Stadtentwicklung in Stuttgart Experten fordern 8000 neue Wohnungen

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Mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingszahlen wird Kritik an den Neubauzielen des Stuttgarter OB Fritz Kuhn laut. Mieterverein, Eigentümerlobby und Immobilienwirtschaft sind sich überraschend einig.

Stuttgart setzt beim Wohnungsbau, wie hier beim Olgäleareal, auf Nachverdichtung. Foto:  
Stuttgart setzt beim Wohnungsbau, wie hier beim Olgäleareal, auf Nachverdichtung. Foto:  

Stuttgart - Aus Sicht der Bauwirtschaft ist es ­angesichts des aktuellen Flüchtlingszustroms unverständlich, dass das Stuttgarter Rathaus an seinen Wohnbauzielen festhält. Marc Bosch, Vorsitzender der Immobilienwirtschaft Stuttgart (IWS), hält bis zu 8000 neue Wohnungen pro Jahr für notwendig. Der Wohnungsbau müsse massiv forciert werden, fordert Bosch. Die Verwaltung bleibt hingegen bei der Marke von 1800 Einheiten.

„Das fehlende Wohnungsangebot in Stuttgart ist offensichtlich“, sagt der Vorsitzende Bosch. Durch die Flüchtlingskrise werde das Problem noch deutlich verstärkt. Bosch geht davon aus, dass die Zahl der Asylsuchenden, die in der Region bald auf Wohnungssuche gehen werden, noch deutlich steigen wird. „Es liegen Aussagen auf dem Tisch, dass die Menge der nachziehenden Angehörigen die aktuelle Zahl um den Faktor vier erhöhen kann“, sagt er. Und: „Auch werden die Flüchtlinge, welche jetzt in den ländlichen Gegenden untergebracht sind, mittelfristig in die wirtschaftlich stärkere Region Stuttgart ziehen.“ Hier müsse man sich die 5400 Menschen vor Augen führen, die derzeit in Unterkünften in Sigmaringen und in Meßstetten untergebracht sind, so Bosch.

Wohnungsbau auf der grünen Wiese?

Unter diesen Voraussetzungen sei es notwendig, den Wohnungsbau in Stuttgart und der Region massiv zu forcieren, fordert der IWS-Chef: „Es ist unverständlich, wenn man an dem Neubauziel von nur 1800 Wohneinheiten pro Jahr festhält.“ Als Lösung schlägt Bosch vor, neue Baugebiete auszuweisen. Nur so könne die erforderliche Anzahl neuer Wohnungen realistisch gebaut werden. „Im Innenbereich allein ist das nicht zu schaffen.“ Es sei daher unumgänglich, dass die Stadt ihre Haltung gegen die Ausweisung neuer Baugebiete auf der grünen Wiese rasch überdenke und an die tatsächlichen Gegebenheiten anpasse.

Wie viele neue Wohnungen genau ­gebaut werden müssten, könne derzeit kaum jemand einschätzen, fügt er an. Doch seien die Zahlen des Pestel-Instituts sicher nicht unrealistisch. Der IWS-Chef bezieht sich damit auf eine Studie zum Stuttgarter Wohnungsmarkt, in der die Forderung nach knapp 8000 neuen Wohnungen pro Jahr geäußert wurde.

Bosch setzt trotz seines Appells in Richtung Rathaus nicht auf Konfrontation. „Die anstehenden Aufgaben sind nur gemeinsam zu schaffen, und der Dialog muss schnell geführt und ausgebaut werden. Die Immobilienbrache steht dazu bereit“, erklärt der IWS-Chef. Es sei notwendig zusammenzurücken, fügt er hinzu. „Am Ende ist das eine gesellschaftliche Aufgabe.“

Die Stadt sieht sich auf einem guten Weg

Die Verwaltung sieht sich derweil auf dem richtigen Weg: „Gut ist, dass im vergangen Jahr insgesamt 1914 Wohnungen fertig gestellt wurden. Das sind so viele wie seit Anfang des Jahrhunderts nicht mehr“, sagt der Stadtsprecher Sven Matis. Das Ziel von 1800 neuen Wohnungen pro Jahr bleibe ambitioniert, meint er. „Der Kessel bietet nur begrenzt Platz, und die grüne Wiese soll nicht zubetoniert werden“, fügt Matis hinzu. Die Flüchtlinge mit Bleiberecht unterzubringen erschwere die Lage allerdings zusätzlich, gibt Matis zu. „Deshalb unterstützt die Stadt Initiativen, mit erhöhten steuerlichen Abschreibungen mehr Wohnungen für Haushalte mit Wohnberechtigungsschein zu schaffen“, erklärt der Sprecher.

Unterstützung erhält IWS-Chef Bosch vom Mieterverein: „Die Neubauziele der Stadt sind inzwischen von der Realität weit überholt“, erklärt der Vereinschef Rolf Gaßmann. „Wir halten es für möglich, durch Mobilisierung aller im Flächennutzungsplan vorgesehenen Grundstücke jährlich rund 3000 Wohneinheiten pro Jahr zu erreichen – und das für die nächsten fünf Jahre. Die bislang für den Wohnungsbau vorgesehenen Grundstücke werden nicht reichen“, erklärt der Chef des Mietervereins. Daher seien nun kreative Vorschläge gefordert, so Gaßmann weiter. Etwa die Umnutzung von nicht mehr benötigten Gewerbeflächen zur Wohnbebauung, beispielsweise das Areal vom Kohlekraftwerk in Gaisburg bis hin zur Gaisburger Brücke und darüber hinaus in Richtung Mineralbäder.

Mieterlobby, Haus und Grund und Bauwirtschaft einig

In seltener Eintracht springt die Eigentümerlobby Haus und Grund dem Mieterverein und dem IWS zur Seite. „Die Neubauziele der Stadt reichen nicht aus“, erklärt der Geschäftsführer Ulrich Wecker. Die 1800 neuen Wohnungen habe OB Fritz Kuhn (Grüne) lediglich damit begründet, dass dies bereits eine erhebliche Anstrengung bedeute. „Was nach wie vor fehlt, ist eine seriöse Bedarfsprognose.“ Wecker fügt an: Das IW-Institut in Köln habe kürzlich einen jährlichen Bedarf von 3491 neuen Wohnungen bis 2020 und 2941 Einheiten bis 2030 für Stuttgart ermittelt.




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