Seit das IT-Unternehmen IBM im Jahr 2009 die frühere Hauptverwaltung geräumt hat, steht das Areal leer – und hat mittlerweile mehrfach den Besitzer gewechselt. 2013 stellte zunächst der Insolvenzverwalter aufgrund des sich zunehmend verschlechterten Zustands der Gebäude einen Abrissantrag. Daraufhin berief Oberbürgermeister Fritz Kuhn ein Kolloquium ein, um das Kulturdenkmal mit den denkmalgeschützten Büropavillons des Architekten Egon Eiermann vor dem weiteren Verfall zu bewahren und deren Erhalt auch bei einer Neunutzung des Geländes zu sichern. Selbst kaufen wollte die Stadt das Gelände damals freilich nicht.
Areal hat seit 2015 mehrfach den Besitzer gewechselt
2015 erwarb zunächst die Düsseldorfer PDI und spätere Gerchgroup das Grundstück. 2016 gewann das Münchner Büro Steidle Architekten in Kooperation mit Realgrün Landschaftsarchitekten den städtebaulichen Wettbewerb für das Quartier. Leitidee des Siegerentwurfs ist ein geschwungenes Schleifenhaus entlang der Autobahn 8/81, das die Eiermann-Bauten als bewohnbare Lärmschutzwand umschließt. Im Quartiersinneren sind demnach Grün- und Naherholungsflächen mit einem See sowie rund 2000 Wohnungen und Arbeitsplätze nebst entsprechender Infrastruktur für etwa 4000 Menschen vorgesehen. Zwei Jahre später übernahm die schweizerische SSN-Group, die noch im gleichen Jahr von der Consus Real Estate geschluckt wurde. Mit dem Berliner Projektentwickler und seinen Stuttgarter Statthaltern wähnte sich die Stadt endlich auf einem guten und beständigen Weg zu einem neuen Stadtquartier.
Seit allerdings 2020 Consus in dem luxemburgische und auf Wohnungsbau spezialisierte Immobilienkonzern Adler aufging, mehren sich die Negativschlagzeilen. Adler ist laut Medienberichten angesehener Wirtschaftszeitungen in finanzielle Schieflage geraten, ist bundesweit bei Bauprojekten etwa in Düsseldorf, Hamburg, und Berlin im Verzug und muss offenbar 14 000 der 70 000 Wohnungen aus seinem Portfolio verkaufen, um Schulden abzubauen. Die „Wirtschaftswoche“ spricht von „Bau im Schneckentempo“, die Hessenschau von „Luftschlössern“. Das Handelsblatt berichtete über harsche Kritik von Investoren am Management der Adler-Gruppe, die Rede war von Missmanagement, Manipulation und sogar von Betrug. Auch bei Conus soll es laut einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ Zahlungsschwierigkeiten gegeben haben: Demnach seien dort seit Frühjahr 2021 unbezahlte Rechnungen von Handwerkern, Architekten und Bauunternehmen im Umfang von 80 Millionen Euro aufgelaufen.
Im Rathaus wächst das Misstrauen gegenüber dem aktuellen Investor
An der Rathausspitze, aber auch im Gemeinderat registriert man die Berichte mit zunehmender Sorge. „Die Stadtverwaltung hat die Entwicklungen bei der Adlergroup registriert und zur Kenntnis genommen, diese geben in der Tat Anlass zu Bedenken“, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Im Bezug auf den Eiermann-Campus sei die Verwaltung „im Austausch mit den Investorenvertretern“. Diese hatten zuletzt im Dezember 2021 im Ausschuss für Stadtentwicklung über den Stand des Bebauungsplanverfahrens berichtet – der Satzungsbeschluss soll eigentlich spätestens im kommenden Jahr gefasst werden.
Dem Linksbündnis im Gemeinderat ist die Entwicklung suspekt. Es fordert von der Verwaltung einen baldigen Bericht darüber, ob die Turbulenzen beim Mutterkonzern Adler Auswirkungen auf die Entwicklung des jetzt unter dem Begriff VAI-Campus vermarkteten Areals haben. Die Fraktionsgemeinschaft hatte bereits 2015 dafür plädiert, die Stadt solle den Eiermann-Campus selbst erwerben und dann nach ihren Vorstellungen gestalten: Das aber hatten der damalige Finanzbürgermeister Michael FölL (CDU) und die Ratsmehrheit abgelehnt. „Jetzt rächt sich die damalige Entscheidung, nicht zu kaufen, wie es die Stadt leider auch heute noch bei anderen Arealen praktiziert“, kommentiert Luigi Pantisano vom Linksbündnis.
Auch am anderen Ende des politischen Spektrums, bei der CDU, zeigt man sich besorgt über die Lage: Der Eiermann-Campus dürfe nicht zu einer „endlosen Hängepartie“ werden“, die „undurchsichtige Struktur“ des neuen Eigentümers werfe Fragen auf, heißt es aus der Unionsfraktion. Auch eine Kaufoption wird nicht mehr ausgeschlossen: „Wenn das Areal je auf den Markt geworfen werden sollte, müssten wir das prüfen, obwohl wir als Stadt nicht jeden Preis zahlen können“, so Stadtrat Carl-Christian Vetter.
Adler-Group: „Wollen Wohnungen in unseren Bestand überführen“
Mittlerweile ist der Wohnungskonzern Vonovia mit 20,5 Prozent der Anteile bei Adler eingestiegen. Vonovia hatte dabei ein Aktienpaket des Adler-Großaktionärs Aggregate Holdings Invest übernommen, das dieser als Sicherheit für einen Vonovia-Kredit verpfändet hatte. Die Adler-Gruppe selbst bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung, das „Projektentwicklungen, die nicht strategiekonform sind, schrittweise und abhängig vom Grad der Fertigstellung verkauft werden“. Dies gilt laut einer Unternehmenssprecherin aber nicht für das frühere IBM-Grundstück: „Der VAI-Campus wird von uns als build-to-hold-Projekt entwickelt. Das bedeutet, dass wir die entstehenden Wohnungen nach deren Fertigstellung in den Bestand der Adler Group übernehmen.“ Dies entspreche der „strategischen Ausrichtung“ des Unternehmens mit dem Fokus auf Wohnimmobilien in den Top-7-Städten Deutschlands. Zur Frage, ob ein späterer Verkauf ausgeschlossen sei, äußerte sich das Unternehmen nicht.