Stadt Guben lädt zum Probewohnen Einwohner dringend gesucht!

Hinter ihnen liegt Polen: Probebewohner Tonia Bürkle und Thomas Lemnitzer in Guben. Eigentlich sind sie in Offenbach zu Hause. Foto: Robin Schmidt

Tausche Großstadt gegen Provinz: Im brandenburgischen Guben kann man probeweise wohnen, um das Leben in der Kleinstadt lieb zu gewinnen. Klappt der Versuch?

An seine ersten Jahre in Guben kann sich Thomas Lemnitzer kaum noch erinnern. Mehr als 45 Jahre ist es her, dass er als Kind durch die Straßen der deutsch-polnischen Grenzstadt lief. Seine Familie zog anschließend gen Westen, heute lebt er in Offenbach, inmitten der pulsierenden Metropolregion Frankfurt-RheinMain. Im September ist der Fotograf – zumindest vorübergehend – in die brandenburgische Provinz zurückgekehrt, um an einem Experiment teilzunehmen. Es will herausfinden: Kann man einem (westdeutschen) Großstädter die (ostdeutsche) Provinz schmackhaft machen?

 

Wohnen für 50 Euro die Woche

Interessenten konnten seit Juli zum Probewohnen nach Guben kommen. Das kommunale Wohnungsunternehmen stellte dafür möblierte Gästewohnungen zur Verfügung. Lediglich eine Aufwandspauschale von 50 Euro pro Woche wurde fällig.

Dafür gab es Freikarten zum Beispiel fürs Museum und die Schwimmhalle sowie die Möglichkeit, sich über ein Praktikum ins Stadtleben einzubringen. Ob man dann dauerhaft nach Guben zieht oder der Provinz lieber wieder den Rücken kehrt, kann man nach Ende der Probezeit entscheiden.

Das Ziel der örtlichen Willkommensagentur „Guben tut gut“ ist klar: „Rückkehrer und Zuzügler zu gewinnen“, sagt Kerstin Geilich, die Leiterin der Agentur, „aber auch diejenigen, die bereits in Guben leben, abzuholen, damit sie der Stadt treu bleiben.“

„Früher sind die Menschen weggegangen, weil sie durch die fortschreitende Technologie keine Arbeit fanden. Heute fehlt das Personal. Wir brauchen Leute in Guben“, sagt Kerstin Geilich. Foto: Robin Schmidt

Wer vom Bahnhof in 15 Minuten in die Innenstadt spaziert, kommt an einigen charmanten alten Villen vorbei. Guben war vor dem Zweiten Weltkrieg Industrievorstadt. Hier ließen sich Chemiebetriebe nieder, aber auch eine Hut- und Wollfabrik. Die Eigentümer hätten damals gerne nah an ihren Unternehmen gewohnt, erzählt Geilich. Daher finde man hier noch heute einige dieser Villen.

Personalmangel: Bedienung wird immer häufiger zur Selbstbedienung

Der Weg ins Zentrum führt vorbei an einer Druckerei, zwei Apotheken, einem Tattoostudio, einer Eisdiele, einem Spielwarengeschäft, einem Barbershop, einem Optiker, einer Versicherung, einem Kosmetikstudio und einem Reisebüro. In Guben gibt es noch Einzelhändler, zu denen die Bewohner über Jahrzehnte eine enge Bindung aufgebaut haben. Dennoch haben es alteingesessene Familienbetriebe mittlerweile schwer. Restaurants machen mehr Schließtage als früher. Aus der Bedienung wurde immer häufiger eine Selbstbedienung.

„Früher sind die Menschen weggegangen, weil sie durch die fortschreitende Technologie keine Arbeit fanden. Heute fehlt das Personal. Wir brauchen Leute in Guben“, sagt Geilich. Zur Wende hatte Guben noch rund 34 000 Einwohner, inzwischen sind es nur noch halb so viele. Genau deshalb hat sich die Stadt das mit dem Probewohnen überlegt.

Längst spricht sich auch die Bundesregierung für derartige Überlegungen aus. Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) will bis Jahresende eine Anti-Leerstand-Strategie vorlegen. Ziel sei, Menschen für die Nutzung von leer stehendem Wohnraum zu interessieren, besonders in mittelgroßen und kleineren Städten. Guben passt also gut ins Schema.

Freizeitwert? Viel besser als in Offenbach

Für Thomas Lemnitzer, den Fotografen aus Offenbach, und seine Frau Tonia Bürkle, Ausstellungsgestalterin, passt es auch. Gemeinsam bringen sie sich mit einer Fotoausstellung in der Stadt ein: Bürkle und Lemnitzer wollen Gubener an ihren Arbeitsplätzen porträtieren. Auf freundliche, hilfsbereite Menschen treffe man hier, erzählt das Paar.

Zudem sei der Freizeitwert in der Gegend im Vergleich zu Offenbach sehr groß. „Dort muss man erst mal 20 bis 30 Minuten rausfahren, bis man keine Autobahn mehr sieht“, sagt Lemnitzer. Radeln, Kanu fahren, wandern – das sei in Guben viel leichter möglich. „Das gibt dir eine ganz andere Lebensqualität.“ Arbeiten könnten die beiden Freiberufler sowieso überall. Nette Menschen, hohe Lebensqualität, Arbeitsmöglichkeiten: 3:0 für Guben. Was also spricht dagegen, in das beschauliche Städtchen an der polnischen Grenze zu ziehen?

Die georgische Familie findet Guben hübsch und gemütlich

„Man darf den langjährigen Freundeskreis nicht vergessen, den man zu Hause hat“, sagt Lemnitzer. Auch Familienbande könnten Menschen davon abhalten, nach Guben zu ziehen. Bürkles Mutter zum Beispiel lebt bei Freiburg. Dort kommt die Tochter von Offenbach schneller hin, als wenn sie von Guben quer durch die Republik fahren müsste.

Darauf brauchen Keti Jajanashvili und David Kalandadze keine Rücksicht zu nehmen. Mit den Kindern Irakli und Ilia verbringt die junge georgische Familie einen Monat in Guben. Jajanashvili hat bereits einige Jahre bei Verwandten in der Nähe von Frankfurt/Main gelebt und zufällig von dem Projekt erfahren. Sie bewarb sich mit einem Schreiben, in dem sie auch darauf hinwies, dass ihr Mann Arzt ist. Sehr willkommen!

Aber junge Leute fehlen in Guben

Beim wöchentlichen Stammtisch, der mögliche Neu-Gubener zusammenbringen soll, erzählt die Familie von ihren ersten Eindrücken. Guben sei eine hübsche Kleinstadt, gemütlich. „Das Einzige, was mir aufgefallen ist, ist, dass es an jungen Leuten mangelt“, sagt Jajanashvili. Sie kann sich dennoch nach ersten Tagen gut vorstellen, mit ihrer Familie in die Kleinstadt zu ziehen. Sie glaube an die Zukunft von Guben.

Aber welche Zukunft hat Guben? „Eine positive“, glaubt Kerstin Geilich. Man habe begonnen, leer stehende Bauten für neue Zwecke zu nutzen, aus einer Schule sei ein großes Pflegefachzentrum geworden. Mit den Firmen Bifi und Rock Tech gebe es auch wieder mehr unternehmerische Aufbruchsstimmung.

Nahverkehr und medizinische Versorgung mit Fragezeichen

Geilich sagt aber auch, dass die Politik die Infrastruktur in der Provinz verbessern müsse. Für Guben nennt sie den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Sicherung der ärztlichen Versorgung als wichtigste Ziele.

In den nächsten Wochen wird die Willkommensagentur das Probewohnen auswerten. Für das Projekt gingen anfangs 38 Bewerbungen ein, 17 Probebewohner wurden eingeladen. Im Laufe des Experiments stieg die Zahl der Anfragen in die Hunderte. Deshalb wird überlegt, ob der Versuch 2025 wiederholt wird.

Schon jetzt kann Geilich vermelden, dass etwa die Hälfte der Probebewohner vorhabe, dauerhaft nach Guben zu ziehen. Die anderen hätten versprochen, als Gäste wiederzukommen – so auch Thomas Lemnitzer und Tonia Bürkle, das Paar aus Offenbach. Kerstin Geilich sagt: „Wir wollten unsere Stadt interessant machen. Das haben wir erreicht.“

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