Stadtbahnpläne in Ludwigsburg Weststädter machen gegen „Lucie“ mobil

Hier soll eine Stadtbahntrasse entlang führen. Bäume müssten dafür weichen. Foto: privat

Seit die Alternativtrasse für die Stadtbahn in Ludwigsburg ins Gespräch gebracht wurde, rumort es in der Weststadt Ludwigsburgs. Der Grund: Im Naturpark West müssten Bäume fallen.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Eigentlich sollte es, so die Vorstellungen der Stadtbahnplaner, der einfachste Streckenabschnitt werden: die Reaktivierung der alten Bahntrasse aus Markgröningen. Doch nun, da die Realisierung näher gerückt ist und vor allem, seit der Geschäftsführer des Zweckverbands Stadtbahn, Michael Ilk, eine Alternativtrasse ins Gespräch gebracht hat, rumort es heftig bei den Bürgern in der Weststadt. Denn die aus Sicht von Ilk wegen gravierender Probleme bei der ursprünglichen Planung notwendige Alternativtrasse würde die Bahngleise schon vor dem Bahnhof verlassen, die Stadtbahn am Westausgang des Bahnhofs halten.

 

Betroffen davon wären unter anderem die Schillstraße und der daran angrenzende Naturpark West, wo zwei Gleise geplant sind und etliche Bäume gefällt werden müssten. „Ein gewachsener Baumbestand – verteilt, teils auch angrenzend zum Naturpark West, aber insgesamt fast ein ganzer kleiner Wald – soll abgeholzt werden“, so Kerem Icelli, der in der Weststadt wohnt. Er hat einen Flyer mit Argumenten gegen die Stadtbahn erstellt, den er jetzt dem Gemeinderat der Stadt zugesandt hat und in dem er die Stadtbahn Lucie als „ein Trugbild auf Schienen“ bezeichnet.

Der Vorwurf: Reaktivierung ist tatsächlich Neubau

Einer der Hauptkritikpunkte neben den nötigen Baumfällungen: Es werde immer von einer Reaktivierung der Strecke aus Richtung Möglingen gesprochen. Tatsächlich handle es sich um einen Neubau. „Kein Meter Gleis, kein Meter Schotterbett, keine Technik, keine Infrastruktur ist heute mehr nutzbar“, so Icelli. Stephan Randecker, der ebenfalls in der Weststadt wohnt, sieht das genauso und bezeichnet den Begriff „Reaktivierung“ deshalb als „Unverschämtheit“. Die Strecke sei total marode, wer mit Industrieverkehr darüber fahren müsse, habe Angst, sie zu benutzen.

Zweifel an den prognostizierten Fahrgastzahlen

Icelli verweist auch darauf, dass der ehemals auf der Strecke verkehrende Zug den Kampf gegen flexiblere Regionalbusse schon 1975 verloren habe. Die Stadtbahn sei wirtschaftlich falsch und verkehrlich sinnlos, sie sei ein Projekt mit hohem Risiko in einer Zeit, die angesichts nationaler und globaler Krisen, wachsender Unsicherheiten und angespannter Haushalte keinen Spielraum für Fehler lasse und in der überall gespart, verschoben und gestrichen werde.

Jole Stojanovic, der in der Weststadt ein Gartengrundstück besitzt, auf dem er Bienen hält und sich auf vielfältige Weise für die Natur engagiert, verweist auf die schädlichen Folgen für die Natur im Naturpark West: „Dort gibt es nicht nur Bienen und andere Insekten, sondern auch Bussarde, Hasen und anderes. Weil es so schön grün ist, sind auch viele Frauen und Kinder dort unterwegs, das kann man nicht durch eine Stadtbahn zerstören.“ Überhaupt sei Ludwigsburg ein Traumstädtchen, eine Traditionsstadt. „Wir können nicht alles kaputt machen“, findet er. Da er zur Bahnlinie schauen kann, hat er außerdem festgestellt: „In der Bahn sitzen morgens und abends Leute, tagsüber sieht man dort fast niemanden mehr.“ Und Busfahrer berichteten ihm genau dasselbe. „Mit der Stadtbahn gehen wir in eine Sackgasse und machen Ludwigsburg tot.“

Mobilität verändert sich in rasender Geschwindigkeit

Auch Icelli und Randecker bezweifeln die angenommene Fahrgastzahl von 10 000 für den ersten Teilabschnitt. „Markgröningen und Möglingen haben zusammen gerade einmal 30 000 Einwohner. Und davon soll ein Drittel die Stadtbahn nutzen, obwohl sich die Mobilität gerade in rasender Geschwindigkeit verändert?“, so Randecker.

Früher sei er ein Befürworter der Stadtbahn gewesen, obwohl er nur 20 Schritte vom Gleis entfernt wohne. Doch seit Corona, als das Arbeiten von Zuhause aus Fahrt aufgenommen habe, und durch die zunehmende Digitalisierung sowie den Einsatz künstlicher Intelligenz habe sich die Mobilität so rasend schnell verändert, dass eine Stadtbahn keinen Sinn mehr habe. Es gebe Alternativen wie E-Scooter, E-Roller und in nicht allzu ferner Zukunft auch autonom fahrende Busse. „In so vielen Städten der Welt geht man weg von der Schiene, weil sie zu unflexibel ist. Moderne Mobilität wird heute ganz anders geplant.“ Zudem seien die Folgekosten für den Betrieb, für eventuelle Lärmschutzwände, für Depots nicht geklärt, ebenso wenig die Frage, wie der übrige Verkehr noch fließen solle.

Bürgerbeteiligung nur pro forma?

Ein Punkt, den sowohl Icelli als auch Randecker kritisieren, ist die in ihren Augen nur als Feigenblatt dienende Bürgerbeteiligung. „Der Eindruck? Man sammelt Einwände nur, um später sagen zu können: Wir haben Ludwigsburger einbezogen – nicht, um sie wirklich zu beachten“, heißt es in dem Flyer. Stephan Randecker geht noch einen Schritt weiter: „Ich war bei allen Veranstaltungen, und da sind nach den Frontalvorträgen nur wenige zu Wort gekommen. Und bei der digitalen Beteiligung wurden die sinnlosesten Nachfragen beantwortet, die wichtigen nicht.“ Man habe das Gefühl, die Stadtbahn solle auf Biegen und Brechen wider besseres Wissen durchgesetzt werden.

Viele der Kritikpunkte, die jetzt die Wogen hochschlagen lassen, sind schon viel früher zur Sprache gekommen, ohne wirklich gehört zu werden. „Wie viele Bäume, wie viele Parkplätze, wie viele Straßen müssen für die Bahn weichen? Das wollen wir jetzt wissen“, forderte der damalige Freie-Wähler-Fraktionschef im Ludwigsburger Gemeinderat, Reinhardt Weiss, schon 2018. Eine Antwort habe er nicht bekommen – bis heute nicht, sagt er: „Und auf viele andere Fragen auch nicht.“

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