Stadtentwicklung Keine Höhenkonkurrenz für den Littmannbau

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Nicht nur verbessern sich die Arbeits­bedingungen in dem neuen Theatergebäude – durch seine schlankere und niedrigere Silhouette würde er auch dem historischen Littmannbau keine Höhenkonkurrenz machen, was dem Denkmalschutz sicher einige Kummerfalten erspart. Vor allem aber bekäme die Kulturmeile endlich einen gescheiten Auftakt: statt einem schamhaft im Erdreich versteckten Turnhallendach einen ansehnlichen Theaterbau, der dann über krude Zweckdienlichkeit hinaus noch öffentliche Funktionen wie ein Café aufnehmen oder Einblicke in die Werkstätten gewähren könnte, nach dem Vorbild ­etwa des um­gebauten und vielfach preis­gekrönten Heidelberger Theaters. Das wäre dann ein urbanes Stück Kulturmeile – im Gegensatz zu der dichten, allein auf Flächen­maximierung getrimmten, introvertierten Packung Kulissenneubau, die sich momentan am Horizont abzeichnet.

Denn in den Blick zu nehmen gilt es ja auch, dass an dieser Kreuzung der künftige östliche Ausgang des Bahnhofs Stuttgart 21 liegt. Für auswärtige Besucher mit dem Ziel Staatsgalerie oder Musikhochschule oder Haus der Geschichte oder Bürgerzentrum des Landtags ist diese Ecke künftig das Entrée der Kulturmeile. Mit einem einnehmenden Gegenüber von Staatsgalerie und Theaterbau würde sie ihrem bis dato reichlich schönfärberischen Namen künftig alle Ehre machen.

Die Rückverwandlung dieser Brrrrm­brrrrm-Meile in eine städtische Straße hängt nicht zuletzt davon ab, dass die Wegeverbindungen für Fußgänger und Radfahrer verbessert oder überhaupt erst geschaffen werden. Bauliche und verkehrliche Entwicklung sind eng miteinander verflochten. Deshalb geht es nicht, erst einmal das falsche, überdimensionierte Kulissengebäude hinzustellen, womöglich eine neue Theaterrückseite entstehen zu lassen, und sich dann Gedanken über die weitere Zukunft der Kulturmeile zu machen. Das würde, nach kurzsichtiger alter Stuttgarter Planungssitte Tippelschritt für Tippelschritt in die Irre führen.

Warum nicht den Schwung nutzen?

Alle Wettbewerbe in der Vergangenheit haben gezeigt, dass um die Verengung der Fahrbahnen und die Verbreiterung der Randzonen kein Weg herumführt, wenn man die Kulturmeile domestizieren will. Auf der Theaterseite, wo unmotorisierte Individuen eigentlich gar nicht vorgesehen sind und sich ihren Pfad mühsam über lärm- und abgasbelastete Bürgersteige und im weiteren Verlauf durch den Oberen Schlossgarten bahnen müssen, fehlt eine durchgehende Fußgängerverbindung. Auf der Gegenseite bleiben die Autos unter sich, weil der Per-pedes-Verkehr auf eine obere Ebene verbannt ist.

Einige Projekte gehen jetzt mit gutem Beispiel voran und holen die Gebäude von ihrem hohen Sockel auf die Straße herunter. James Stirling und Michael Wilford haben es mit dem Platz zwischen Staats­galerie und Musikhochschule, der auf den Bühneneingang der Oper achsialen Bezug nimmt, vor Jahren schon vorgemacht. Die Stuttgarter Architekten Lederer, Ragnars­dottir, Oei folgen diesem Beispiel jetzt mit der Erweiterung der Landesbibliothek und dem zum Stadtmuseum umgebauten Wilhelmspalais. Warum als öffentlicher Bauherr also nicht den Schwung dieser Initialprojekte nutzen und mit höchsten Ansprüchen an Stadtraum und Architekturqualität zur Sache gehen? Dem millionenteuren Opern­sanie­rungs­projekt würde das eine noch breitere gesellschaftliche, auch musiktheaterfernen Stuttgartern zu vermittelnde Legitimierung geben.