Stadtbibliothek Stuttgart Ein Haus wie eine Zwiebel

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Im Literaturhaus Stuttgart haben Joachim Kalka, Ingrid Bußmann und Edgar Harwardt die neue Stadtbibliothek begrüßt.

Kultur: Amber Sayah (say)

Stuttgart - Die schwarzen Herrenschuhe mit den untergeklebten Büchern, die vor dem Rednerpult standen, haben dem Publikum im Literaturhaus am Montag bis zum Schluss Rätsel aufgegeben. Wer nicht mitbekommen hatte, dass sie zu Edgar Harwardts Kunstaktion „biblio-terra“ gehörten, musste sich an die Ausstellung im Erdgeschoss halten, um zu erfahren, was es mit der merkwürdigen Fußbekleidung auf sich hatte, denn der Stuttgarter Aktionskünstler selbst blieb eine Erklärung an diesem Abend schuldig. Im Mai 2000 hatte er den Grundriss der damals noch in weiter Realisierungsferne liegenden neuen Stadtbibliothek auf dem Baugelände hinter dem Hauptbahnhof in diesen „Schuhen“ abgeschritten. Ein zweites Mal kamen sie zum Einsatz, als Harwardt damit vor Kurzem von der alten zur neuen Stadtbücherei hinüberstapfte und so sein Kunstprojekt „Bau Buch Bibliothek“ zu Ende brachte, mit dem er die Entstehung des Bibliotheksneubaus begleitet hatte.

„Bau Buch Bibliothek“, so nannte sich auch der Abend im Literaturhaus, das damit der Schwester-Institution freundschaftliche Reverenz erweisen wollte. Woran lag es aber, dass der Publikumszulauf sich am Montag stark in Grenzen hielt? Freuen sich die Stuttgarter auf ihre neue Bibliothek etwa nicht? Das steht kaum zu befürchten, es wäre ein Wunder, wenn im Oktober der erwartete Eröffnungsansturm auf den Betonkubus hinter dem Hauptbahnhof ausbleibt. Eher lässt sich vermuten, dass für den Geschmack der künftigen Bibliotheksbesucher der Worte nun genug gewechselt sind. Schluss mit dem vorfreudigen Präludieren, mögen sie sich sagen, lasst nunmehr Taten sprechen.

"Bibliothek für Schlaflose"

Was die Bibliotheksdirektorin Ingrid Bußmann im Gespräch mit dem Stuttgarter Literaten und Übersetzer Joachim Kalka über „ihre“ Bücherei an Wunderdingen zu berichten wusste, machte in der Tat Lust, sie möglichst bald selbst zu erkunden. So wird eine „Bibliothek für Schlaflose“ eingerichtet, in der man sich im Sinne einer Notapotheke in dringenden Fällen auch außerhalb der Öffnungszeiten mit (Lese)Stoff versorgen kann. Für die zahlreichen Nutzer mit ausländischen Wurzeln – sie bilden die zweitstärkste Gruppe unter den Bibliotheksbesuchern in Stuttgart – sind Belletristik in 25 Sprachen und Zeitungen im Angebot, man kann Notebooks ausleihen und zu Vorträgen, Veranstaltungen und Workshops gehen, die Ingrid Bußmann in der Summe als „Großengagement für die Literatur“ bezeichnete. Die Chefin der neuen Bibliothek brach auch eine Lanze für den bisher zumeist skeptisch beäugten Neubau des Koreaners Eun Young Yi. Von außen, das räumte sie ein, wirke er „sehr streng“, innen aber bestehe er wie die Zwiebel aus vielen Häuten, öffne er sich Schicht für Schicht. Auch Joachim Kalka war sich in seinem ebenso gelehrten wie amüsanten, mit literarischen Verweisen gespickten Festvortrag sicher, dass die Bibliothek in der jüngeren deutschen Baugeschichte „ein bleibender Bezugspunkt“ werden wird.

Für alle Beteiligten steht außer Frage, dass sich die Bibliothek als „realer Ort“ auch in der vernetzten Welt behaupten, ja, an Bedeutung sogar gewinnen wird. Ganz bewusst, sagte Bußmann, habe man sich in Stuttgart daher für die Bezeichnung „Bibliothek“ und nicht „Mediathek“ entschieden. „Die solide gebundene Anwesenheit“ der Bücher in einer Bibliothek führte mit Adorno auch Joachim Kalka gegen die „elektronische Entgrenzung des Internets“ ins Feld. Ortsbezogener schließlich als „Bau Buch Bibliothek“ könnte ein Kunstprojekt kaum sein, bei dem Edgar Harwardt die Bücherei buchstäblich umkreist und erlaufen hat. Nostalgie wäre gleichwohl fehl am Platz. Für Ingrid Bußmann gilt es, die Balance zwischen Tradition und Innovation, der Faszination Buch und Offenheit für die Technik zu finden.

 




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