Stadtbahn in Ludwigsburg Gegen Lucie und eigene Fraktion gestimmt: Darum sind zwei Grüne ausgeschert

Arezoo Shoaleh (links) und Christine Knoß. Foto: Simon Granville

Christine Knoß und Arezoo Shoaleh haben sich bei der Abstimmung um die Stadtbahn gegen ihre Fraktion gestellt – für beide eine Frage der Verantwortung und der Ehrlichkeit.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Kurz vor der Abstimmung im Ludwigsburger Gemeinderat über eine Zukunft der Stadtbahn hatte die Jugendorganisation der Grünen zwei Stadträtinnen aus den eigenen Reihen heftig attackiert: Deren kritische Haltung zur geplanten Stadtbahn Lucie widerspreche den Grundprinzipien grüner Verkehrspolitik sowie dem gemeinsam beschlossenen Wahlprogramm der Grünen in Ludwigsburg, so der Vorwurf.

 

Christine Knoß wurde dabei namentlich genannt, Arezoo Shoaleh nicht – doch auch sie hat am Mittwochabend gegen das Gesamtnetz der Stadtbahn durch den Kreis Ludwigsburg gestimmt und sich damit gegen die restliche Fraktion gestellt. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil die beiden Frauen bei der letzten Kommunalwahl die meisten Stimmen von Grün-Wählern bekommen haben.

„Eine Frage der Verantwortung und des Gewissens“

Dementsprechend haben sie, so sagen beide, bei der jetzigen Abstimmung im Gemeinderat auch vor allem die Verantwortung gegenüber ihren Wählerinnen und Wählern vor Augen gehabt. „Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen“, erklärt Arezoo Shoaleh. „Und dabei kam klar heraus: Die Mehrheit davon sieht den Nutzen einer Stadtbahn nicht – auch nicht im Hinblick auf Mobilität und Klima.“

Zudem gebe es in Ludwigsburg so viele Projekte, bei denen man wegen der Haushaltslage kürzen müsse, auf der anderen Seite würden Familien mit vielen Erhöhungen belastet. „Wenn die Bedenken überwiegen, dann muss ich mich äußern. Es liegt in meiner Verantwortung, die Bedürfnisse der Menschen ernst zu nehmen und in der jetzigen Finanzlage gut abzuwägen. Ich muss meine Entscheidung mit meinem Gewissen vereinbaren können“, betont die Stadträtin.

Auch für Christine Knoß war es in erster Linie eine Frage des Verantwortungsbewusstseins, sich gegen eine weitere Unterstützung der Stadtbahn zu entscheiden. Denn wie Shoaleh stand Knoß dem Projekt Stadtbahn zunächst positiv gegenüber. Doch seither habe sich zu viel verändert, sagt auch Knoß. „Das Ziel war immer, dass wir eine verkehrsberuhigte Innenstadt bekommen sollen. Und natürlich hat man sich auch insgesamt weniger Verkehr erhofft. Für eine Linie durch die Innenstadt hat sich keine Mehrheit abgezeichnet, aber die dann gemeinsam beschlossene Linie schien ein einigermaßen guter Kompromiss zu sein, der auch noch vieles offen lässt“, erklärt sie.

Doch als der Zweckverband erklärt habe, dass sich die beschlossene Linie nicht realisieren lasse, und eine völlig neue Route vorgeschlagen hat, habe sich „leider gezeigt, dass mit dieser Route nicht unser gewünschtes Ziel der autoarmen Innenstadt erreicht werden kann. Durch die Verdrängung wäre das Gegenteil der Fall gewesen“.

Abweichende Meinungen müssen möglich sein

Auch an der Westseite des Bahnhofs ließen sich die Probleme nicht wegdiskutieren, so Knoß. Ein Halt im Bahnhof sei aber auch nicht möglich. Hinzu komme: „Die errechneten Fahrgastzahlen werden durch Wegnahme der geschickt in der Mitte der Weststadt und Möglingen gelegenen Buslinien erreicht. Wer also von der Mitte der Weststadt nach Möglingen möchte, muss in Zukunft umsteigen. Das ist eine Verschlechterung des ÖPNV.“

Wie Shoaleh hat sie deshalb auch gegen eine Reaktivierung der Markgröninger Bahn gestimmt. Ihr Fazit: Da es mit der Stadtbahn leider nicht so geklappt habe, wie man sich das vorgestellt habe, sei es verantwortungsbewusst zu sagen: „Lasst uns aussteigen, bevor noch mehr Zeit und Geld verbrannt werden, und nach anderen Wegen suchen.“

Christine Knoß findet es „traurig, wenn bei den Grünen keine abweichenden Meinungen und ehrliche Diskussionen erwünscht sind“. Arezoo Shoaleh geht noch einen Schritt weiter: „Wer nur eine Ideologie verfolgt und sich der Realität verweigert, der sorgt dafür, dass die politischen Ränder auf der linken und der rechten Seite gestärkt werden.“

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