InterviewStadtdekan kritisiert Stadtverwaltung „So kann’s in Stuttgart nicht weitergehen!“

Ein Mann mit pointierter Aussprache: Christian Hermes Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Ein Mann mit pointierter Aussprache: Christian Hermes Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Christian Hermes interpretiert sein Amt als katholischer Stadtdekan offensiv. Das zeigt sich bei dem von ihm mit initiierten Rat der Religionen ebenso wie in seiner Kritik an der seiner Ansicht nach zu schwerfälligen Stadtverwaltung.

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Stuttgart - Christian Hermes ist ein Freund klarer Worte. Deutlich wird der katholische Stadtdekan insbesondere gegenüber der AfD, von der er sagt, dass sie sich zunehmend radikalisiere. Doch auch mit der Stuttgarter Stadtverwaltung scheut er keine Auseinandersetzung: Manche städtische Behörden arbeiten seiner Meinung nach schlicht zu langsam.

Herr Hermes, vor einem Monat haben Sie die Koordinatoren-Rolle des 2015 gegründeten Rats der Religion übernommen. Was hat der Rat bisher bewegt?
Seit langem haben wir ein hervorragendes Verhältnis zur Jüdischen Gemeinschaft. Auch in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen läuft es auf Stadtebene sehr gut. Was meinem Kollegen Sören Schwesig von der evangelischen Kirche und mir aber Bauchweh bereitet hat, war die Frage, wie es um den Islam in Stuttgart bestellt ist. Wir haben zwar um die 30 Moscheen, aber über einzelne Dialoginitiativen hinaus gab es keine gemeinsame Struktur oder Gesprächsplattform auf Leitungsebene.
Daran hat sich nichts geändert.
Doch, durch die Gründung des Rates. Man muss sensibel miteinander umgehen. In Frankfurt hat die Jüdische Gemeinde den dortigen Rat der Religionen verlassen hat, nachdem sich ein muslimischer Vertreter antisemitisch geäußert hat. So etwas muss unbedingt verhindert werden. Einen Rat der Religionen, bei dem die Jüdische Gemeinde aussteigt, weil das Existenzrecht Israels infrage gestellt wird, darf es in Deutschland nicht geben. Man darf die aktuelle Politik der Regierung in Jerusalem sicher kritisch beleuchten, was aber keinen Platz haben darf, sind radikale und fundamentalistische Gruppierungen – ganz gleich welcher Religion. Und entscheidend ist, dass wir uns auf die Themen konzentrieren, die uns hier in Stuttgart beschäftigen.
Welche sind das?
Zum Beispiel die Gestaltung von Gebets­räumen in Krankenhäusern. Oder die Frage nach Gebeten und Gottesdiensten an ­Schulen. Wir haben konkrete Regelungen für multireligiöse Feiern an Schulen vereinbart. Dazu gehört, dass wir keinen inter­religiösen Mix machen nach dem Motto: Wir glauben alle an irgendeine Gottheit, dann bringen wir das mal zusammen. Stattdessen konzipieren wir Veranstaltungen, an denen alle teilnehmen und zum Beispiel Gebete ­anbieten, die aber von neutralen Personen moderiert werden. Die Schulen können sich bei uns Rat holen. Von Religions-Lehrern gibt es dazu sehr positive Rückmeldungen.
Bischof Gebhard Fürst hat die Gespräche mit dem Islamverband Ditib jüngst aufgrund zu großer Nähe zum türkischen Staatschef Erdogan auf Eis gelegt. Hat das Auswirkungen auf die Arbeit im Rat der Religionen, in dem Ditib vertreten ist?
Unser Bischof hat sich sehr für den christlich-islamischen Dialog eingesetzt und sieht genau deshalb manche Entwicklungen kritisch. Der Stuttgarter Rat der Religionen hat sich aus gutem Grund eine Ordnung gegeben, in der geregelt ist, dass nur Religionsgemeinschaften Mitglied werden können, deren Verfassungstreue nicht zweifelhaft ist. Andererseits ist unser Anspruch, die in der Stadtgesellschaft relevanten Religionsgemeinschaften an einen Tisch zu bekommen, nicht um akademisch über Glaubensfragen zu diskutieren, sondern weil ihre Mitglieder und Organisationen hier in derselben Stadtgesellschaft miteinander leben und auskommen wollen und müssen.
Das heißt, die Gespräche mit Ditib werden in Stuttgart fortgesetzt?
Ja.
Der Rat der Religionen ist auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise entstanden - auch mit die Integration voranzubringen. Wie stellt sich die Lage derzeit in Stuttgart dar?
Die Zahl der Geflüchteten ist zurückgegangen. Jetzt geht es vor allem darum, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Da haben wir Stuttgart ein Riesenthema. Denn neben den Geflüchteten gibt es viele andere Menschen in der Stadt, die geförderten Wohnraum brauchen. Die dürfen nicht den Eindruck haben, dass sie ganz hinten in der Schlange stehen.
Stuttgart braucht einen Aufbruch in der ­Wohnungspolitik?
Eindeutig! Mein Kernsatz ist: Stuttgart darf eine ­reiche Stadt, aber nicht nur eine Stadt für Reiche sein. Wir müssen dieses Thema viel gründlicher und mit mehr Energie diskutieren. Wir täten gut daran, die besten Stadtentwickler einzuladen, um die Frage zu ­beantworten: Wie kommen wir hier weiter? Was die Stadt bisher macht, ist mit eindeutig zu wenig. Wir brauchen eine Gesamtstrategie. Ich wäre zum Beispiel sehr dafür, dass die SWSG viel stärker in Stand gesetzt wird, Wohnungen zu bauen. Die Stadt sollte mehr Grundstücke zur Verfügung stellen. Da müssen deutlich mehr PS auf die Straße.
Sie klingen verärgert?
Mit zunehmender Ungeduld und wachsendem Unverständnis sehe ich, dass auch unsere Bauvorhaben gar nicht oder nur mit unglaublichen Beschwernissen vorankommen. Es geht um Gemeindehäuser, Altenhilfe­einrichtungen, um Kitas, um die Weiter­entwicklung von Standorten.
Wo liegt das Problem?
Es gibt einen Mangel an Planungssicherheit, Koordination und Effektivität. Unsere ­Leute rödeln wie verrückt. Trotzdem bekomme ich ständig frustrierte Rück­meldungen, dass nichts vorangeht. Termine kommen nicht zustande, Genehmigungen bleiben aus, die Verantwortung wird hin und her geschoben und so weiter. Wir laufen bei der Stadt von Pontius zu Pilatus und es tut sich nichts. So kann’s nicht weitergehen. Das macht keinen Spaß mehr. Aus der Konferenz der Stadtdekane Deutschlands weiß ich, dass es anderswo besser läuft.
Liegt das an Personen oder Strukturen?
Ich vermute, es ist eine ungute Mischung aus beidem. Wenn’s in anderen Städten zwischen den verschiedenen Ämtern klemmt, dann gibt es ein klärendes Gespräch der ­Entscheider. Gerade bei sozial relevanten Projekten darf man das erwarten. Die Verwaltungsspitze muss das auch in Stuttgart in die Hand nehmen.
Handelt es sich um Einzelfälle?
Leider nein.
Und das hat sich nicht verbessert seit der eine Baubürgermeister (Hahn) durch den anderen (Pätzold) ersetzt worden ist?
Nein. Und wir sind ja kein Investor, der ­irgendwelche Hochpreisobjekte hin klatscht, um Rendite rauszuholen. Bei uns handelt es sich um soziale Bauvorhaben. Unsere Standortentwicklungsprojekte in Stuttgart umfassen rund 50 000 Quadratmeter. Da erwarte ich von der Stadt eine ganz andere Bereitschaft zu konstruktiver und zielgerichteter Zusammenarbeit.
Wie sehen Sie die Rolle von Oberbürger­meister Fritz Kuhn?
Die Schwergängigkeit in der Verwaltung ist allgemein und lange bekannt. Und für die Verwaltung trägt der Oberbürgermeister letztlich die Verantwortung. Beim „Bündnis für Wohnen“ ist etwas in Gang gekommen. Im Bereich ­Liegenschaften, Stadtplanung, Baurecht wünsche ich mir bei sozialen Projekten jedoch mehr Bewegung und Unterstützung.



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