Stadtbahn-Verlängerung von Nellingen nach Esslingen Ein neuer Anlauf, mehr erst einmal nicht
Bei der Bewertung der Chancen für das seit 20 Jahren diskutierte Bahnprojekt ist vorsichtiger Optimismus angebracht, meint Kommentator Harald Flößer.
Bei der Bewertung der Chancen für das seit 20 Jahren diskutierte Bahnprojekt ist vorsichtiger Optimismus angebracht, meint Kommentator Harald Flößer.
Die Weitsicht, die Politiker und Entscheidergremien vor 100 Jahren mit dem Bau einer Schienenverbindung zwischen Neckartal und Filder an den Tag legten, muss man noch heute loben. Genauso klug war es, wenig später gleich einen zusätzlichen Strang für die END-Straßenbahn bis Neuhausen zu errichten. Die Investition zahlte sich aus: Bis in die 1960er-Jahre wuchs die Zahl der Fahrgäste stetig.
Doch setzte man danach mehr und mehr auf den Individualverkehr als Mobilität der Zukunft. Die Folgen sind bekannt: Das Schienennetz vergammelte und in die Züge wurde nicht mehr investiert. 1978 läutete das Totenglöcklein für die einst so erfolgreiche Straßenbahn.
Die Zeiten haben sich grundlegend gewandelt. Beinahe täglich erstickt die Region im Verkehr. Ist nur eine der Hauptadern verstopft, gibt es kilometerlange Staus. Eine Schienenverbindung zwischen Nellingen und Esslingen, die einen Ringschluss im Stadtbahnnetz bedeuten würde, brächte ohne Zweifel eine erhebliche Entlastung. Zumal auf den Fildern viele Arbeitsplätze entstanden sind, die gerade im Berufsverkehr mit der Stadtbahn leichter zu erreichen wären – beispielsweise bei Festo in Berkheim und in Scharnhausen. Aber auch die City in Esslingen dürfte mit einem Zuwachs an Kaufkraft kräftig profitieren.
Vom vielfältigen Nutzen einer Stadtbahn-Verlängerung braucht man rund um Esslingen und Ostfildern heute wohl niemanden mehr zu überzeugen. Doch alle Anläufe, das Projekt zu realisieren, sind bislang gescheitert. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist nach den bisherigen Kriterien nicht so günstig, dass sich das Projekt rechnen würde. Dass jetzt im sogenannten standardisierten Bewertungsverfahren auch Aspekte wie Klimaschutz oder Energie eine gewichtige Rolle spielen, lässt neue Hoffnung aufkeimen. Es ist gut, dass der Landkreis die Sache in die Hand nimmt und in Kooperation mit Esslingen und Ostfildern auf dieser Grundlage ein neues Gutachten anstößt.
Was den Zeithorizont angeht, darf man sich nichts vormachen. Selbst wenn die neue Studie eine deutlich verbesserte Rentabilität errechnet, die das Schienenprojekt förderfähig macht, werden noch etliche Jahre vergehen, bis die ersten Züge zwischen Esslingen und Nellingen pendeln. Das lehren die aktuellen Bahnprojekte – nicht zuletzt die immer wieder verschobene Verlängerung der S-Bahn von Bernhausen nach Neuhausen.