Über die offenen Laubengänge flattern sie hinein, hinterlassen Federn und Kot: Die neue Stadtbibliothek ist ungewollt zu einem Taubenschlag geworden. Die Suche nach einem neuen Zuhause für die Tiere ist ohne Ergebnis geblieben. Deshalb sollen jetzt Bussarde ran.

Stuttgart - Die Situation an der Stadtbibliothek ist alles andere als erfreulich – zumindest nicht für die Besucher und Mitarbeiter. Die Tauben hingegen, Ursache des Umbehagens, scheinen sich in dem Gebäude mehr als wohl zu fühlen. Über die offenen Laubengänge flattern sie hinein und hinterlassen Federn und Kot. Die Stadtbibliothek ist ungewollt zu einem Taubenschlag geworden.

Ändern sollen das nun Bussarde, die aus einer Falknerei in Karlsruhe kommen sollen. Der Falkner schickt die Greifvögel durch die Gänge, angedacht sind zehn Einsätze. Das soll die Tauben derart verschrecken, dass sie sich, so die Hoffnung, einen neuen Ort suchen. Einen Termin für einen ersten Einsatz gibt es allerdings noch nicht. „Momentan erstellen unsere Mitarbeiter Protokolle über den Aufenthalt der Tauben“, sagt Christine Brunner, stellvertretende Direktorin der Stadtbibliothek. „So wie es aussieht, kommen die Tauben vor allem nachts oder halten sich tagsüber an Orten auf, wo wenig Leute sind.“ Anhand des Protokolls könnten die Einsätze koordiniert werden. Und falls die Bussarde nichts bewirken würden, wolle man es mit Netzen versuchen. „Oder vielleicht hilft uns auch das Turmfalkenpärchen, das scheinbar die Stadtbibliothek für sich entdeckt hat“, sagt Brunner. Ein Mitarbeiter habe das Paar auf einem Fenstervorsprung sitzen sehen.

Taubenschlag ist nicht möglich

In der Stadtbibliothek tatsächlich einen Taubenschlag einzurichten, wie es die Grünen in einem Antrag vorschlagen, ist laut Christine Brunner nicht möglich. „Für einen Turm ist unser Grundstück zu klein, und oben auf dem Dach, wo auch die Besucher sind, geht es auch nicht.“

Die Stadtbibliothek ist nicht der einzige Standort, der nicht infrage kommt. Beim Amt für öffentliche Ordnung ist man dabei, verschiedene Gebäude zu prüfen. Vor allem in der Nähe des Bahnhofs, denn der dortige Schlag muss zum Ende des Jahres weg. „Das hat gerade absolute Priorität“, sagt Gerald Petri vom Ordnungsamt. Doch bis jetzt ist die Suche nach neuen Standorten, für die der Gemeinderat 75 000 Euro bewilligt hat, ergebnislos.

Akzeptanz für das Taubenprojekt

Erfolgreich war hingegen die Suche nach einem Taubenkümmerer, der ebenfalls vom Gemeinderat gefordert war. Seit Juni ist Jonas Ley, angehender Stadtplaner, mit der Standortsuche beauftragt. Unterstützt wird er vom Ordnungsamt, der Caritas und dem Tierschutzverein. Der 32-Jährige hatte während seines Studiums als Praktikant erste Erfahrungen beim Esslinger Taubenprojekt gesammelt. Und er weiß deshalb, worauf er bei der Wahl eines Standorts achten muss. „Der Schlag muss dahin, wo ein Schwarm ist, und wenn möglich, sollte dies ein natürlicher und nicht durch Fütterung künstlich entstandener Schwarm sein“, sagt Ley. Darüber hinaus seien Umgebungen mit Krankenhäusern, Kitas oder Wohnungen mit vielen Balkonen eher ungeeignet. All diese Kriterien gelte es bei der Suche zu beachten.

Die eigentliche Schwierigkeit liege aber gar nicht darin, sondern in dem Werben um Verständnis bei den Eigentümern der infrage kommenden Gebäude. „Ich versuche die Leute zu sensibilisieren und werbe um Akzeptanz für das Taubenprojekt“, so Ley. So kann er derzeit mehr als Aufklärer denn als Taubenkümmerer bezeichnet werden. Auch Gerald Petri betont, dass dies „der Hauptknackpunkt“ bei dem ganzen Unterfangen sei und nicht der Mangel an Standortvorschlägen.

Dass das Taubenprojekt durchaus funktioniert, zeigen die zwei Schläge in der Leonhardskirche. Seit der Eingewöhnungsphase des zweiten Schlags im Dezember 2011 konnte der dortige Pate Heinz Rittberger insgesamt 84 Eier austauschen. In dem älteren Schlag waren es allein 2012 schon 617 Eier. „Man sieht, dass der Nachrichtendienst unter den Tieren funktioniert und sie die Schläge annehmen“, sagt Rittberger. Es sei deshalb notwendig, weitere Standorte zu finden. „Es ist schwierig, die Leute dafür zu erwärmen, aber man muss auch die Not der Tiere sehen“, so Heinz Rittberger.

Die Grünen-Fraktion will indes nach der Sommerpause Ergebnisse sehen. Sie fordert, in der ersten Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik nach den Ferien über den aktuellen Stand der Suche, vor allem bezüglich des Bahnhof-Ersatzes informiert zu werden. „Besondere Eile ist geboten“, heißt es in dem Antrag. Schließlich solle der Erfolg, den es in anderen Städten, aber auch in Stuttgart, schon gebe, fortgeführt werden.