Stadtentwicklung in Mittelzentren Auf der Suche nach der idealen Stadt
Gibt es bei der Diskussion um die Zentren nur Schwarz oder Weiß? Oft hilft der Blick über den Tellerrand, empfiehlt unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Gibt es bei der Diskussion um die Zentren nur Schwarz oder Weiß? Oft hilft der Blick über den Tellerrand, empfiehlt unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Es gibt kaum eine Stadt, in der die Weiterentwicklung des Zentrums nicht zu heftigen Debatten führt. Das Spannungsfeld zwischen Grün- und Freiflächen, Parkplätzen, Straßen und Radwegen führt immer wieder zu Konflikten: Kann eine autofreie Stadt überleben? Oder ist es gar die einzige Überlebenschance der Städte, den motorisierten Individualverkehr, wie das im Amtsdeutsch heißt, aus den Zentren zu verbannen?
Keine der mit den Fragen bereits gegebenen Antworten dürfte zu einem befriedigenden Ergebnis führen. Schwarz-Weiß-Lösungen sind keine guten Lösungen. Klar aber ist: Wer Aufenthaltsqualität erzielen möchte, der muss Räume schaffen. Und das ist speziell in Leonberg mehr als nur eine Herausforderung. Die Innenstadt ist zerfasert, eine kompakte Mitte gibt es nicht.
Deshalb zeigt die vom Leonberger Baubürgermeister Klaus Brenner herausgegebene Devise der Vernetzung in die richtige Richtung. Die betonlastige Stadtmitte rund ums Leo-Center und die ansehnliche Altstadt haben rein geografisch nichts miteinander zu tun. Ein Spaziergang zwischen Marktplatz und Neuköllner Platz, der selbst bei gemächlicher Gangart maximal 20 Minuten dauert, hat null Charme, führt er doch längs der viel befahrenen Eltinger Straße. Nur wer muss, geht hier freiwillig entlang.
Darum ist das nun endlich in die Gänge kommende Großprojekt Postareal und der Brückenschlag in Richtung Altstadt eine große, wenn nicht die einzige Chance, diese städtebauliche Wunde endlich zu heilen. Die von so manchem Kritiker verbreitete Mär, dass die geplante Bebauung alles nur schlimmer machen würde, ist allein deshalb schon unwahrscheinlich, weil das Leonberger Vorhaben ein Teil der Internationalen Bauausstellung ist.
Die IBA ’27, wie sie kurz heißt, ist ein architektonisch anspruchsvolles Programm für die Region, dessen Macher nicht im Verdacht stehen, einer Betonfraktion anzugehören. Der IBA-Intendant Andreas Hofer gilt als Koryphäe. Wenn er ein Projekt in den IBA-Kreis aufnimmt, darf man davon ausgehen, dass hier zukunftsweisende Architektur entsteht, die mehr Leben in die Stadt bringt und damit auch dem Handel und der Gastronomie hilft.
Wer dennoch skeptisch ist, dem sei ein Blick über den Tellerrand empfohlen. Und zwar ein realistischer, also keiner nach Paris oder London. Der Autor dieser Zeilen war unlängst privat in seiner Heimatstadt Neuwied am Rhein. Mit 66 000 Einwohnern ist sie die nördlichste größere Stadt in Rheinland-Pfalz, direkt hinter dem Kreis Neuwied beginnt Nordrhein-Westfalen. Auch hier wird seit vielen Jahren nach Wegen für ein attraktives Zentrum gesucht.
Nun scheinen sie gefunden zu sein. Sukzessive wurden die Fußgängerzonen erweitert. Die Zahl der Außencafés hat zugenommen, mediterrane Stimmung bereichert den Mittelrhein. Der Marktplatz, früher jenseits der Marktzeiten ein Parkplatz, ist heute eine attraktive Freifläche mit viel Grün. Genauso die Situation am Rheinufer.
Als der Besucher aus dem Süden seinen Gastgebern seine Begeisterung mitteilte, reagierten diese mit einem gewissen Unverständnis: „Aber wir haben doch jetzt viel weniger Parkplätze.“ Der Exil-Neuwieder fühlte sich sogleich an seine Wahlheimat erinnert – die Diskussionen ähneln sich doch sehr.
Immerhin ging man in eine der erwähnten Außengastronomien: Die Atmosphäre war angenehm gelöst und freundlich. Und selbst die Parkplatzsuche war dann doch nicht so schwer, wie befürchtet. Es gibt also auch für Leonberg noch Hoffnung!