Stadtentwicklung Falsche Signale an der Kulturmeile

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Die Opernerweiterung eröffnet die Chance, die Verkehrsschneise in eine städtische Straße zu verwandeln. Voraussetzung ist aber, dass nicht nur das Einzelbauwerk Kulissenneubau in den Blick genommen wird.

Die   Stuttgarter Kulturmeile mit Opernhaus, Kulissengebäude, Katharinenstift und vorgelagerter Sporthalle (Bildmitte von links) und vis-à-vis  Kammerthater und  Staatsgalerie mit Neu- und Altbau (am unteren Bildrand von links) Foto: Achim Keiper
Die Stuttgarter Kulturmeile mit Opernhaus, Kulissengebäude, Katharinenstift und vorgelagerter Sporthalle (Bildmitte von links) und vis-à-vis Kammerthater und Staatsgalerie mit Neu- und Altbau (am unteren Bildrand von links) Foto: Achim Keiper

Stuttgart - Städtebauliche Dauerbrenner haben es an sich, dass sie irgendwann nicht mehr brennen, sondern nur noch vor sich hin kokeln. Selbst an die schlimmsten Bausünden gewöhnt sich der Mensch mit der Zeit, bis er, quasi evolutionsbiologisch umgepolt, die Misere für den Normal­zustand hält. Die Politik in Land und Stadt scheint im Vertrauen auf diesen Anpassungsprozess des Homo urbanus jedenfalls in Ruhe abwarten zu wollen, bis der innerstädtische Auto­bahn­abschnitt namens Kulturmeile eines Tages als bundesweit einzigartiges Relikt der autogerechten Stadt unter Denkmalschutz gestellt wird. Anders ist es nicht zu er­klären, dass jetzt die Chance vertan zu ­werden droht, die Opernsanierung zu nutzen, um zugleich die Stadtreparatur an ­dieser Verkehrsschneise des Grauens ­voranzutreiben.

Die Zeit sei langsam reif für eine ebenerdige Querung der Konrad-Adenauer-Straße, verkündete beim Musikhochschul­jubi­läum Anfang der Woche der nicht mehr ganz so neue grüne Stuttgarter Baubürgermeister Peter Pätzold. Ja, geht’s in noch kleinerer Münze? Stadt und Land, die beiden Akteure an der Kulturmeile, sind offenbar entschlossen, die alten Stuttgarter Kardinalfehler zu wiederholen: eine Planung mit starrem Blick aufs Einzelprojekt und die Unfähigkeit, in städtebaulichen Zusammenhängen und Perspektiven zu denken. Oder ist es nur Unlust?

Der Verdacht, dass hier wissentlich Potenziale verspielt werden, drängt sich auf, denn an Gegensteuerungsversuchen etwa der eigenen Fach­leute im Stadt­planungsamt und auf Landesseite bei Vermögen und Bau fehlt es nicht. Fest steht, dass am Ende auf der ganzen ­Linie schlechtere Lösungen in Kauf genommen würden, wenn es bei den bisherigen Prämissen bleibt, sowohl den Kulissenneubau betreffend als auch den Stadtraum Kulturmeile – und das für geschätzte vierhundert  Millionen Euro und auf lange, lange Sicht.

Ein Flächenbedarf von 12 000 Quadratmetern

Dem Wettbewerb im nächsten Jahr für das neue Kulissengebäude der Staatstheater soll nach den bisherigen Rahmenbedingungen eine Planung auf dem Grundstück des Bestandsbaus zugrunde gelegt werden. Massenmodelle der Abteilung Städtebau­liche Planung Mitte und der Planungs­behörde des Landes machen klar, dass solch ein Baukörper aufgrund des angemeldeten Flächen­bedarfs von rund 12 000 Quadrat­metern zwangsläufig ein gewaltig aufgeblähtes Volumen annimmt: so hoch wie der Bühnenturm der Oper und so tief, dass er bis hart an die Straße vorrückt.

Mit Nachteilen verbunden wäre das ­sowohl für den Theater­betrieb, der eine ­beengte innere Organisation und viele Räume ohne Tageslicht erhielte, als auch für Fußgänger, denen der fette Brocken nicht mehr viel Platz lässt. Auch die Aussicht, als Passant an geschlossenen Außenmauern und Tief­garagen­einfahrten für die Bühnenanlieferung vorbeidefilieren zu müssen, ähnlich wie beim heutigen Kulissen­gebäude, verheißt nicht gerade einen städtischen Auftakt für die Kulturmeile. Rückseite alt würde durch Rückseite neu ersetzt.

Warum, stellt sich bei diesem trüben Zukunftsbild sogleich die Frage, verschafft man dem Staatstheater nicht mehr Luft, indem man das in städtischem Besitz befindliche Grundstück neben dem Kulissenbau in die Überlegungen einbezieht? Eine Zierde der Kulturmeile ist die halb versenkte Sporthalle des Königin-Katharina-Stifts, eine Absonderlichkeit aus dem reichhaltigen Panoptikum der Stuttgarter Nachkriegsmoderne, ohnehin nicht. Gelänge es, die Schulsporthalle zu versetzen und das neue Kulissengebäude bis an die Kreuzung vis-à-vis der Alten Staatsgalerie aus­zudehnen, würden Theaterbetrieb, Architektur und Stadtraum gleichermaßen profitieren (und vielleicht sogar die Schule, die einen attraktiveren Nachbarn samt lärmgeschütztem Pausenhof bekäme).