Stadt will mit Wirten „Lösung suchen“ Kann die Stuttgarter Schwulenbar Eagle doch gerettet werden?

Die  angekündigte Schließung des Traditionslokals Eagle hat  nicht nur in der Rainbow-Community für große   Aufregung gesorgt (Foto vom Stuttgarter CSD im vergangenen Sommer). Foto: dpa/Thomas Niedermüller
Die angekündigte Schließung des Traditionslokals Eagle hat nicht nur in der Rainbow-Community für große Aufregung gesorgt (Foto vom Stuttgarter CSD im vergangenen Sommer). Foto: dpa/Thomas Niedermüller

Die Schwulenbar Eagle, dem die städtische Gaststättenbehörde „Gefahr für die Sittlichkeit“ unterstellt, darf hoffen. „Schnellstmöglich werden wir nach einer Lösung mit den Betreibern suchen“, erklärt OB-Sprecher Andreas Scharf.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Der Hilferuf des schwulen Traditionslokals Eagle an der Mozartstraße, dem das Aus nach 30 Jahren droht, hat eine riesige Welle der Solidarität ausgelöst. In den sozialen Medien ist die Empörung über die städtische Gaststättenbehörde einhellig. Viele fühlen sich an längst vergangene Zeiten erinnert. Die Rathausbeamten wollen den Fortbestand einer „Institution des schwulen Lebens in Stuttgart“, wie die Bar häufig bezeichnet wird, nur unter strengen Auflagen genehmigen. Die Forderungen aus dem Rathaus gingen den neuen Betreibern des Eagle zu weit. So könnten sie nicht weitermachen, erklärten sie.

Untersagt worden sei unter anderem das Abspielen von Musik, der Aufenthalt teilweise entkleideter Personen in den Betriebsräumen, die Gewährung der Möglichkeit zum Dating sowie der Betrieb eines Darkrooms, teilten die Eagle-Wirte auf Facebook mit und starteten eine Online-Petition. Für den Darkroom sei seit vielen Jahren ordnungsgemäß die deutlich höhere Vergnügungssteuer an die Stadt Stuttgart gezahlt worden, versicherten die Betreiber. Sie vermuten, dass eine gezielte Schikane dahinter steckt. In den sozialen Medien ist die Wut groß. Von einem „Schlag gegen die Stuttgarter Schwulenszene“ ist die Rede. Ausgerechnet eine Stadt mit grünem Oberbürgermeister entziehe Männern, die einer „zunehmenden Intoleranz und Gewalt gegen Homosexuelle“ ausgesetzt seien, deren Schutzraum.

Stadt kündigt rasches Handeln an

Auf die heftige Kritik hat die Stadt am Sonntag reagiert. „Bereits am Dienstag nach dem Feiertag werden wir intern den Sachverhalt prüfen und mit den Betreibern schnellstmöglich nach einer Lösung suchen“, erklärte Andreas Scharf, der Sprecher der Stadt Stuttgart, am Sonntag gegenüber unserer Zeitung. Zu der Formulierung der Gaststättenbehörde, von der Schwulenbar gehe „eine Gefahr für die Sittlichkeit“ aus, wollte er sich nicht äußern. Da der alte Eagle-Betreiber nach 30 Jahren aufgehört hat und nun ein neuer Wirt antreten will, habe man seitens der Stadt das Lokal geprüft, wie dies bei Übergaben üblich sei, so Scharf.

Ob die Gaststättenbehörde dabei zu weit gegangen ist? Noch will der OB-Sprecher dazu keine Stellungnahme abgeben. Einzelheiten seien ihm nicht bekannt. Allein die Tatsache, dass die Sache umgehend am ersten Arbeitstag nach dem Feiertag – an jenem Tag, an dem Fritz Kuhn öffentlich erklären will, ob er noch mal zur OB-Wahl antritt – im Rathaus beraten wird, zeigt aber, wie ernst man in der Stadtverwaltung den Vorgang nimmt. Stuttgart will nicht bundesweit als Stadt in den Fokus geraten, die Homosexuelle diskriminiert.

Warum die „Schwulenmutter“ Darkrooms für wichtig hält

In Beamtendeutsch heißen Darkrooms schlicht „Vergnügungsstätten“ oder „beruhigte Gasträume“. Betreiber müssen dafür eine Extra-Steuer bezahlen. Auch bei Hetereosexuellen gibt es verdunkelte Räume, etwa in Swinger-Clubs. „Noch immer können viele Schwule einen Partner nicht mit nach Hause nehmen“, sagt Clublegende und Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit, „ein Darkroom ermöglicht die wichtige Körperlichkeit an einem geschützten Ort.“ Treffs für homosexuelle Kontaktaufnahme in öffentliche Parks seien nicht immer sicher. Die „Schwulenmutter“ hat in ihrem Kings Club und in ihrer Tom’s Bar keinen Darkroom. „In Stuttgart gibt es nur noch wenige Darkrooms“, sagt ein Insider, „nur noch in Privatclubs, Sexkinos und schwulen Saunen.“

Für die Organisatoren des CSD Stuttgart sprach sich Christoph Michl dafür aus, alle Beteiligten umgehend an einen Tisch zu holen. „Zudem müssen wir insgesamt eine Debatte über LSBTTIQ*-Schutzräume führen“, sagte er, „zumal das kein rein schwäbisches Problem ist, sondern ein generelles Szene-Thema, auch andere Städte, wie Berlin oder Köln, standen oder stehen vor diesen Herausforderungen.“

Thorsten Puttentat, Stadtrat der Stadtisten, kündigte an, sich für das Eagle einzusetzen: „Hier geht es nicht nur um Minderheitenschutz oder um den Gedanken der Vielfalt in all ihrer Pracht – hier geht es um die Definitionshoheit der Kultur als Ganzem.“ Die Kinderbuchautorin Sue Glanzner teilte mit, dass sie lange Zeit Nachbarin des Eagle gewesen sei und niemals etwas Negatives mitbekommen habe. In der Nachbarschaft sei das Lokal gar kein Thema gewesen.

Volker Beck schreibt seinem Parteifreund Kuhn

Der grüne Politiker Volker Beck hat sich in einem Brief persönlich an seinen Parteifreund Fritz Kuhn gewandt. „Die Auflagen sind dringend zu überprüfen und dem Betreiber ist ein Weiterbetrieb zu den Konditionen des Vorbetreibers anzubieten und zu gestatten“, schreibt er an den Stuttgarter OB.

„Das Eagle ist unser Stammlokal“, erklärte ein Sprecher des Lederclubs Stuttgart, „und unterstützt die Präventionsarbeit der Aids-Hilfe.“ Auch im Arbeitskreis „Homosexuelle und Polizei“ sei das Eagle-Team beteiligt. Nach 30 Jahren habe sich der Betreiber in den Ruhestand verabschiedet und das Lokal an ein „hoch motiviertes Team“ übergeben.

„Es reicht nicht, ein Erinnerungsort einzurichten“

„Die Spitze des Eisbergs ist die Argumentation, dass die Nutzung des Eagle als Szenelokal dem ,öffentlichen Interesse’ widersprechen würde“, erklärt ein Unterzeichner der Petition „Rettet das Eagle“: „Die homophobe und diskriminierende Sittlichkeit“, die hier als Begründung herangezogen werde, erinnere an „repressive 50er und 60er Jahre“. Dies bereite Sorgen um die Vielfalt und demokratischen Freiheiten in Stuttgart. „Einen Erinnerungsort Hotel Silber einzurichten, welche das NS- und Nachkriegsunrecht unter anderem an schwulen Männern aufzeigt, ist eine gute Sache“, erklärte er, „daraus zu lernen wäre der konsequente zweite Schritt – auch für Behörden der Stadt Stuttgart.“




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