Stadtentwicklung in Stuttgart Wie hoch ist der Preis für den Eiermann-Campus?

So sahen einst die hochfliegenden Pläne für das frühere IBM-Gelände aus. Foto: Steidle Architekten

Die Befürchtung steht im Raum, dass der Investor Adler-Group pleite geht und der Eiermann-Campus zum Spekulationsobjekt werden könnte. Die Ratsmehrheit ist dafür, Gespräche über einen Kauf des Grundstücks zu führen. Wie hoch ist der Preis?

Soll die Stadt Stuttgart für die in finanziellen Schwierigkeiten steckende luxemburgische Adler-Group in die Bresche springen und das frühere IBM-Gelände in Vaihingen selbst erwerben? Darüber hat der Ausschuss für Stadtentwicklung am Dienstag hinter verschlossenen Türen debattiert. Einig sind sich die Fraktionen darin, dass man zumindest das Gespräch mit dem bisherigen Investor suchen sollte, um auszuloten, welche Optionen die Stadt hätte. Nach Informationen unserer Zeitung haben Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) und Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) die Verantwortlichen des Projektentwicklers Consus Real Estate – einer Tochter des luxemburgischen Mutterkonzerns – noch vor dem kommunalpolitischen Sommerpause zum Gespräch über den Eiermann-Campus eingeladen.

 

Bekanntlich ist die Adler-Gruppe in schwere finanzielle Turbulenzen geraten und erwägt mittlerweile den Verkauf einzelner zu ihrem Portfolio gehörenden Projekte. Viele Kommunen in Deutschland stehen nun vor dem selben Problem: Sollen sie die von Adler für Wohnungsbau vorgesehenen Grundstücke aufkaufen und selbst entwickeln, um die Situation auf dem Wohnungsmarkt nicht noch weiter zu verschärfen, und wenn ja, welche Kosten sind damit für den Stadthaushalt verbunden.

Die Adler-Group muss ihre Schulden abbauen. Deren Verwaltungsratschef Stefan Kirsten hat bei der Hauptversammlung der Adler-Group eingeräumt, dass der Konzern die Veräußerung weiterer Immobilien in Betracht ziehen sollte, um anstehende finanzielle Verpflichtungen zu bedienen. Offenbar sei man im Adler-Führungsteam bereit, so der Immobilien-Branchendienst Thomas Daily, gegenüber den Buchwerten in der jüngsten Bilanz bei solchen Verkäufen auch moderate Verluste hinzunehmen. Was das für den 20 Hektar großen Eiermann-Campus bedeuten würde, ist unklar.

Stopp des Bebauungsplanverfahrens verhindert Wertsteigerung

Immobilienexperten beziffern den Bruttoinventarwert des Geländes – also jenen Wert, der rechnerisch die Substanz eines Fonds aus Sicht des Anlegers darstellt – auf rund 280 bis 300 Millionen Euro. Das Entwicklungsvolumen wird auf rund eine Milliarde Euro taxiert. Consus wollte auf dem Gelände der ehemaligen IBM-Deutschlandzentrale, das seit 13 Jahren nicht mehr genutzt wird, das durch die vier vom Architekten Egon Eiermann errichteten denkmalgeschützten und sanierungsbedürftigen Büropavillons gekennzeichnet ist, ursprünglich einen neuen Stadtteil mit Wohnungen und Büros für bis zu 4000 Menschen nebst zugehöriger Infrastruktur errichten. Nach Bekanntwerden der Turbulenzen bei der Konzernmutter Adler hatte Bürgermeister Pätzold das Bebauungsplanverfahren vorläufig gestoppt. Mit gültigem Bebauungsplan wäre das Areal deutlich im Wert gestiegen und damit der Grundstücksspekulation Tür und Tor geöffnet worden: Bei einem Weiterverkauf hätte Adler den entstandenen Planungsgewinn eingestrichen. Das wollte die Stadt unter allen Umständen verhindern.

Wie könnte sich die Stadt in den Besitz des Grundstücks bringen?

Die Ratsmehrheit ist sich einig, dass die Stadt versuchen sollte, in den Besitz des Areals zu gelangen. Inzwischen bezeichnet auch die SPD die Tatsachen, dass man das seit 2015 bereits durch mehrere Hände gegangene Areal nicht schon damals gekauft hat, als „historischen Fehler“. Das Linksbündnis, das dies bereits vor sieben Jahren gefordert hatte, sieht sich bestätigt. Und auch Grüne und CDU denken an einen Kauf, auch wenn die Christdemokraten offenbar Bedenken wegen des hohen Investitionsvolumens haben.

Auf welchem Weg man in den Besitz des Grundstücks gelangen und Stuttgarts zweitgrößtes Wohnungsbaugebiet nach dem Rosensteinquartier dann in Eigenregie realisieren könnte, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. So sieht etwa die CDU die vom Linksbündnis vorgeschlagene Definition des Areals als städtebauliche Entwicklungsfläche als problematisch an, da dafür laut Baugesetzbuch der Investor insolvent sein müsste. SPD und Linksbündnis dagegen sehen in der städtischen Entwicklungsfläche weiterhin eine Möglichkeit, die Flächen für die Stadt zu sichern – schließlich sei es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Adler in die Insolvenz rutsche.

Die Aktien des Immobilienriesen mit einem Wohnungsbestand von 70 000 Einheiten, an dem mittlerweile auch der Wohnungskonzern Vonovia beteiligt ist, haben nach Bekanntwerden der Probleme massiv an Wert verloren. Zuletzt weigerte sich die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, den vorgelegten Jahresabschluss für das abgelaufene Geschäftsjahr zu bestätigen.

Linksbündnis: Chefstratege Körner soll sich um das Thema kümmern

Das Linksbündnis nimmt auch den neuen Chefstrategen im Rathaus, den ehemaligen SPD-Fraktionschef Martin Körner, in die Pflicht. Am Beispiel Eiermann-Areal könne Körner, der sich stets für mehr Wohnungsbau in der Stadt starkgemacht hat, zeigen, wie ernst es ihm mit dem Thema Wohnen sei.

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