Stadtentwicklung in Stuttgart Das Herz des Europaviertels

Die Stadtbibliothek in Stuttgart ist beliebt wie noch nie und profitiert dabei auch von ihrer Nachbarschaft. Die Bildungseinrichtung lockt viele Kunden aus dem Milaneo an, die nicht nur gucken, sondern auch leihen.

Christine Brunner, die Leiterin der Stadtbibliothek, fühlt sich zwischen Konsum und Baustelle sehr wohl. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Christine Brunner, die Leiterin der Stadtbibliothek, fühlt sich zwischen Konsum und Baustelle sehr wohl. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Uniform am Mailänder Platz unterscheidet sich von der in der Klett-Passage. Während man im Unterbau des Bahnhofs jede Menge Polizisten patrouillieren sieht, dominiert rund um das Milaneo der Jogginganzug. Hier geht man im grauen, schwarzen oder quietschbunten Sport-Zwei-Teiler auf Streife. An diesem Mittwochnachmittag wirkt das Areal zwischen dem Einkaufszentrum Milaneo und der Stadtbibliothek dabei wie ein Schmelztiegel unterschiedlicher Bedürfnisse. Die einen sind auf der Suche nach Textilien in Papiertüten, die anderen streben nach Bildung.

In der Stadtbibliothek herrscht ein ordentlicher Andrang. Wie immer wartet man zu lange auf einen der wenigen Aufzüge, um nach oben zu kommen. Vom Büro der Bibliotheksleiterin Christine Brunner im siebten Stock hat man einen spektakulären Ausblick auf das riesige Milaneo und auf die noch größere Baustelle hinter der Bibliothek. Die Frage, wie man sich zwischen Konsum und Bagger fühlt, beantwortet Brunner mit einem Lächeln. „Das hier ist das Gegenteil von einem Brennpunkt, es ist ein sehr entspannter Ort. Jetzt, im Winter, verbringen viele Menschen bei uns ihre Zeit. Das ist aber das Konzept der Stadtbibliothek. Unser Haus ist für alle Bürger offen.“

Am vergangenen Samstag wollten 7000 Besucher in die Bib

Das Problem der Stadtbibliothek sind keine marodierenden, mit Primark-Tüten bewaffnete Banden, sondern eine Nachfrage, für die das Haus nicht konzipiert wurde. „Am vergangenen Samstag hatten wir 7000 Besucher. Der Wachdienst musste den Gästen gestatten, sich auch auf den Boden zu setzen, weil keine Plätze mehr frei waren“, erzählt Christine Brunner.

Das Vorurteil, dass das Milaneo-Publikum und Besucher einer Bibliothek nicht kompatibel seien, kann sie nicht bestätigen. „Das touristische Interesse an unserem Haus hat zugenommen. Primark-Kunden kommen zu uns, um die Bibliothek von innen zu sehen.“ Die Bücherei verzeichne eine deutliche Zunahme von jungen Familien, die im Milaneo einkaufen und dann die Angebote der Bildungsanstalt nutzen. „Wir stocken Personal auf, das die Neuankömmlinge abholen soll“, so Brunner.

Es gibt kaum noch Medien zum Deutsch lernen

Und auch in anderer Hinsicht erlebt die Stadtbibliothek einen Run. „Seit vergangenem Sommer kann man bei uns kaum noch Medien ausleihen, um Deutsch zu lernen, auch hier stocken wir derzeit auf“, so Brunner. Die Bibliothek sei eben ein Haus, in dem Neuankömmlinge auf zwei Ebenen mit Heimat in Berührung kämen. „Mit der alten Heimat, weil man bei uns die Presse von Zuhause lesen oder Kontakte übers Internet halten kann, und mit der neuen Heimat über die Medien, die es bei uns zu Sprache und Kultur gibt.“

Gibt es auch Klagen über die Gäste der Bibliothek? Angesichts von 1,43 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr seien die zehn Hausverbote, die man laut Brunner aussprechen musste, ein verschwindend geringer Teil. Künftig will die Bibliothek noch enger mit der mobilen Jugendarbeit zusammenarbeiten. Den Streetworkern im Stuttgarter Norden gingen nämlich so langsam die Jugendlichen aus, weil die sich lieber rund ums Milaneo und auch in der Bibliothek treffen. „Viele Jugendliche kommen zum Chillen zu uns und zum Reden. Dafür wäre das Jugendhaus aber geeigneter. Andererseits würden wir sie gerne im Haus halten und versuchen, unsere Angebote künftig mit Jugendhaus-Inhalten zu kombinieren“, sagt Brunner.

Auch das Milaneo lockt täglich Zehntausende an

Einen weiteren positiven Aspekt habe die neue Nachbarschaft rund um die Bibliothek. Mit den neuen Nachbarn falle es ihr leichter zu erklären, wieso das Gebäude von außen so verschlossen wirkt, so die Bibliotheksleiterin: „Weil es sich abgrenzen soll von dem urbanen Leben hier. Wir bleiben aber das Herz des Europaviertels und werden immer über drei Stockwerke herausragen.“

Doch auch das Einkaufszentrum Milaneo könnte Anspruch auf den Titel „Herz des Viertels“ erheben. Spült es doch Zehntausende Menschen am Tag auf den Mailänder Platz. Gibt es angesichts einer solch stolzen Besucherzahl auch Ärger? „Im Vergleich mit anderen Centern sind die Zahlen bei Delikten wie Taschen- oder Ladendiebstahl sehr gering“, erklärt Centermanagerin Andrea Poul.

Einer der größten Mieter des Centers habe seine Filiale neulich als eine der sichersten in ganz Deutschland beschrieben, so Poul. Auch die Anrainer hätten laut der Milaneo-Managerin keinen Grund zu klagen. „Ich kenne keinen am Platz, der Angst hat, hier nachts auf die Straße zu gehen“, sagt sie. Das bestätigt auch eine Anwohnerin, die im Milaneo wohnt. „Im Dezember habe ich fast täglich die Polizei nachts rufen müssen, weil die Kinder den Brunnen als Skaterpark missbrauchen. Ich fühle mich nicht unsicher nachts, aber ich spaziere auch nicht völlig naiv hier durch die Gegend“, sagt die Anwohnerin.

Das Viertel ist nicht mehr kafkaesk, sondern belebt

Fragt man bei der Polizei nach, wie sie das Areal am Mailänder Platz wahrnimmt, kommt eine relativierende Einschätzung. Das Areal sei als eine Art Brennpunkt zu sehen. Allerdings gebe es definitiv keine Häufung von Straftaten. Es gehe eher um alles, was Jugendliche in einer Großstadt machen: Lärmen, Pöbeln, Raufen. Von einem neuen Schwerpunkt der Jugendkriminalität könne man aber nicht sprechen.

Letzte Frage an Christine Brunner in Anlehnung an das Bonmot von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), das Europaviertel sei kafkaesk. Die größte Stärke von Kuhns Ausspruch: Keiner wusste so genau, was er damit meint. Also, Frau Brunner, wie viel Kafka steckt heute noch im Viertel? Sie lacht. „Nicht mehr viel. Hier war es schon belebt, als die Pariser Höfe noch nicht einmal fertiggestellt waren.“ Das führt zur dritten Uniform, die zwischen Klett-Passage und Mailänder Platz zu beobachten ist: Anzug und Krawatte, kombiniert mit gehetzter Miene. Willkommen am neuen Stuttgarter Schmelztiegel.

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