Stadtbibliothek Stuttgart Neustart mit Ende 50 – „Für mich hat sich ein Traum erfüllt“

Marcus Gundlach ist in der Kinderbibliothek in seinem Element. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Marcus Gundlach war viele Jahre in den Neckartalwerkstätten. Nun ist er Fachangestellter in der Kinderbibliothek. Gelungen ist ihm das über einen inklusiven Arbeitsplatz.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Wenn Marcus Gundlach mit seinem gut bestückten Bücherwagen durch die Kinderbibliothek im zweiten Stock der Stadtbibliothek Stuttgart fährt, ist er zufrieden. „Ich bin dann in meinem Element“, sagt er selbst. Ein Buch nach dem anderen greift er sich und sortiert die Bände ein. Jeden Morgen beginnt er seinen Arbeitstag mit dem „Einstellen“, wie er es nennt. Auch das Etikettieren und Reparieren von Büchern und CDs gehört unter anderen zu den Aufgaben des 57-Jährigen.

 

Marcus Gundlach ist schon seit mehr als zwei Jahren Teil des Teams im zweiten Stock. Der ehemalige Beschäftigte der Neckartalwerkstätten, eine Behindertenwerkstatt der Caritas, hat in der Bibliothek als Praktikant angefangen. Seit November 2025 ist er sogar sozialversicherungspflichtig angestellt und wird nach Tarif bezahlt. Ein Programm der Stadt mit inklusiven Arbeitsplätzen macht es möglich.

Vor dem Studium hat er Ausbildung in Stadtbücherei absolviert

„Für mich hat sich ein Traum erfüllt“, sagt Marcus Gundlach, dem der Trubel auf dem Stockwerk erstaunlich wenig ausmacht. Sei es mal sehr laut, regele er sein Hörgerät herunter, verrät er seinen Trick. Oft wird er um Hilfe gebeten. Wenn er sich nicht sicher fühlt, verweist er auf die Infotheke. Um 8.30 Uhr fängt er mit der Arbeit an, um 13 Uhr ist er fertig. „Dann bin ich geschafft“, sagt Gundlach, aber auf gute Weise.

Gerechnet hatte er nicht mehr mit einem festen Job. Die fachliche Qualifikation brachte er zwar mit – der Diplomsozialpädagoge hatte vor dem Studium eine Ausbildung in der Stadtbücherei Fellbach gemacht. Aber seither ist eben viel passiert.

„Die schlimmste Zeit meines Lebens“

Anfang des neuen Jahrtausends hatte Marcus Gundlach einen „totalen Zusammenbruch“. Die Jahre bis 2015, in denen er noch in Darmstadt war, nennt der gebürtige Stuttgarter „die schlimmste Zeit meines Lebens“. Er habe sich selbst als Mensch verloren, entwickelte eine chronische psychische und körperliche Erkrankung, die zu voller Erwerbsminderung führte. Die Wende zum Positiven brachte die Rückkehr in die Heimat und der Start in der Behindertenwerkstatt. „Ich habe mich bewusst für die Werkstatt entschieden, das war ein großes Glück“, sagt Gundlach rückblickend.

In den Neckartalwerkstätten hat er zurückgefunden ins Leben. Dort habe man ihn regelrecht wieder zusammengesetzt. Er begann mit einfachen Tätigkeiten wie das Eintüten und Verpacken, die ihn stabilisierten. Bis er merkte, dass mehr möglich war – und dass er mehr wollte. „Es kann nicht sein, dass ich da dauerhaft geparkt bin“, habe er gedacht. Er lernte den Jobcoach Oliver Rademann von der Caritas kennen, der ihm fortan zur Seite stand. Gemeinsam überlegten sie, was möglich ist und welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, damit die Rückkehr gelingt.

Praktikum ist „die Chance“ für Marcus Gundlach

Gundlach startete auf einem Außenarbeitsplatz im Sozialkaufhaus, wo er seine Liebe zu den Büchern wieder entdeckte. Mit der Unterstützung des Büros der Beauftragten für Menschen mit Behinderung klappte es anschließend mit dem Praktikum in der Stuttgarter Stadtbibliothek. Marcus Gundlach wusste von Beginn an: Bewährt er sich, wird er übernommen. Es war „die Chance“ für ihn.

Auch das Etikettieren gehört zu Marcus Gundlachs Aufgaben. Foto: vv

Auch für die Stadtbibliothek war der Prozess rund um den inklusiven Arbeitsplatz „etwas komplett Neues“, sagt Stefanie Schumacher. Sie ist in der Direktion für das Personal zuständig. Das Team aus der Kinderbibliothek sei sofort dabei gewesen, als es gefragt wurde, ob es sich das vorstellen kann. Zwei Kollegen haben am Anfang besonders nach Marcus Gundlach „geguckt“, wie er selbst sagt. „Das hat ganz toll geklappt“, meint auch Stefanie Schumacher. Sie hebt die Unterstützung durch den Jobcoach und durch das Büro der Behindertenbeauftragten hervor. Beide seien wichtig gewesen. Hätte es Probleme gegeben, hätten sie sich an „die Profis“ wenden können.

Marcus Gundlach hat sich „vom ersten Tag an wohl gefühlt“, das Team sei „ideal“ und dass er der älteste ist, kein Problem. Seine Lieblingsorte in der Bibliothek sind weit oben im Haus: Im Sommer trifft man ihn oft auf der Dachterrasse, im Winter im siebten Stock. Dorthin zieht er sich in seinen Pausen zurück, um den Kopf frei zu kriegen. „Ich muss haushalten, ich kann nicht so tun, als ob nichts wäre“, erklärt er. Er bleibt insgesamt länger bei der Arbeit, um häufiger eine Pause einlegen zu können. Das klappt wunderbar.

Marcus Gundlach ist einer von 21 städtischen Mitarbeitern auf einem inklusiven Arbeitsplatz. Normalerweise erfolgen die Übernahmen nach dem Praktikum deutlich früher, in seinem Fall mussten noch Probleme mit der Rentenversicherung gelöst werden. Nicht aus jedem Praktikum entstehe ein Arbeitsplatz, berichtet die städtische Beauftragte für Menschen mit Behinderung, Jennifer Langer, manchmal zeige sich, dass es doch nicht passt. Auch in Zukunft könnten aber aus Praktika Arbeitsplätze werden – für bis zu 39 Stellen ist die Finanzierung gesichert. Zwar sind im Dezember keine Gelder mehr für das Programm bewilligt worden, dafür im vorherigen Doppelhaushalt. „Wir können mit der Arbeit fortfahren“, freut sie sich.

Marcus Gundlach findet das Programm sehr wichtig. Er selbst würde nun am liebsten länger arbeiten als bis 67. „Durch das Arbeiten traue ich mich Schritt für Schritt ins Leben zurück.“

Behindertenrechtskonvention gilt auch für Bereich Arbeit

Teilhabe
Hintergrund der inklusiven Arbeitsplätze ist die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die auch Deutschland im Februar 2009 ratifiziert hat. Das Abkommen garantiert Menschen mit Behinderung Teilhabe in allen Lebensbereichen – also nicht nur im Bereich Schule, sondern zum Beispiel auch im Bereich der Arbeit.

Stellen
Die 21 Personen, die einen inklusivem Arbeitsplatz haben, arbeiten in verschiedenen Bereichen der Stadt und erhalten mindestens Mindestlohn. In Kitas, im Jugendamt, in der Gastronomie und in der Grünpflege seien Vermittlungen erfolgreich gewesen, so die Behindertenbeauftragte Jennifer Langer. Eine Evaluation zu dem Programm hatte ergeben, dass die Schaffung einer inklusiven Stelle von den Vorgesetzten und Vertrauenspersonen als „Gewinn“ erfahren wird.

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