Stadtentwicklung in Böblingen Beispiele für den Wechsel hin zu einer lebenswerten Stadt

Christine Kraayvanger erklärt das Lichtkonzept am Bahnhof, das für mehr Sicherheit sorgen soll. Foto: Ulrich Stolte

Böblinger Bürger sind mit Christine Kraayvanger durch die Unterstadt spaziert. Es ging um Fußgänger- und Autoverkehr auf Augenhöhe, um Flächen für Menschen und neue Projekte.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Definitiv zwei Ergebnisse hatte der Bürgerspaziergang mit der Böblinger Baubürgermeisterin: Christine Kraayvanger ließ keinen Zweifel daran, dass das neue Hochhaus gegenüber des Bahnhofs im Jahr 2027 nicht fertig sein wird, und dass der Taxistand auf der Rückseite des Bahnhofs von den Taxis ignoriert wird. Die stehen nach wie vor alle auf der Vorderseite an der Talstraße.

 

Auch eine Erkenntnis der Stadtplanung: Man kann einen Bahnhof nicht einfach auf Links drehen, und das ist klar ersichtlich, wenn man von der Konrad Zuse Straße am Flugfeld auf den Böblinger Bahnhof blickt. Man sieht einen großen Eingang zu den Gleisen, darüber ein riesiges vorgezogenes Dach, daneben ein großzügiger Platz, alles in allem ein triumphaler Eingang zum Bahnhof, und trotzdem hält ihn jeder für den Hintereingang.

Einfacher zum Bahnhof auf der Rückseite

Stadtentwicklung im kleinen Kreis: Warum der Hintereingang des Bahnhofs eigentlich der Haupteingang sein sollte. Foto: Ulrich Stolte

Nur so lässt sich erklären, dass die Taxispur und der Taxiparkplatz, die dort liegen, von den Taxis nicht genutzt werden. Stattdessen stehen sie alle jenseits der Gleise auf der Talstraße, also traditionell vor dem Bahnhof, obwohl die Fahrgäste auf der anderen Seite viel einfacher zu den Gleisen gelangen könnten.

Vor allem über die Stadtentwicklung in den letzten 20 Jahren hatte die Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger beim Spaziergang referiert: Etwa 15 Böblinger waren gekommen und ließen sich die Geschichte des Elbenplatzes erzählen, genauso wie die Historie der Fußgängerzone und setzten sich dafür bei fünf Grad Celsius zwei Stunden lang den wind- und vor allem verkehrsumtosten Plätzen der Unterstadt aus.

Wege zur lebenswerten Stadt Böblingen

Der Grundton des Spaziergangs war jedoch ein anderer: Wie Böblingen von einer „autogerechten Stadt zu einer lebenswerten Stadt“ geworden sei, wie der Slogan der Stadtverwaltung heißt. Damals sei die dunkle und bedrohliche Unterführung aufgefüllt worden, der Verkehr am Elbenplatz beruhigt, Radwege durch die Straßen geführt worden und vor allem: Der Autoverkehr sollte die Fußgänger nicht in den Untergrund abdrängen. Alle Verkehrsteilnehmer sollten auf Augenhöhe sein. Das sei am Elbenplatz gut gelungen, dort wurden die Autospuren zurückgebaut auf ein verträglicheres Maß: Von 80 000 Autos damals am Tag, ist die Zahl auf 40 000 Autos halbiert worden.

Dabei ging es auch um Maße. Die 350 Meter durch die Bahnhofstraße zu schlendern, sei den Fußgängern zumutbar gewesen, hatten die Stadtplaner damals befunden.

Den Bürgern fehlt die Grüne Welle

Wenig sollte in der neuen Fußgängerzone an die alte Verkehrsader erinnern, erklärte Kraayvanger, deswegen gibt es versetzt einen kleinen Spielplatz, deswegen wurden die strenge Linie der Lindenbäume aufgelockert, weiß blühende Sträucher gepflanzt und jetzt will die Stadt in einem weiteren Schritt die Vermüllung der Fußgängerzone verhindern und vielleicht auch allzuschnelle Rad- und Rollerfahrer bremsen, die sich oftmals einen Spaß daran machen, dicht an den Fußgängern vorbei zu preschen. Das waren auch Probleme, die von den Besuchern des Spaziergangs angesprochen wurden. Es fehle eine Grüne Welle in Böblingen, man fühle sich der Bahnhofsunterführung unsicher, sagten sie.

Christine Kraayvanger hatte auch Bilder der alten Bahnhofstraße dabei. Eine unwirtliche Gegend mit der großen Asphaltfläche des Busbahnhofes und leer stehenden Häusern. „Wir können nur Rahmenbedingungen liefern“, sagte sie, „aber die Initiative muss von den privaten Investoren kommen.“ Ein vorbildlicher Investor etwa sei es gewesen, der die Mercaden gebaut habe. Er habe einen überzeugenden Plan geliefert, Kontakt mit den Nachbarn aufgenommen, und mit dem Einkaufszentrum den Frequenzbringer erschaffen, den die Bahnhofstraße gebraucht habe. Herausfordernd sei es auch für den Architekten gewesen, führte Kraayvanger aus, ein Haus ohne Rückseite zu bauen, und die ganze Fläche für Fußgänger zu öffnen, was nicht nur hier gelungen sei, sondern auch vom anderen Architekten weiter oben am Stadthaus Pulse.

Postareal liegt auf langer Bank

Jetzt gibt es in der Bahnhofstraße nur noch einen Leerstand: das Postgebäude, das einem schicken Holzhochhaus weichen soll. Es wäre eines der 16 Projekte der internationalen Bauausstellung gewesen, die im Jahr 2027 in der Region Stuttgart gastiert; wie gesagt, „wäre“: Vermutlich wird 2027 gerade mal der Bau begonnen.

Ein wenig vorstellen konnte man sich, wie das Leben in den düsteren alten Unterführungen am Elbenplatz und am Bahnhof ausgesehen haben mag, wenn man sich den baufälligen Durchgang zwischen dem Möbelmarkt Poco und dem leer stehenden Bekleidungshaus Krauß anschaut. Hier plant die Stadt zusammen mit der Böblinger Baugesellschaft, das nächste große Stück der Entwicklung in der Unterstadt.

Mehr Platz für Fußgänger

Christine Kraayvanger präsentierte eine Skizze des sogenannten Mühlenquartiers, das im Großen und Ganzen nördlich vom Möbelhaus Poco auf einer Fläche liegen wird, die vor allem das heutige leer stehende Einkaufszentrum EKZ umfasst. Hier solle eine Grünanlage entstehen, ein weiterer Fußgängerdurchlass und natürlich Wohn- und Geschäftshäuser.

Stadtplanung im Wandel

IBA
Die internationale Bauausstellung im kommenden Jahr listet 36 Projekte rund um Stuttgart auf, die besucht werden können. Herzstück hätte der neue Stuttgarter Bahnhof sein sollen, der aber noch nicht fertig ist.

Autostadt
Unter dem Stichwort autogerechte Stadt, verstand man die Idee, den Autofahrern die Straßen zu überlassen und die Fußgänger durch Unterführungen zu schleusen, oder auf Überführungen zu leiten.

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