold könnte sich künftig eine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat des VfB Stuttgart vorstellen, im Interview mit unserer Zeitung präsentierte er seine Vision: eine neue Fußballarena auf den Fildern. Dort sollten auch die Verwaltung und das Trainingszentrum für alle VfB-Teams angesiedelt werden. Damit reagiert der Ex-Nationalspieler auf das Vorhaben, die Mercedes-Benz-Arena für 65 Millionen Euro fit für die EM 2024 zu machen.
Die Reaktionen: Die Idee sei weder realistisch noch originell. Weder der mögliche Nachbar Flughafen noch die Stadiongesellschaft wollen sich mangels Substanz überhaupt damit beschäftigen.
Unzufriedenheit mit Stadion hat beim VfB Tradition
Die Wasenkicker haben in der Vergangenheit häufig den Zustand des Stadions kritisiert. Schon Felix Magath und Rolf Rüssmann forderten 2001 den (dann 2008 beschlossenen) Umbau in ein reines Fußballstadion. 2003 drohte der Präsident und Leonberger Ex-Stadtrat Erwin Staudt wegen der erwarteten Ablehnung der Umwandlung des Daimler-Stadions in eine Fußballarena mit dem Exodus. Der damalige OB Wolfgang Schuster fragte damals: „Wollen Sie allen Ernstes aus dem VfB Stuttgart einen VfB Leonberg machen?“
Und jetzt ein VfB Filder? Berthold hat einst auch bei den Bayern gespielt, seine Karriere endete lange vor der Eröffnung der Münchner Allianz-Arena 2005. Es liegt dennoch nahe, dass sein Wunschstadion in Flughafennähe dem Bau am Autobahnkreuz München-Nord ähneln würde. Dessen Investitionskosten beliefen sich auf 340 Millionen Euro, zudem hatte die öffentliche Hand für die Erschließung 210 Millionen Euro beigesteuert. Ein Neubau für den aktuell in zweiten Liga spielenden VfB dürfte kleiner ausfallen, aber wohl nicht günstiger.
Schutzgemeinschaft warnt vor „Wahnsinn“
Berthold hat den Standort für sein Stadion nicht genau definiert, er dürfte sich aber auf landwirtschaftlich genutzter Fläche befinden und ist deshalb vermintes Gebiet. Gabi Visintin von der Schutzgemeinschaft Filder sagt jedenfalls, man sei über diesen „Wahnsinn“ keinesfalls amüsiert. Auch die Messe-Idee einiger Bürgermeister sei anfangs als „Geschwätz“ abgetan worden. Sie verweist auf das zum erheblichen Teil in privatem Besitz befindliche Ackerland, auf langwierige Enteignungs-, Planungs- und Realisierungsprozesse im erwartbaren Falle von fehlendem Einvernehmen.
Nicht viel kleinere im Weg liegende Steine befinden sich im Talkessel. Stuttgart muss zur EM 2024 ein Stadion mit zeitgemäßem Spielertrakt und Medienplätzen anbieten können. Das schafft man nur mit einer Modernisierung, nicht mit einem Neubau. Vor allem stellt sich aber die Frage, was mit der Arena im Falle eines Umzugs geschehen sollte? Die städtische Stadion Neckarpark GmbH & Co. KG hat mit der VfB Stuttgart Stadion GmbH erst 2011 einen Pachtvertrag über 30 Jahre abgeschlossen. Die Fixpacht beträgt 6,5 Millionen Euro, müsste also auch dann vom VfB für ein leeres Stadion bezahlt werden, wenn er umgezogen wäre. Das gilt auch für den Erbbauzins des 8,5 Hektar großen Areals von 750 000 Euro pro Jahr.
55 Millionen Schulden müssen noch abgebaut werden
Der VfB ist atypisch stiller Gesellschafter in der Stadion KG, in die er 27 Millionen Euro eingebracht hat. „Wesentliche Änderungen können nur einvernehmlich vorgenommen werden“, heißt es im Vertrag. Eine Trennung ist derzeit gar nicht möglich, denn es müssen noch 55 Millionen Euro Schulden getilgt werden.
Bertholds Vision stehen aber auch Investitionen des VfB in Bad Cannstatt im Weg: die Jugendakademie hat 13 Millionen Euro gekostet, zehn Millionen Euro die Sanierung der Trainingsplätze, eine Rasenheizung und ein Trainingskamerasystem. Kein Wunder, dass VfB-Vizepräsident Bernd Gaiser die Idee des Ex-VfB-Profis als „nicht sinnvoll“ bezeichnet.