Stadt Stuttgart mietet ehemaliges Bollwerk Büros für eine Million Euro pro Monat

Das Bollwerk: viel Glas, noch wenig Grün: Das wird das neue Domizil von mehreren städtischen Behörden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das neue Domizil der Ausländerbehörde könnte auch gekauft werden. Für das Büroprojekt Alte Bahndirektion gibt es einen Vorvertrag, aber noch keinen Bebauungsplan.

Die Stadt ist bereit, für zusätzliche Büros im ehemaligen Bollwerk an der Fritz-Elsas-Straße eine Million Euro Warmmiete pro Monat zu bezahlen. Dort sollen die Ausländerbehörde, die Flüchtlingsdienststelle des Sozialamts und das Stadtplanungsamt einziehen. Dessen bisherige zentrale Heimstatt, der denkmalgeschützte Graf-Eberhard-Bau an der Eberhardstraße, soll verkauft werden. Ein weiteres Vorhaben, im Quartier der ehemaligen Bahndirektion an ein zweites Rathaus (Front Office Hub) zu errichten, hinkt dem Zeitplan hinterher. Im Juli wurde aber eine Absichtserklärung mit der P+B Group als Eigentümerin der Fläche geschlossen. Genaue Zahlen zu den Kosten für den Grunderwerb sowie für die drei Neubauten samt Umbau und Sanierung der denkmalgeschützten Bahndirektion will die Stadt nicht nennen.

 

Vertragslaufzeit von 20 Jahren Ende des Monats soll der Gemeinderat den Mietvertrag der Stadt mit der Eigentümerin des in Green Roof Offices (GRO) umbenannten Bollwerks absegnen. Dabei handelt es sich um die Beteiligungsgesellschaft Loonie Propco 34 mit Sitz in Luxemburg. Die Landeshauptstadt suchte nach einem deutlichen Stellenaufbau in den vergangenen Jahren und einem großen Sanierungsbedarf in ihren vielen Bestandsgebäuden zusätzliche Büroflächen. Von Oktober 2025 an könnten fast 26 000 Quadratmeter hinzukommen, dazu 3300 Quadratmeter für Lager und Archiv sowie 190 Plätze in der Tiefgarage.

Der Vertrag soll noch in diesem Jahr unterzeichnet werden und eine Laufzeit von 20 Jahren haben. Frühester Übergabetermin wäre zwei Jahre später. Die Stadt bezahlt zur Verbesserung der schlechten Rahmenbedingungen einen hohen Preis. Das sehen auch Branchenexperten in Stuttgart so. Ein Quadratmeter Bürofläche wird mit 24,12 Euro netto veranschlagt, die Stadt muss aber den Bruttopreis von 28,70 Euro bezahlen.

Kauf ist bisher nicht beabsichtigt Der Büromarktbericht der Stadt sowie E & G Real Estate weist für Ende 2022 für die Innenstadt eine Durchschnittsmiete von lediglich 21,70 Euro netto aus. Die Spitzenmieten liegen derzeit zwar schon bei 35 Euro pro Quadratmeter. Dabei handelt es sich aber in erster Linie um Neubauten in bester Lage, die energetisch auf dem aktuellen Stand sind. Das ehemalige Bollwerk von Behnisch Architekten, aus dem die LBBW vor Jahren ausgezogen ist, wirkt mit seinen Glasfassaden, vielen Schrägen und dem großen Bassin im riesigen Innenhof wie aus der Zeit gefallen. Aus energetischer Sicht ist das mit Fläche verschwenderisch umgegangene Projekt eine Herausforderung – wo sich das im neuen Namen enthaltene Grün befinden soll, zeigen Animationen von Projektentwicklern, die in ihren Darstellungen den Hof, teils die Fassaden und Dachflächen zu bepflanzen gedachten.

Die Stadt hat eine Nebenkostenvorauszahlung von monatlich 180 000 Euro eingeplant. Unter dem Stichwort „Klimarelevanz“ räumt die Verwaltung ein, die Auswirkungen auf den Klimaschutz seien „nicht quantifizierbar“. Baut die Stadt selbst neu, hat sie sich einen klimaneutralen Betrieb auferlegt.

Für einmalige Umbauten rechnet die Stadt mit einem Aufwand von 2,6 Millionen Euro. Der Umbau der Kantine (450 Personen) soll durch Mieteinnahmen gedeckt werden. Der Umzug wird mit 450 000 Euro veranschlagt, neue Möbel kosten rund eine Million Euro. Die Reinigung verschlingt überschlägig 600 000 Euro und die Wartung 80 000 Euro pro Jahr. Weil dafür zusätzliches Personal nötig ist, kalkuliert die Stadt mit 370 000 Euro jährlich. Für einen etwaigen Erwerb des GRO sind für den Haushalt 2024/25 keine Mittel angemeldet worden. Die Stadt hat bis Ende 2026 Zeit, die Option zu ziehen.

Weitere Umzüge stehen an Ursprünglich sollten auch die Führerscheinstelle und die Kfz-Zulassungsstelle im Bollwerk untergebracht werden. Es war geplant, die Volkshochschule während der Sanierung des Treffpunkts Rotebühlplatz dort unterzubringen. Das wurde aber verworfen. Zulassungs- und Führerscheinstelle ziehen in ein Gebäude am Löwentor. Neu hinzu gekommen ist das Amt für Stadtplanung und Wohnen. Dessen Standorte in der Eberhard-/Schmale/Hospital- und Eichstraße werden veräußert, saniert oder für andere Ämter reserviert. Das Ordnungsamt verlagert seine Ausländerbehörde aus der Eberhard- und der Jägerstraße ins GRO. Das Sozialamt zieht mit der Flüchtlingsdienststelle aus der Jäger- und der Cannstatter Deckerstraße um.

Neu- und Umbau am Hauptbahnhof „Letter of Intent“ heißt die Vereinbarung, die die Stadt mit der P+B Group schloss, um am Bahnhof einen zweiten Befreiungsschlag zu vollziehen. Im Quartier bei der Alten Bahndirektion zwischen Heilbronner Straße, Kriegsberg-, Ossietzky- und Jägerstraße will sie einen „Front Office Hub“ errichten, also ein Rathaus, in dem die Bürger entsprechende Dienstleistungen erhalten. Das Projekt enthält die Sanierung und den Umbau der sechsstöckigen Bahndirektion (8000 Quadratmeter Nutzfläche). An der Heilbronner Straße ist ein Neubau mit sechs bis zehn Etagen (14 500 Quadratmeter) geplant. Ein zweiter Neubau mit sieben Geschossen ist an der Jägerstraße vorgesehen (11 500 Quadratmeter). Optional besteht die Möglichkeit, ein Wohn- und Geschäftsgebäude zu erstellen (13 500 Quadratmeter). Die ersten drei Bauteile sollen innerhalb von 36 Monaten nach der Baufreigabe fertig sein. Im Frühjahr 2024 soll der Gemeinderat den Vertrag absegnen.

Klimaneutralität? Die Freien Wähler hatten im Juni die sich hinziehende Bauleitplanung kritisiert. Das Verfahren wurde 2017 gestartet, im selben Jahr gab es auch einen städtebaulichen Wettbewerb. Die Planung wurde nun an ein externes Büro vergeben, der Satzungsbeschluss ist für Ende 2024 vorgesehen. Auch hier sind die Auswirkungen auf den Klimaschutz laut Vorlage „nicht quantifizierbar“. Vorgesehen ist die Nutzung von Wärme aus dem Abwasser und der EDV-Anlage „mit Fernwärme als Spitzenlastabdeckung“. Die Fernwärme liefert die EnBW aus ihren mit Abfall, Kohle und Gas befeuerten Kraftwerken. Die selbst verordnete Klimaneutralität dürfte sich trotz begrünter und mit Photovoltaik bestückten Dächern vorerst schwer darstellen lassen.

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