Stadtentwicklung auf den Fildern Wie aus der Gärtnerei ein Wohngebiet wurde

Auf dieser Fotografie sind das Haus und der Schaugarten zu sehen – entworfen hat den Garten der Architekt Siegloch aus Cannstatt. Foto: privat

Zwischen Vaihingen und Möhringen gab es einst zwei große Gärtnereien, betrieben von den Brüdern Ernst. Warum gibt es sie heute nicht mehr, und was ist von ihnen übrig geblieben?

Filderzeitung: Rebecca Anna Fritzsche (fri)

Vaihingen/Möhringen - Die Ernsthaldenstraße verbindet das Gebiet Wallgraben mit den Feldern und dem Industriegebiet am SSB-Zentrum. Benannt ist die Straße nach den beiden Brüdern, deren Gelände einst an der Straße lagen – Adolf und Hermann Ernst.

 

„Beide hatten große Gärtnereien hier“, sagt der Architekt Walter Reinhardt, der selbst in der Nähe wohnt und sich bestens auskennt. Man müsse sich das vorstellen, holt er aus: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es die Wohngebiete nicht, es gab das Industriegebiet rund um SSB-Zentrum und Züblin nicht, nicht die Straßenbahngleise, lediglich die Möhringer Landstraße, die von Möhringen nach Vaihingen führte, „auf der einen Seite ein Gehweg, auf der anderen Seite ein Graben“, erinnert sich Hans Graeter.

Graeter wohnt in einem Haus, das in dem kleinen Wohngebiet zwischen Ernsthaldenstraße, Wallgraben und Möhringer Landstraße liegt. Gebaut wurde es 1911, von Adolf Ernst. Das herrschaftliche Landhaus war nicht nur Wohnhaus der Familie, sondern auch der Firmensitz – Adolf Ernst war auf Stauden spezialisiert, der Bruder Hermann – dessen Gärtnereianlagen dort waren, wo sich heute die Firma Züblin befindet – auf Dahlien. „Alles drumherum war Landschaft, Wiesen, Felder“, sagt Reinhardt, das nächste Gebäude sei damals das Gasthaus Wallgraben gewesen – heute die griechische Gaststätte Ilysia am Kreisverkehr.

„An den geehrten Leser“

Adolf Ernst ließ nicht nur das Haus bauen, sondern legte auch einen Schaugarten an, der bis heute als Garten zum Haus gehört. „Hier machte er beispielhafte Pflanzungen, damit die Leute sehen konnten, welche Stauden sie bei ihm kaufen konnten“, erzählt Reinhardt. Adolf Ernst etablierte auch einen Katalogversand: „An den geehrten Leser“, schreibt er beispielsweise im Vorwort eines 1930 erschienenen Versandkatalogs. „Eine neue, gründlich durchgearbeitete Preisliste in diesem Jahre herausgeben zu können, ist mir ein besonderes Vergnügen. Meine ausgedehnten Kulturen, insbesondere meine Anzuchten von winterharten Blütenstauden, sind im besten Stande und ich bin stets in der Lage, allen an mich herantretenden Anforderungen bestens entsprechen zu können.“ Als Ort gibt Ernst dabei Möhringen auf der Filder an – das Gebiet gehörte damals zu Möhringen, und Möhringen war eine unabhängige Gemeinde, die erst 1942 von den Nationalsozialisten nach Stuttgart eingemeindet wurde.

Auch ein Buch schrieb Adolf Ernst über seine große Leidenschaft: „Die zweckmäßige Verwendung der Blütenstauden“, heißt es, das Titelfoto ist ein Bild des Hauses und Schaugartens inklusive kleinem Zierteich. Die Eltern der Ernst-Brüder hatten eine Gärtnerei am Killesberg – das Interesse an Pflanzen wurden den Buben also mit in die Wiege gelegt. Adolf Ernst ging zur Ausbildung ins russische Kiew – von dort brachte er die Idee einer spezialisierten Großgärtnerei mit.

Das Geschäftsgeschick dauerte nicht ewig

Sein Geschäftsgeschick fand allerdings auch ein Ende. Ende der 1930er Jahre übernahm er eine Bürgschaft für einen Freund – diese platzte. Gärtnerei, Gelände und Anwesen gehörten nun der Bank. Die Ernsts siedelten nach Dettenhausen über und betrieben dort eine neue Gärtnerei.

Das Haus erwarb Hans Graeters Vater 1939, und seitdem bewohnt die Familie Graeter es. Im Garten zeugen noch viele alte, hochgewachsene Bäume und die Reste einer steinernen Pergola vom Dasein als Schaugarten. „Es ist ein wunderbares Familienhaus“, sagt Graeters Frau Thea, innen ist vieles erhalten – der Stuck an den Decken, die Zentralheizung, die gusseiserne Badewanne. „Damals hatte nicht mal der König eine eigene Badewanne, aber der Adolf musste eine haben!“, sagt Thea Graeter und lacht.

Die Flächen rund um Haus und Garten wurden von der Bank in Baugrundstücke umgewandelt und verkauft, so entstand das heutige Wohngebiet. „Früher war hier ja gar nichts, nur freie Fläche, die Natur“, sagt Walter Reinhardt. „Dass gebaut wird, ist ja gut und wichtig, aber vielleicht sollte überlegt werden, ob es nicht irgendwann reicht.“

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