Stadtentwicklung in Stuttgart Wie steht’s um den Eiermann-Campus?
Das neue Wohn- und Arbeitsquartier auf dem früheren IBM-Areal in Stuttgart-Vaihingen verzögert sich. Bis zur IBA 2027 soll aber zumindest der erste Bauabschnitt fertig sein.
Das neue Wohn- und Arbeitsquartier auf dem früheren IBM-Areal in Stuttgart-Vaihingen verzögert sich. Bis zur IBA 2027 soll aber zumindest der erste Bauabschnitt fertig sein.
Stuttgart - Es gilt als das zweitgrößte Neubaugebiet der Landeshauptstadt nach dem Rosensteinquartier: der Eiermann-Campus im Stadtbezirk Vaihingen. Auf dem früheren IBM-Areal sollen einmal circa 1800 Wohnungen und Büros für bis zu 5000 Menschen entstehen. Doch nach anfänglicher Euphorie und der Hoffnung auf mehr Wohnraum gerade auch für Familien und Stundenten zieht sich das Bebauungsplanverfahren inzwischen wie ein Kaugummi. Ob das Projekt rechtzeitig zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 sichtbar wird, steht aber noch in den Sternen. Die Investoren bleiben optimistisch, bei der Stadt fand sich auf Anfrage kein kompetenter Gesprächspartner zu Auskünften bereit.
Das letzte Lebenszeichen des Projekts stammt aus dem Oktober 2020. Damals wurde dem Ausschuss für Stadtentwicklung ein Zwischenbericht zum Stand des Bebauungsplanverfahrens präsentiert. Einen Monat zuvor hatten die Planer des Investors, der Düsseldorfer Consus Developement, noch sehr zuversichtlich geklungen: Der Bebauungsplan werde Mitte 2021 rechtskräftig werden, bald danach könnten dann die Bagger anrücken. Mittlerweile ist der Zeitplan obsolet, allerfrühestens im Herbst kann der Gemeinderat den Bebauungsplan verabschieden.
Auf seiner Homepage hält das Unternehmen gleichwohl an einem Baustart noch in diesem Jahr fest, Fertigstellung wäre demnach 2026 und damit ein Jahr vor Beginn der IBA. Ob das noch realistisch ist, sei dahingestellt. Zur Verzögerung beigetragen haben sicherlich die zahlreichen Wechsel der Besitzverhältnisse. Das rund 181 000 Quadratmeter große Grundstück war zunächst vom Immobilienfonds CB Richard Ellis an die Gerch-Group um den Geschäftsmann Matthias Düsterdiek verscherbelt worden, der auch mal Besitzer der Villa Berg war. 2017 veräußerte Düsterdiek das Gelände an die schweizerische SSN-Group mit Sitz in Zug, wenig später wiederum ging diese in der Düsseldorfer Consus auf.
Die Grundzüge der Planung wurden bereits 2013 im von dem damaligen OB Fritz Kuhn (Grüne) initiierten sogenannten Eiermann-Kolloquium festgezurrt, nachdem die Fondsgesellschafter zuvor pleitegegangen waren und der Insolvenzverwalter einen Abrissantrag für die denkmalgeschützten, markanten fünf Bürogebäude des Architekten Egon Eiermann aus den 1960er Jahren gestellt hatte. Das Ergebnis: Eine Nachverdichtung des Areals wurde unter der Bedingung in Aussicht gestellt, dass die Bürogebäude erhalten und saniert werden. Vor allem die CDU wollte einen Gewerbe- und Büroanteil von 70 Prozent, den Wohnanteil auf 30 Prozent beschränken. 2018 entschied der Gemeinderat, dass auf dem Areal überwiegend Wohnungen nebst zugehöriger Infrastruktur (Grundschule, Pflegeheim, fünf Kitas, Spielflächen und Sporthalle) gebaut werden sollen. Den folgenden städtebaulichen Wettbewerb entschieden schließlich das Münchner Büros Steidle Architekten und Realgrün Landschaftsarchitekten für sich. Der Clou des Projekts ist das sogenannte Schleifenhaus, das entlang der Autobahn einen Lärmschutzriegel für das Quartier bildet und zugleich Wohnungen für rund 400 Studenten und Studentinnen bereitstellt.
Beim Ortsbesuch auf dem riesigen Gelände im Dreieck zwischen Autobahn 831, A 8 und der Pascalstraße räumt Hermann Stegschuster von Consus ein, der ursprüngliche Zeitplan sei „sehr sportlich“ angelegt gewesen. Stegschuster, der den Titel Projektdirektor trägt, residiert mit seinem kleinen Team von Projektentwicklern in jenem Eiermann-Nachbau auf dem Campus, der später einem See weichen soll. Das Gras um die Gebäude steht teilweise meterhoch, von Baggern ist weit und breit noch nichts zu sehen.
Stegschuster sieht das Milliardenprojekt dennoch auf einem guten Weg. Er lobt die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, verweist aber auch auf „komplexe Fragestellungen“, die noch zu klären seien: Wie entwickelt sich die Arbeitswelt nach Corona, was bedeutet das für die insgesamt 30 000 Quadratmeter Bürofläche in den denkmalgeschützten Eiermann-Gebäuden? Braucht es wirklich 2200 unterirdische Stellplätze, oder kann die Zahl durch Seilbahn- und Stadtbahnanschluss reduziert werden? Muss die energetische Sanierung der Eiermänner angesichts des rasanten Klimawandels technisch neu konzipiert werden?
Bis September, so hofft Stegschuster, könnten die noch offenen Punkte geklärt sein, der Bebauungsplan dann im ersten Quartal 2022 ausgelegt werden. Zuvor muss der städtebauliche Vertrag zwischen Investor und Stadt ausgehandelt werden, um die grundsätzlichen Ziele der Bebauung und die Finanzierungsanteile zu regeln. Baubeginn soll dann ein Jahr später sein, damit zumindest das Schleifenhaus mit den Studentenwohnungen noch rechtzeitig zur IBA fertiggestellt wird. Wohnungen, die die Landeshauptstadt wahrlich gut gebrauchen kann.