Mit 69 Jahren hat sich der Stadtplaner Karl-Josef Jansen den Traum von der Promotion erfüllt. Er hat den Scharnhauser Park entwickelt und ist jetzt Honorarprofessor.
Von der Landschaftstreppe schaut Karl-Josef Jansen auf die Schwäbische Alb. Die grüne Lunge des Scharnhauser Parks ist eines der zentralen Elemente des Ostfilderner Stadtteils, den der Stadtplaner auf dem Gelände der ehemaligen Nellingen Barracks entwickelt hat. Ökologie und Wohnbau für 9000 Menschen in Einklang zu bringen, das hat den 69-Jährigen gereizt. Nachdem er vor fünf Jahren in den Ruhestand gegangen war, schloss er 2024 seine Dissertation ab. Heute lehrt er an der Nürtinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt als Honorarprofessor.
Der Scharnhauser Park war für den Stadtplaner „eine Herausforderung, wie man sie nur einmal im Leben bekommt“. Als er 1992 als Stadtplaner nach Ostfildern kam, war die Konversion des ehemaligen Militärgeländes Nellingen Barracks sein erstes großes Projekt. Den neuen Stadtteil als klimafreundliches Modellprojekt „in der wirtschaftsstarken Region Stuttgart“ neu zu gestalten, das hat Jansen gereizt. Heute leben 9000 Menschen im Scharnhauser Park.
Mit dem Mulden-Rigolen-Entwässerungssystem und dem Nahwärmenetz haben die Ostfilderner Planer schon vor mehr als 20 Jahren ökologische Nachhaltigkeit im Städtebau umgesetzt. Da haben Jansen und sein Team vor Jahrzehnten vieles vorausgedacht, was heute in Zeiten des Klimawandels aktueller ist denn je.
Experten aus Zürich und Berlin für den Scharnhauser Park
Wichtig war es Jansen, den neuen Stadtteil nicht allein aus den lokalen Gegebenheiten heraus zu denken. Mit einem hochkarätig besetzten Gestaltungsbeirat hat er viele innovative Ideen in die Planung für den neuen Stadtteil eingebracht. Den Horizont der Stadt Ostfildern bewusst zu weiten, das war sein Ziel. Im Zuge der städtebaulichen Entwicklung des Baugebiets wurde 1999 in Ostfildern einer der ersten Gestaltungsbeiräte im Südwesten gegründet. „Uns war es wichtig, Expertinnen und Experten in dem Gremium zu haben, die ihre wissenschaftlichen Blick von außen einbringen.“ Der unverstellte Blick von Stadtplanern aus Zürich und Berlin auf den neuen Stadtteil im Herzen der Filderlandschaft hat aus seiner Sicht dazu beigetragen, dass die Wohnquartiere ihr eigenes Gesicht erhalten haben, und doch alle der klar festgelegten städtebaulichen Konzeption entsprechen.
Mit dem Baumhain, der Landschaftstreppe und den Bürgergärten ist der Stadtteil von viel Grün geprägt. Die Gräben und Abflüsse in den Straßen leiten das Wasser in ein riesiges Rückhaltebecken unter der Treppe ab. An den Rändern sind barrierefreie Rampen. Da flanieren Eltern mit Kinderwagen und Menschen mit Rollatoren. Auch Radler sind da unterwegs. Die Wohnquartiere haben jeweils unterschiedliche Bauträger gestaltet. Das städtebauliche Konzept ist von verschiedenen Wohnhöfen geprägt. Dass der Gestaltungsbeirat doch eine einheitliche Linie gefunden hat, ist für Jansen die große Kunst. Man habe viel Mut und Entschlossenheit gebraucht, um den klimafreundlichen Stadtteil zu realisieren, sagt Jansen heute.
Drei Projekte: vom Scharnhauser Park bis Heidelberg
Nachdem Jansen im Jahr 2020 in den Ruhestand ging, nahm er die Arbeit an seiner Dissertation wieder auf. Lange hatte er den Traum aufs Eis gelegt, da ihm der Arbeit als Stadtplaner in der stetig wachsenden Stadt mit 40 000 Einwohnern keine Zeit lies. „Die Vorarbeiten waren gemacht“, sagt Jansen. In der Arbeit untersucht er Erfolgsfaktoren dreier Konversionsprojekte – neben dem Scharnhauser Park sind das die Messestadt in München-Riem und die Bahnstadt in Heidelberg.
An der Universität der Bundeswehr in München schloss er die Doktorarbeit dann ab. Den Kontakt zur Wissenschaft hat der Stadtplaner immer gehalten. Seit 2010 ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen in den Fächern Strukturelle Planung, Entwicklungsplanung, Bauleitplanung. Dort lehrt er jetzt als Honorarprofessor. Die Arbeit mit den Studierenden macht ihm Freude. Da gibt der 69-Jährige nicht nur sein Wissen weiter: „Der Austausch mit der jungen Generation ist inspirierend.“
Wann ist ein Wohnquartier gelungen?
In der Stadtplanung geht es nicht nur um Architektur. Einen Lebensraum zu schaffen, der zu den Bewohnern passt, ist für Jansen ebenso wichtig. Was macht eine gelungene Entwicklung neuer Wohnquartiere aus? Da sieht der Stadtplaner Jansen immer die Menschen im Mittelpunkt. Zu diesem Fazit kommt er in seiner Doktorarbeit. „Eine Stadtentwicklung ist gelungen, wenn die städtebaulichen Ziele erreicht wurden und die Bewohner und Nutzer sich wohlfühlen und sich mit ihrem Stadtteil identifizieren.“
Der Scharnhauser Park
Geschichte
Auf dem Gelände der ehemaligen Nellingen Barracks ist der neue Stadtteil Scharnhauser Park entstanden, in dem heute mehr als 9000 Menschen leben. Die Landesgartenschau, die 2002 auf dem Gelände stattfand, war ein Motor der Stadtentwicklung. Die öffentlichen Grünflächen sind im Rahmen der Großveranstaltung entstanden und haben bis heute Bestand. Der Anschluss an die Stadtbahn war für Ostfildern ein Meilenstein. „Ohne den neuen Stadtteil hätte die Stadt Ostfildern den für uns so wichtigen Anschluss an die Stadtbahn nicht bekommen“, sagt der ehemalige OB Herbert Rösch.
Die Schapanesen
Eine große Herausforderung war es, die Menschen im neuen Stadtteil zusammenzubringen. Da hat der Bürgerverein Die Schapanesen viel geleistet. „Da es bei uns keine gewachsenen Vereinsstrukturen gab, haben wir Angebote gemacht, die unsere neuen Bewohnerinnen und Bewohner ansprechen“, sagt Ulrike Weitz, die Vorsitzende des Vereins. Das Angebot reicht von Nachbarschaftsflohmärkten über Sportangebote bis hin zu gemeinsamen Kinoabenden. Gemeinsam mit anderen Organisationen haben die Schapanesen auch einen Fairteiler am Sophie-Scholl-Haus installiert. Dort werden Lebensmittel verteilt, die sonst weggeworfen würden.