Stadtentwicklung in Stuttgart Bürger gehen in die Offensive

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Planungskultur in Stuttgart basiert auf dem Prinzip des Aussitzens und Durchwurschtelns – ob es sich um das Kulturquartier oder den Marktplatz handelt. Einige engagierte Bürger haben darum beschlossen, in die Offensive zu gehen.

Am 18. Juli 2010 bevölkerten Tausende die für den Verkehr gesperrte A40 bei Duisburg. So etwas soll es in diesem Sommer auch auf der B14 in Stuttgart geben. Foto: dpa
Am 18. Juli 2010 bevölkerten Tausende die für den Verkehr gesperrte A40 bei Duisburg. So etwas soll es in diesem Sommer auch auf der B14 in Stuttgart geben. Foto: dpa

Stuttgart - Was, zum Donner, ist eigentlich los mit dieser Stadt? Was muss noch passieren, damit Politik und Verwaltung aus ihrem Dämmerzustand er­wachen? Stuttgart: Nummer eins als Stauhauptstadt Deutschlands. Stuttgart: Nummer eins unter den Städten mit Fahrverbot. Gratulation, zwei Meistertitel in einer Woche, das soll uns erstmal einer nach­machen! Bei den höchsten Mieten hat es leider nur zu einer Bronzemedaille gereicht. So eilt man von Negativrekord zu Negativrekord, beruft sich trotzig auf seine relativen Erfolge, die unterm Strich keine sind – und macht, was man immer macht: Man wurschtelt sich so durch. Von einem Bild der Stadt, einer Vorstellung, wohin sie sich entwickeln, wie es mit der Mobilität weitergehen soll, wie mit der Wohnbaupolitik, wie überhaupt mit dem Leben und Arbeiten in Stuttgart keine Spur.

Die Bürger wollen dem Elend aber nicht länger tatenlos zusehen. Die einen schimpfen auf die Fahrverbote, die anderen machen sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder und demonstrieren gegen den Feinstaub, die dritten versuchen mit frischen Vorschlägen, Vereinsgründungen unter dem Namen „Aufbruch Stuttgart“ und offenen Briefen der Stadt Dampf zu machen. Allein, man hat den Eindruck, sie reden gegen eine Mooswand.

Zwei Beispiele aus jüngster Zeit, die ein Schlaglicht auf die örtliche Planungskultur werfen: Kurz nacheinander wird in öffentlicher Runde über Szenarien einer urbanen Verschönerung der Innenstadt im Zuge der geplanten Opernsanierung diskutiert. Das eine Mal auf Initiative der SPD, das andere Mal parteiunabhängig auf Initiative engagierter Stuttgarter. In ihren Zielen liegen die beiden Gruppen gar nicht so weit auseinander. Die Bürger begnügen sich jedoch nicht wie die SPD mit der Forderung nach einem später als Konzerthaus zu nutzenden Interimsbau in Opernnähe. Die 30 oder 40 Millionen für eine Ersatzspielstätte, die nicht abgebrochen werden muss, wenn sich ihr Zweck erledigt hat, wären nach überzeugender Ansicht der Sozial­demokraten nachhaltiger investiert.

Auf der Agenda steht nichts weniger als die Mobilitätswende

Stuttgart hätte etwas davon, weil es so die dringend benötigte Philharmonie be­käme, die Oper hätte etwas davon, weil sie während der rund vierjährigen Umbauzeit mit ihren Kulissen nicht nach Bad Cannstatt pendeln müsste und dabei Gefahr liefe, ihr Publikum zu verlieren, und für die Kulturmeile wäre ein Konzerthaus zweifellos ein würdigerer Auftakt als die bisher vorgesehene Schulturnhalle. Den Bürgern geht es darüber hinaus viel grundsätzlicher um die Rück­gewinnung des öffentlichen Raums: Weg von der „PS-Meile“, hin zu einem „lebendigen Kulturquartier“, so war die Podiumsdiskussion übertitelt, zu der Mitte Februar fast tausend Leute kamen.

Auf der Agenda, so viel ist klar, steht nichts weniger als die Mobilitätswende – eine auf die städtebauliche Modernisierung abzielende Abkehr von der auto­gerechten Stadt der Nachkriegszeit im Zeichen einer Stadt für Menschen. Und wie reagiert der Baubürgermeister? Er lächelt fein und sagt, dass man die Frischluftschneisen erhalten müsse. „Frischluftschneisen“? Das ist der Witz in Tüten. Gemeint ist damit das ungefähr handtuch­große Stück Grünfläche hinter dem Neuen Schloss namens Akademiegarten, wo jahrhundertelang die nach 1945 abgerissene Hohe Karls­schule stand. Im Namen der „Frischluftschneisen“ macht sich der Grüne jetzt also für die Beibehaltung der Abgasschneise B14 stark. Und eine Verlegung des Katharinenstifts zugunsten einer Interimsbühne/Philharmonie lehnt Peter Pätzold ab, weil die Schule gerade neue Fenster erhalten habe.

Hinter dieser Antwort steckt die alte baupolitische Haltung im Stuttgarter Rathaus, stets bei dem zu beginnen, was nicht geht. Das hat den Vorteil, dass es – wie alle faulen Ausreden – den Amtsträgern das Bohren dicker Bretter erspart. Aber wie sagte der frühere Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig auf dem Bürgerpodium im Hospitalhof? Zuerst müsse man seine städtebaulichen Ziele definieren und dann mit „ausgeprägtem politischen Willen“ nach Lösungen suchen, statt von den (vorgeschobenen oder eingebildeten) Hindernissen auszugehen.